Im Hagelschauer durch den Plöner See

Der Tag war ganz anders geplant. Ohne Hagel und Schneeschauer. Aber Frühlingswetter kann man sich halt nicht bestellen. Unser Autor will 2016 ein paar der größten Seen in Deutschland queren. Der Start des Projekts Seensucht.

| 30. April 2016 | AKTUELL

Plöner See 09 | Martin Tschepe schwimmt im Plöner See.

Martin Tschepe schwimmt im Plöner See.

Foto >Michael Kuhr

Na toll. Schneetreiben. Hagelschauer. Und nachts Minustemperaturen. Und das Ende April. Dabei hatte ich mir alles so schön vorgestellt. Vielleicht zwölf oder 13 Grad Wassertemperatur und möglichst viel Sonnenschein für die Querung des Plöner Sees südlich von Kiel. An diesem Frühlingstag Ende April hat das Seewasser aber gerade mal zehn Grad, leider, und die Luft um die Mittagszeit drei Grad. Es ist schweinekalt. Quasi ein Wintertag. Besserung ist nicht vorhergesagt. Aber der Start abgesprochen.

Eigentlich will ich ein paar der größten Seen in Deutschland ja ganz allein queren, mit einem wasserdichten Gepäcksack im Schlepptau. Eventuell ab und zu mit dem ein oder anderen Mitschwimmer. Das schon. Gerne sogar würde ich Gleichgesinnte treffen, die sich auskennen. Schwimmen will ich indes ohne sonstige Begleitung. Eigentlich. 

"Lieber nur ein kleines Stück"

Doch die Lokalzeitung aus Eutin hat Wind von der Sache bekommen, will berichten und hat gleich die örtliche DLRG angeheuert. Und Sven Sacknieß rät ab. "Schwimm lieber nur ein kurzes Stück", sagt der erfahrene Lebensretter, der direkt am Ufer eine Gaststätte mit Hotel betreibt. Der Mann, der das DLRG-Motorboot Seeadler lenken wird, weiß: Der etwa acht Kilometer lange See "ist tückisch". Und überhaupt. Auf so eine Schnapsidee sei bis dato noch keiner gekommen. Den Plöner See bei Schneetreiben durchschwimmen? Sven schüttelt den Kopf. Doch wir einigen uns. Ich schwimme zunächst von Bosau am Ostufer nach Nordwesten - quer über den See zur Prinzeninsel. Geschätzt zwei Kilometer. "Und dann weiter bis nach Plön", sage ich. Sven willigt zwar ein, bleibt aber skeptisch.

Plöner See | Das Plöner Schloss weist den Weg.

Das Plöner Schloss weist den Weg.

Foto >Michael Kuhr

Der Himmel ist grau. Die Begleitcrew steckt in dicken Jacken. Ich hab mich für die volle Neoprenmontur entschieden. Auch wenn ich ein paar von meinen Eisschwimm-Freunden schon lästern höre. "Du bist doch den ganzen Winter über nur mit Badehose geschwommen." Stimmt, manchmal sogar bei drei Grad Wassertemperatur - aber maximal einen Kilometer weit. Meistens kürzere Strecken. Hinüber bis zur Prinzeninsel und weiter bis nach Plön sind es rund 4,5 Kilometer, wenn ich ohne Umwege vorankomme. Also im Neo.

Kurs Plöner Schloss

Und los geht’s. Das Wasser ist kalt, aber nicht zu kalt. Nach ein paar kräftigen Kraulzügen geht vorerst nichts mehr. Der See ist nur noch ein paar Zentimeter tief. Also ein bisschen waten. Dann weiter schwimmen. Gelegentlich ein Blick gen Himmel. Kommt sie vielleicht doch kurz mal hinten den Wolken hervor, die Sonne? Aber nein. Dieses Schwimmen ist und bleibt grau.

Getränke mitnehmen, das ist nicht nötig. Das Seewasser schmeckt super. Trinkwasserqualität, hat Seven vorhin gesagt. Und nicht zu viel versprochen. Ich komme ganz gut voran, gucke immer wieder nach vorne zur Prinzeninsel und zur Seite, ob die Seeadler noch in der Nähe ist. Alles gut. Bald kommt das Plöner Schloss ins Blickfeld. Eine gute Orientierungshilfe. Erst zur Insel, dann immer in Richtung Schloss. Das prunkvolle weiße Gebäude kann man gar nicht übersehen.

Später bei einem warmen Kaffee werden Sven und der Herr Lokalreporter, der seit gut 30 Jahren in der Region arbeitet, erzählen, dass das Schloss im Sommer bei vielen Badegäste beliebt ist, weil es auch ihnen während des Schwimmens Orientierung gibt. Vom Bosauer Sandstrand, der auf einer Art Halbinsel liegt, müsse man ein gutes Stück hinaus in den See schwimmen, erst dann kann man das Schloss sehen. Diese Strecke hin und wieder zurück sei sein persönliches kleines Seeschwimmen, sagt Sven und lacht.

Heißer Tee nach 5 Kilometern

Wir sind mittlerweile an der Prinzeninsel vorbei. Der Wind sorgt für Wellengang. Die Seeadler schaukelt, und der Schwimmer auch. Eben haben wir eine berüchtigte Stelle im See gequert. Im Zweiten Weltkrieg wurden im Plöner See Torpedos getestet. Angeblich liegen Teile der Waffen nach wie vor im bis zu 60 Meter tiefen Gewässer. Das jedenfalls erzählt man sich am See.

Nicht gerade mit Torpedogeschwindigkeit, wohl aber einigermaßen flott komme ich voran. Mit geschätzt knapp vier Kilometern pro Stunde. Dann wird’s richtig ungemütlich. Einmal verschlucke ich mich ordentlich an einer Welle und bekomme keine Luft. Die Fingerspitzen sind taub, die Füße wie Eisklötze. Das Schloss wird aber immer größer, sprich: die noch zu schwimmende Strecke kürzer. Sven ruft: "Immer in Richtung Kirchturm."

Nach knapp eineinhalb Stunden sind knapp fünf Kilometer geschafft. Nichts wie raus aus dem kalten See. Und rein in die warme Bootskajüte. Eine DLRG-Helferin reicht warmen Tee. Und ich bin echt froh, dass sich die unerwarteten Begleiter angeboten haben für diesen ungemütlichen Schwimmtag.

Später in Svens Haus Schwanensee schwärmen der Hausherr und der Reporter vom Plöner See. Vom tollen Angelrevier. Von super Schwimmstrecken mit nur ganz wenig Motorbooten. Und vom Sommer, wenn das Seewasser 20 bis 22 Grad hat.

Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsbur. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern.