Die Helden vor dem Hudson - vom Christopher Street Pier geht es Richtung Meer.

Frank Wechsel / spomedis

Einmal im Jahr wird der Hudson zum Schwimmen freigegeben.

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Taking back the rivers - der Slogan der New Yorker Open-Water-Gemeinde.

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Geschafft: Er hat den Hudson bezwungen!

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Open Water | 15. April 2011

Miss Liberty als Boje Die Open-Water-Szene in New York

Frank Wechsel | Den Marathon längst abgehakt, den Ironman gefinisht, doch was kommt dann? Open-Water-Schwimmwettbewerbe erfreuen sich zunehmender Beliebtheit – auch an Orten, an denen man sie am wenigsten erwartet.
Sie hat schon viel gesehen in ihren 124 Lebensjahren: Kreuzfahrt- und Kriegsschiffe begrüßte sie im New Yorker Hafen, Fallschirmspringer und Lebensmüde stürzten sich aus ihrer Krone, Filmemacher versetzten sie in den Sand des Affenplaneten. Doch das bizarre Schauspiel, das Miss Liberty aus ihren 70 Metern Augenhöhe an diesem Samstagmorgen im Mai beobachtet, hat Seltenheitswert.
Freiheitsstatue
Die Freiheitsstatue („Miss Liberty“) im New Yorker Hafen auf Liberty Island wurde am 28. Oktober 1886 eingeweiht. Sie war ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten und sollte ursprünglich 1876 zur Hundertjahrfeier der amerikanischen Unabhängigkeits-Erklärung von 1776 vollendet werden.
Denn die Freiheitsstatue dient an diesem sonnigen Vormittag nicht Auswanderern aus dem fernen Europa vor der Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika als Orien­tierungspunkt – sondern Schwimmern. Freiheit einmal anders: „Taking back our rivers“ ist der Slogan der Freiwasserschwimmer von New York, der Stadt, in der man alles erwartet, nur keine naturverliebten Outdoorsportler. Doch der Great Hudson River Swim ist nur der Auftakt der Saison einer quirligen Open-Water-­Gemeinde. 250 Teilnehmer gehen auf die 1,3 Meilen lange Strecke (ca. 2,2 Kilometer) flussabwärts vom Christopher Street Pier zum Battery Park. Wichtigster Orientierungspunkt am Horizont: Miss Liberty, die ihren rechten Arm samt Fackel in den klaren Himmel über New York reckt. Im auf einer Bronze­tafel an ihrem Sockel verewigten Gedicht „The New ­Colossus“ von Emma Lazarus heißt es: „Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free.“ Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen ­begehren.

Trendsport Open Water

„Open Water ist auch in Europa eine Zukunftsdisziplin“, sagt der in Kealakekua-Kona auf Hawaii geborene Schweizer Marco Pilloud, Geschäftsführer der Total Immersion Europe GmbH in Zürich. „Viele Sportler haben irgendwann den Marathon und später auch den Ironman auf ihrer Agenda abgehakt – dann suchen sie neue Herausforderungen. Dabei gewinnen die Langdistanzen im Schwimmen zunehmend an Bedeutung. Und dazu zähle ich alle Wettkämpfe über fünf Kilometer.“
Dieses Bild zeigt sich auch beim Great Hudson River Swim: Spitzenschwimmer, denen es um den Sieg bei diesem ersten von etwa einem Dutzend Events des Veranstalters NYC Swim geht, finden sich nur wenige im ausgebuchten Starterfeld – es sind Hobbysportler, die die Gelegenheit nutzen wollen, die Skyline Manhattans einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu genießen. Die Langsameren unter ihnen haben sogar Vorteile, denn die Gezeiten zerren auch an den Fluten des Hudson: Wer länger unterwegs ist, kommt zunehmend in den Genuss der Strömung, die den Schwimmer zum Ziel im Yachthafen nur wenige Meter neben der Baustelle des Mahnmals für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 bringt. Und, wenn er nicht aufpasst, an der Freiheitsstatue vorbei bis in den Atlantischen Ozean.

Dreifaches Abenteuer

Es sind Bedingungen wie diese, die auch für Pilloud die Faszination des Lang­strecken­schwimmens ausmachen. „Drei wichtige Elemente machen das Open-­Water-Schwimmen bei jedem Event aufs Neue spannend“, sagt der Schwimmtrainer und Autor des Buchs „Erfolgreich Kraul schwimmen“, das im spomedis-­Verlag erschienen ist. „Das erste ist die Navigation: Wenn sich das Feld auseinandergezogen hat, muss man sich oft allein im Freigewässer orientieren. Das ist gar nicht so einfach, wenn man sehr weit vom Ufer entfernt ist.“ Die zweite Unwägbarkeit liegt in den klimatischen Bedingungen. „Wassertemperatur, Sonneneinstrahlung und Wind sind wichtige Faktoren, die in die Vorbereitung und die taktischen Überlegungen einbezogen werden müssen.“
Wassertemperatur, Sonneneinstrahlung und Wind sind wichtige Faktoren, die in die Vorbereitung und die taktischen Überlegungen einbezogen werden müssen.
Marco Pilloud
Als dritten Punkt nennt Pil­loud die besonderen Bedingungen des Gewässers, in dem das Rennen stattfindet: „Wellen und Strömungen, ­Bojen und andere Orientierungspunkte – und manchmal auch die anderen Lebewesen, mit denen man sich das Wasser teilen muss, sind an jedem Veranstaltungsort verschieden“, sagt der Schweizer, vor dessen Haustür zwei der größten Open-Water-Events der Alpenrepublik stattfinden: 4.000 Teilnehmer gehen jedes Jahr beim City-Schwimmevent im Zürichsee über eine Distanz von etwa 800 Metern an den Start. Deutlich weniger, nämlich 70 Teilnehmer, sind es beim großen Zürichsee-Schwimmen, das die beiden Ironman-Austragungsorte in der Schweiz, Rapperswil-Jona (Ironman 70.3) und Zürich (Ironman), verbindet. Die Distanz: 26,4 Kilometer.

Einmal um Manhattan

Top 10 in New York
  1. Empire State Building
  2. Freiheitsstatute
  3. Times Square
  4. Central Park
  5. Musical am Broadway
  6. Brooklyn Bridge
  7. Rockefeller Center
  8. 5th Avenue
  9. Museum of Modern Art
  10. Grand Central Station
Auch in New York geht es nicht immer nur über gemächliche Streckenlängen wie beim Saisonauftakt im Hudson River. Saisonhöhepunkt in Manhattan ist ein Event, bei dem man die Insel einmal umrunden muss: 28,5 Meilen (rund 46 Kilometer) führt der Kurs gegen den Uhrzeigersinn rund um die Millionen-Metropole. Vom Battery Park um den Anleger der Long Island Ferry herum in den East River, diesen durch die Brooklyn Bridge bis hinauf in die Bronx, durch den Harlem River in den Hudson und dann die ganze Skyline entlang zurück zum Battery Park. Für weniger ausdauernde Schwimmer gibt es Events wie die Umkreisung der Freiheitsstatue oder die Überquerung des East River unter der Brooklyn Bridge.
Doch ganz ohne Vorbereitung sollte man auch die kürzeren Strecken nicht in Angriff nehmen. „Das Training der Open-Water-Schwimmer gleicht dem der Triathleten, nur mit deutlich höheren Umfängen“, sagt Pilloud, der selbst eine Bestzeit von 2:20 Stunden über zehn Kilometer aufweisen kann. „Im Profibereich sind tägliche Trainingsumfänge von 20 Kilometern, aufgeteilt in zwei Einheiten, keine Seltenheit mehr.“ Während es bei den Einsteigern und Triathleten um das bloße Bewältigen der Herausforderung geht, spielen in der Weltspitze ganz andere Faktoren eine Rolle: „Die Profis schwimmen bei ihren Wettbewerben sehr lange Zeit in einem hohen Tempo zusammen, um dann auch die 5- und 10-Kilometer-Rennen im Schlussspurt zu entscheiden. Die Tempohärte und Spurtfähigkeit sind rennentscheidende Faktoren, die den Trainingsaufwand noch einmal erhöhen.“

Miss Liberty bleibt allein

Beim eher breitensportlich orientierten Great Hudson River Swim spielt die Spurtfähigkeit freilich keine Rolle. Nach 33:31 Minuten steigt der 23-jährige Cedric­ Cheung-Lau als Erster aus dem Hudson, die Konkurrenten folgten in Minutenabständen. Im Gedicht am Sockel der Freiheitsstatue, die geduldig über dem Hudson wacht, heißt es: „The wretched refuse of your teeming shore; Send these, the homeless, tempest-tost to me.“ Die bemitleidenswerten Ausgestoßenen eurer bevölkerten Küsten; schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen. So weit soll es an diesem sonnigen Samstagmorgen im Mai nicht kommen: Alle 250 Teilnehmer erreichen sicher das Ziel.
Great Hudson River Swim 2010
Frauen
1Kelly McPherson (Astoria)35:56
2Anna Armentrout (Brooklyn)36:29
3Sarah Bednar (New Milford)36:58
Männer
1Cedric Cheung-Lau (New York)33:31
2Jeffrey Jotz (Rahway)34:28
3John Humenik (New York)35:42

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