Eiskalte Typen

Es ist einer der verrücktesten Wettbewerbe überhaupt. Bei den Ice Swimming German Open kraulen eiskalte Typen, Männer und Frauen, nur in Badehose oder Badeanzug im Wöhrsee in Burghausen. Bei knapp fünf Grad Wassertemperatur. Martin Tschepe ist mit gekrault.

| 10. Januar 2015 | Aktuell

Ice Swimming German Open | Ice Swimming German Open

Impressionen von den 1. Ice Swimming German Open

Foto > Martin Tschepe

Eiskalte Typen

Eigentlich hatte ich immer gesagt: das mache ich ganz bestimmt nicht mit. Ich bin ja schon fast überall gekrault, mitunter viele Kilometer weit und auch ziemlich schnell, im Neckar bei Ludwigsburg zum Beispiel, im Meer vor Sylt, im reißenden Inn, im Mittelmeer von Inselchen zu Inselchen. Aber das hier ist total verrückt.

Das Wasser im Wöhrsee bei Burghausen hat knapp fünf Grad. Und wie alle anderen, die bei den 1. Aqua Sphere Ice Swimming German Open antreten, trage ich unmittelbar vor dem Start nur eine schnöde Wettkampf-Badehose, eine Badekappe, eine Schwimmbrille - und im Schlepptau eine mit Luft gefüllte Rettungsboje. Sicher ist sicher. Auch das Eincremen der Haut mit wärmendem Fett ist strikt verboten. Weil die Helfer am Ufer im Fall der Fälle - bei einem Herzinfarkt zum Beispiel - Schwierigkeiten hätten, den glitschigen Schwimmer aus dem See zu ziehen. Was bitte schön mache ich hier?

chuld an allem ist der Oliver. Oliver Halder aus Winnenden. Er ist einer der Organisatoren dieses Wettkampfs an der bayerisch-österreichischen Grenzen. Er hat mir vor ein paar Wochen eine Wildcard angeboten. Und wenn der Schwabe ein Gratisangebot erhält, dann denkt er zumindest mal darüber nach. Also stehe ich Mitte Januar am Rande des 25-Meter-Beckens im arschkalten Wöhrsee und warte auf das Kommando des Starters. Immerhin, die Sonne scheint - es ist einigermaßen warm. Draußen.

Zufällig Eismeister

"Zieht die Kleider aus", das ist das erste Kommando. Dann heißt es: rein ins Eiswasser - und schon ertönt das Startsignal. Fühlt sich gar nicht so schlimm an wie erwartet. Das Probetraining im See des Frechbads in Schorndorf bei zwei Grad Wassertemperatur hat sich gelohnt. In Burghausen hat Petrus ein Einsehen mit allen Novizen, von oben zumindest kommt ein klein bisschen Wärme. Manche Wiederholungstäter indes hätten lieber Minusgrade und Schnee. Knapp fünf Grad Wassertemperatur, das reicht gerade so, damit die Rekorde im Eisschwimmen zählen. Meine 25 Meter sind nach rund 15 Sekunden geschafft. Später heißt es: Gratulation, Platz eins in der Altersklasse 50. Ich bin Eismeister.

Jetzt nichts wie raus aus dem Wöhrsee und aufwärmen. Die echten Eisschwimmer - mache Zuschauer sagen die komplett Durchgeknallten - geben sich hingegen längst nicht mit läppischen 25 Metern zufrieden. Für den amtierenden Weltrekordhalter über die Eismeile (rund 1.600 Meter in 21:38 Minuten) und Erfinder der 1. German Open, Christof Wandratsch, müssen es die beiden Langstrecken sein: 450 und 1.000 Meter. Es ist eine kaum vorstellbare, Respekt einflößende Meisterleistung, was diese Extremsportler schaffen. Wandratsch und einige andere Männer und Frauen schwimmen mehrere hundert Meter bei eisigen Wassertemperaturen - und das teilweise schneller als manch ein Leistungssportler in einem wohl temperierten Hallenbad.

Autor Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und seit 1974 Mitglied beim Schwimmverein Ludwigsburg. Beim Eisschwimmen hat Tschepe in seiner Altersklasse die 25 Meter Freistil gewonnen.