Krault Euch frei!

Wer lange Zeit im Wasser zubringt, ein paar Stunden oder ganze Tage, der hat immer einen klaren Kopf und bleibt bis ins hohe Alter fit. Eine Hommage an das Schwimmen.

| 3. September 2015 | AKTUELL

Hamburger Freiwasserschwimmen 2015 - 09

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Krault Euch frei!

"So ein Schwimmerhoch ist gigantisch, ein einzigartiges Glücksgefühl. Man wird eins mit dem Wasser."
Ein Armzug rechts, einer links, einer rechts und wieder einer links. So geht das nun schon viele Stunden lang. Seit früh am Morgen schwimmen wir nebeneinander her. Langsam und gemächlich - und doch mit kräftigen Armbewegungen. Abgesehen von ein paar kurzen Pausen sind wir seit gut acht Stunden im Wasser - noch nicht am Etappenziel angekommen, aber längst in Trance. Die paar Schaulustigen am Flussufer beachten wir nur selten.

Langstreckenschwimmer sind ganz bei sich, sie können sich ja schlecht unterhalten. Und doch verstehen sie sich mitunter fast blind, im Wasser und nach dem Kraftakt am Ufer sowieso.

Freiwasserschwimmen | Sport macht den Kopf frei - und schützt vor Burn-out und Depression.

Sport macht den Kopf frei - und schützt vor Burn-out und Depression.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Besondere Glücksgefühle

Wer ein paar Stunden oder ganze Tage im Freiwasser krault, etwa in der Nordsee vor Sylt oder im Neckar, der erreicht früher oder später einen Punkt, den man als Swimmer's High bezeichnen kann. So ein Schwimmerhoch ist gigantisch, ein einzigartiges Glücksgefühl. Der Schwimmer wird eins mit dem Wasser. Die Bewegungen haben sich spätestens nach ein paar Stunden komplett automatisiert. Das Eintauchen der Hände zu Beginn eines jeden Armzugs erzeugt ein stetiges, leises Geplätscher, das sich mit dem gurgelnden Geräusch des Unterwasser-Ausatmens zum Soundtrack der Vollkommenheit mischt.

Das Wasser ist nicht mehr der Gegner, sondern ein guter alter Kumpel. Klar, der Krauler muss das Wasser überwinden - doch immer wenn ihm das gelingt, dann wird er stärker. Körperlich, aber auch mental. Und er bleibt fit bis ins hohe Alter.

Die Qualen beim Langstreckenschwimmen machen glücklich, auch später, nach dem Kraulen. Qual und Glück sind wie Zwillinge. Wer sein Ziel im Wasser erreicht - das andere Seeufer oder die angepeilte Kilometerzahl -, der hat beste Chancen, auch an Land weiterzukommen, im Job und im Privatleben, der lässt sich nicht so schnell entmutigen, auch nicht vom Wind, wenn dieser mal stark von vorne bläst.

Neckarschwimmen | Martin Teschpe beim Neckarschwimmen.

Martin Teschpe beim Neckarschwimmen.

Foto >bahn9.de