Zu kalt: Nach zwölf Stunden musste Bruno Dobelmann den Weltrekordversuch abbrechen.

www.wow-art.de / Oliver Halder

Dobelmann im Bodensee
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Open Water | 30. Mai 2012

Bodenseequerung Darum musste Bruno Dobelmann aufgeben

Sonja Schleutker-Franke | Vor rund einer Woche musste Bruno Dobelmann sein Weltrekordprojekt, die Bodenseelängsquerung, abbrechen. Im swim-Interview erzählt der Extremschwimmer, warum er aufgeben musste, ob er einen neuen Versuch wagt und was er dann anders machen würde.
Wie fühlen Sie sich heute, rund eine Woche nach dem Weltrekordversuch?
Beschissen! Körperlich geht es mir wieder ganz gut, aber die zwangsläufige Aufgabe nagt an mir.
Wie sehr schmerzt die Aufgabe?
Naja, es ist für mich unglaublich schwer, das Erlebte und die damit verbundene Aufgabe zu verstehen und zu akzeptieren. Ich bin stinksauer auf mich. Es war weder die Kondition, noch eine Unterkühlung an sich, die mich gestoppt hat. Bereits im Fehmarnbelt im vergangenen Jahr, war ich bei einer Wassertemperatur von 14 Grad unterwegs und das Problem mit dem Wasserlassen hatten wir damals mit Wärmepads, die auf die Blase gelegt werden, damit diese sich entkrampft, bestens gelöst.
Aber dieses Mal gab es mit den Wärmepads Probleme?
Knapp zwei Grad kälteres Wasser kann dazu führen, dass die Wirkung dieser „Entlastungshilfe“ nicht mehr funktioniert. Niemand konnte das erahnen. Die Wärmekissen kühlten zu schnell aus. Vielleicht lag es auch an der Charge. Jedenfalls ließ sich meine Blase nicht mehr leeren. Im Nachhinein stellt man sich eben öfters die Frage, ob ich nicht doch hätte weiterschwimmen sollen. Doch der Überlebenstrieb ist in dem Moment stärker. Von vielen Seiten wird das dann als Vernunft bezeichnet. Für mich ist das aber Versagen. Zum anderen hat mich das gesamte Projekt eine Menge Geld gekostet. Viele Tausende von Euro sieht man an sich vorbeischwimmen. Das ist jetzt weg und eine Revanche für mich ohne Sponsoren leider nicht mehr möglich. Mein Team und ich sind natürlich eifrig auf der Suche, doch das ist leider gar nicht so einfach.
Gab es einen entscheidenden Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass es nicht mehr geht? Wie hat sich das konkret angefühlt?
Also der Punkt, dass sich meine Blase nicht mehr, beziehungsweise nur noch unter schmerzhafter Anstrengung entleeren ließ, begann nach etwa zehn geschwommenen Stunden. Es fiel mir mit abnehmender Wassertemperatur immer schwerer, mich zu erleichtern, also die Blase zu entleeren. Leider schluckte ich bei dem Sturm, durch den ich schwimmen musste, extrem viel Wasser. Das muss dann halt auch irgendwann wieder raus. Die Blase füllte sich und die Wärmepads wurden nicht mal lauwarm. Zudem kühlte das kalte Wasser, das von dem Sturm ebenfalls umgewälzt wurde, die Pads sofort noch weiter herunter. Das Resultat daraus war, dass über einen Zeitraum von zwei Stunden sich meine Blase immer mehr füllte. Bereits in dieser Phase macht man sich natürlich Gedanken, aber an eine Aufgabe denkt man da natürlich noch nicht. Die Schmerzen um die Blase herum wurden dann immer stärker und verlagerten sich schließlich in die Nieren.
Wie fühlt sich das an?
Das ist ein sehr schwer zu beschreibendes Gefühl. Es waren eben unglaubliche Schmerzen, die einen wirklich fest entschlossenen Menschen, der nahezu alles auf sich genommen hätte durchzukommen, disqualifizierten. 
Was haben Sie bei diesem Weltrekordversuch gelernt?
Ich habe gelernt, dass es manchmal eine Verkettung mehrerer Faktoren ist, die zu einem Ergebnis führen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass es erneut zu einer solchen Verkettung kommt, was beruhigend ist, wenn man an eine Revanche denkt. Des Weiteren habe ich gelernt, dass ein gutes Team mitunter das Wichtigste ist, was man für ein solches Projekt braucht. Nur gemeinsam ist es möglich, Erfolg zu haben und auch Misserfolg zu verarbeiten. Alle haben in den sicherlich nicht einfachen Stunden zu mir gestanden und mich wieder aufgebaut. Wir waren gut vorbereitet, hatten alles perfekt geplant, Wind und Wetter getrotzt, sehr kaltes Wasser ertragen und letztendlich doch beidrehen müssen.
Sie haben den "worst case" erlebt.
Ja, das stimmt. Das hat Vorteile für unser Wissen, auch wenn es mehr als schmerzhaft war, so zu den Erkenntnissen zu kommen. Es gab sehr viele Dinge, die mein Team und ich in den vergangenen Tagen aufgearbeitet, erörtert und diagnostiziert haben. Dadurch lassen sich natürlich auch wieder neue Erkenntnisse gewinnen, die man dann beim nächsten Mal noch besser machen kann. In den nächsten Tagen werden wir dann auch über die medizinischen Auswertungen wie die Blutwerte, die Körperkerntemperatur usw. verfügen und auch diese in die Betrachtung aufnehmen.
Wird es einen neuen Versuch geben, den Bodensee zu queren?
Tja, wie ja jeder weiß, werde ich auch Orca genannt. Leider sind diese schönen Tiere nicht mehr in so großer Zahl in der Natur vertreten. Aber ich habe nicht vor auszusterben. Leider ist es so, dass ich für meine verrückten Projekte mittlerweile mein ganzes Erspartes ausgegeben habe, denn mein Motto war immer: Plane kein Projekt, dass du nicht selbst in der Lage bist zu finanzieren. Jetzt reicht das Geld überspitzt ausgedrückt vielleicht gerade noch für eine Dauerkarte ins nächstgelegene Freibad. Also für mich ist von der finanziellen Seite her das Ende der Fahnenstange erreicht. Sollte sich eventuell ein Sponsor finden, der mein Team und mich unterstützt, dann wird es auch eine „Revanche“ Bodensee-Längsquerung geben.
Also gibt es noch keinen konkreten Termin?
Da leider noch kein Finanzier vorhanden ist, wäre es dumm von uns, über einen möglichen Termin zu spekulieren. Wenn sich demnächst einer finden würde, dann wird es sicher noch in diesem Jahr angegriffen.
Was würden Sie dann anders machen?
Auf jeden Fall werden wir den Starttermin flexibler halten, auch wenn das organisatorisch für die Medienvertreter nicht optimal ist. Auch Terminwünsche eventueller Sponsoren können keine Berücksichtigung finden. Wir verfolgen mit unserem Projekt und dem Schwimmen keine wirtschaftlichen Interessen. Keines der Teammitglieder hegt den Wunsch, den Job an den Nagel zu hängen und nach Monaco zu ziehen. Wir wollen Spaß haben, eine sportliche Höchstleistung hinlegen, unsere Fans begeistern und den Bodensee bezwingen! In diesem Sinne: Ankommen oder Absaufen…!
 

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