Extremschwimmen – ein Miniatur-Modell des Lebens?

Leben und Extremschwimmen haben viele Parallelen, wie Bruno Baumgartner auf schmerzvolle Weise feststellen musste. In seinem neuesten Blog berichtet der Schweizer Bodenseequerer, wie er sich in seinem neuen Leben freischwimmt.

| 4. Februar 2015 | Aktuell

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner

Bruno Baumgartner

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Extremschwimmen – ein Miniatur-Modell des Lebens?

Ich wurde im Lauf meiner Schwimmkariere sicher schon 30 Mal gefragt, was denn Extremschwimmen eigentlich genau sei? Meist antwortete ich darauf, dass das alles sehr subjektiv sei und mit der Länge und der Kälte des Gewässers zusammenhängen würde. Es gibt Menschen, die einen einstündigen Aufenthalt in der Badewanne schon als Extremschwimmen betrachten, während es bei anderen 30 Kilometer bei maximal 15 Grad Wassertemperatur sein müssen.

Ich teile die Karten nicht aus

Am Ende des Jahres versuchte ich für mich eine andere Erklärung zu finden, die etwas tiefer geht. 2014 hat mir so viele Steine in den Weg gelegt, dass ich getrost eine eigene IKEA-Filiale damit bauen könnte. Ich wollte euch eigentlich mit weiteren Schreckensmeldungen verschonen, doch leider teile ich die Karten nicht aus und der Dealer scheint nicht mein Freund zu sein. Ich kann nicht sagen, dass er mir den schwarzen Peter ausgeteilt hat, denn damit würde ich die Schuld von mir weisen und sie anderen in die Schuhe schieben. Schwache Menschen weisen Schuld zu – starke Menschen akzeptieren es, ein Teil der Schuld zu sein.

Und so ging der Ausklang von 2014 mit dem Ende einer fast 25 Jahre dauernden Beziehung einher. Wer weiß, wo sich Wege verlieren? Wo man an Kreuzungen falsch abgebogen ist? Wir Menschen neigen dazu, alles zu hinterfragen. Selbst dann, wenn wir genau wissen, dass es am Endresultat nichts mehr ändern wird. Ich weiß nicht, ob das eine Sucht, eine Krankheit oder einfach nur ein unstillbarer Trieb ist? Du fragst dich, warum du in einem Moment noch voller Zuversicht und Selbstvertrauen am Ufer stehst und festen Grund unter dir fühlst und dir im nächsten der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Doch irgendwann kommt die Akzeptanz und du tust das, was dir dein Herz sagt. Zug um Zug kämpfst du dich voran und in dir wächst der Vergleich zwischen Leben und Extremschwimmen zu einem plausiblen Konstrukt.

Unfassbar viele Emotionen

Alles beginnt mit dem ersten Zug! Du bist jung, frisch, motiviert und freust dich auf die Strecke, die vor dir liegt. Es warten so unfassbar viele Emotionen, schöne Momente und Probleme auf dich und am Ende bist du so müde, dass du nur noch schlafen möchtest. Ist das nicht eine exakte Miniatur des Lebens, gerafft auf ein paar Stunden? Zeigt es nicht geradezu erstaunliche Parallelen auf?

All die wundervollen Gefühle, die Probleme, die überschwänglichen Emotionen, die Hoffnung, die Angst und schließlich die überwältigende Freude, endlich angekommen zu sein. Nennt mich ruhig sentimental, aber für mich ist das mehr, als nur ein billiger, effekterhaschender Vergleich, der hin-ten und vorn hinkt wie ein lahmer Gaul. Wenn wir eine Landmasse hinter uns lassen und nach all den Strapazen die nächste betreten, dann ist das fast wie ein Neuanfang.