“Die anstrengendsten Stunden meines Lebens”

Von Donnerstag auf Freitag hat Bruno Baumgartner den Bodensee längs gequert. Im swim-Interview erzählt er von seiner 64 Kilometer langen Reise, warmer Brühe, Halluzinationen und dem Glücksgefühl, Kies unter den Füßen zu spüren.

| 2. September 2013

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Bruno Baumgartner Bodeseequerung

Foto > Oliver Halder / bodenseequerung.de

“Die anstrengendsten Stunden meines Lebens”

Mit welchem Gefühl bist du am Donnerstagabend um 21 Uhr losgeschwommen?

Es war schon sehr speziell! Schon beim Verlassen des Bootes hatte ich kein gutes Gefühl. Ich kann-te zum Glück die Temperatur damals noch gar nicht – aber ich war mir sicher, dass es nicht 20 Grad sein konnten. Starten durfte ich gemäss Kältetest ja bis 16,5 aber ich hatte mir 20 Grad als unterste Grenze gesetzt. Ich gebe zu, dass ich die ersten Stunden fast nur daran denken konnte, dass es so kaum möglich ist.

Der Extremschwimmer Hamza Bakircioglu aus Sonthofen, der Anfang August vergeblich versucht hatte, den Bodensee zu queren, kam zum Strandbad Bodman, um dir alles Gute zu wünschen.

Ja, das war ein extrem emotionaler Moment. Hamza ist extra mit der Familie angereist, um mich zu verabschieden. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er sich dabei fühlen muss.

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Wenige Augenblicke vor dem Start - Bruno Baumgartner wird durch die Nacht schwimmen, aber die Bevölkerung am Bodensee jugeblt ihm zu.

Foto > Oliver Halder / bodenseequerung.de

Hat die Bevölkerung etwas von deinem Projekt mitbekommen?

Oh ja, gleich nach dem Start riefen, pfiffen und jubelten die Anwohner mit Häusern am See durch die Dunkelheit zu uns herüber – es waren nicht eben wenige! Das hat mich sehr bewegt und vielleicht auch dazu bewogen, das Projekt nicht kältebedingt gleich wieder abzubrechen.

Und auch die Wasserwacht hat dich angefeuert?

Genau, vor Lindau kam die Wasserwacht extra mit dem Motorboot Seewolf zu uns auf den See hinaus. Das ganze Team jubelte und klatschte uns zu. Ich konnte einfach nicht mehr anhalten und mich richtig bedanken – ich war zu tief in diesem Film. Wenigstens zum Zuwinken reichte es noch. Aber die Gefühle waren unglaublich, als ich das Boot sah und wusste, dass sie extra wegen mir hier sind.

Was war das schlimmste Erlebnis?

Es war mitten in der Nacht, als wir etwas Navigationsprobleme hatten. Das Boot hielt an, damit die Situation geklärt werden konnte. Dabei trieb der Schleppanker unter das Boot und das Seil verklemmte in der Schraube. Ich musste mindestens 30 Minuten um das Boot schwimmen, um „warm“ zu bleiben. Aber ich zitterte die ganze Zeit wie Espenlaub vor mich hin. Die ganze Szene mit dem Boot in der tintenschwarzen Nacht mit dem Licht der Taschenlampen im Wasser war unglaublich gespenstisch und erinnerte mich an einen Horrorfilm.

Wie ging es dir mental?

Ich schwamm dort sicher einen Kilometer rund um das Boot und gewann mit jeder Sekunde mehr Gewissheit, dass es jetzt vorbei ist. Ich war mental auf dem absoluten Tiefpunkt. Als es dann endlich wieder weiter ging, kämpfte ich fast zwei Stunden, um diese negativen Gedanken wieder in den Griff zu bekommen. Und ich wusste gleichzeitig, dass die Nacht immer noch lang war!