Bruno Baumgartner steigt nach einem Altersklassen-Rennen aus dem Wasser – und erntet Applaus von dem deutlich jüngeren Publikum.

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Bruno Baumgartner steigt nach einem Altersklassen-Rennen aus dem Wasser – und erntet Applaus von dem deutlich jüngeren Publikum.
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Open Water | 1. August 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: "Wer bin ich?"

Bruno Baumgartner | Wenn Bruno Baumgartner im September versuchen wird, den Ärmalkanal zu durchschwimmen, wird er 42 Jahre alt sein. Diese Zahl spielt eine entscheidende Rolle bei der Motivation des Schweizers. Im seinem neusten Blogbeitrag berichtet Bruno von einer Krise in der Lebensmitte, von Altersklassenwertungen – und warum er bevorzugt Malbücher mit Buntstiften vollkritzeln würde.
Liebe swim.de Freunde,
ich denke ihr werdet verstehen, dass ich Euch nicht wöchentlich vom Schwimmen berichten kann. Denn es ist ja nicht gerade so, als würde ich jeden zweiten Tag nach Afrika schwimmen. Meistens führe ich ein beschauliches Leben und kämpfe, wie Ihr sicher auch, eher mit den profanen Sorgen des Alltags. Nichtsdestotrotz ist dies eine Seite für Schwimmer, und so ist die Thematik für die Blogs schon einigermaßen gegeben. Trotzdem lehne ich mich heute weit aus dem Fenster und schreibe nicht über das Schwimmen, sondern über das Älterwerden. Ich glaube, ich kann das gut vertreten, denn schließlich ist es der Hauptgrund, der mich auf die Idee der  Ärmelkanalüberquerung gebracht hat. Damit ist es ein wichtiger Teil der Geschichte, und ich erschleiche mir eine kleine Narrenfreiheit.

Ein Leben voller Überraschungen

Vieles im Leben kann uns überraschen. Es kann überraschend sein, dass wir sechs Richtige im Lotto hatten. Für unseren Partner kann es eher überraschend sein, uns mitteilen zu müssen, dass er vergessen hat, den Lottoschein abzugeben. Oder wir fahren gemütlich auf einer Überlandstraße mit 150 Kilometern pro Stunde und staunen, dass da plötzlich neuerdings ein Radargerät steht. Das Leben ist wirklich ein einziges Sammelsurium voller  überraschender Augenblicke.

"Wer bin ich?"

Für mich war meine eigene Reaktion auf den vierzigsten Geburtstag eine solche Überraschung. Kennt Ihr das auch? Ihr steht eines Tages vor dem Spiegel und stellt Euch die Frage: „Wer bin ich, und was mache ich eigentlich hier?“ Dabei ist es völlig egal, wie erfolgreich ihr beruflich seid. Selbst Dschingis Khan hatte wohl diese Phase, wenn auch vielleicht noch keinen Spiegel. Und machen wir uns nichts vor, wenn ihr nicht gerade der Banker gewesen seid, dem die grandiose Idee kam, wertlose Immobilien-Papiere zu erfolgreichen Anlagefonts zu bündeln und somit Kuhmist in Gold zu verwandeln und damit schlussendlich ganze Volkswirtschafen gegen die Wand zu fahren, dann werden die Geschichtsbücher wohl keine einzige Zeile Platz für uns finden.
Wir wollen stets das, was wir nicht haben, und davon wollen wir so lange immer mehr, bis uns etwas anderes, was wir bis dahin auch nicht haben, wichtiger erscheint – und, ihr ahnt es vielleicht schon, ... - auch dessen sind wir irgendwann überdrüssig.  Ich glaube, selbst Menschen mit den anspruchsvollsten Tätigkeiten erleben dieses Phänomen auch. Vermutlich sagt der Gehirnchirurg nach einem lebensrettenden Tag voller Aneurysmen und Tumore am Abend zu seiner Frau: "Liebling, ich habe es so satt, immer in diesem grauen Matsch herumzustochern!"

Die Krise in der Lebensmitte

Die stetige Suche nach dem, was wir sind, was wir sein wollen und was uns definiert, scheint mit zunehmendem Alter mehr und mehr in den Mittelpunkt unserer Existenz zu rücken. Bei Männern nennt man diesen Zeitpunkt wohl salopp einfach Midlife-Crisis. Wie so vieles andere auch, scheinen wir das direkt aus dem großen Land auf der anderen Seite des Teiches importiert zu haben, denn mir ist zumindest keine gängige Übersetzung dieses Anglizismus bekannt. Der Duden meint dazu etwas einfältig: „Krise in der Lebensmitte“ und setzt  so zumindest bei mir voraus, dass ich mit 80 Jahren die Radieschen gepflegt von unten betrachten werde.
„Man ist so alt, wie man sich fühlt!“ - das ist wohl so ziemlich die schlechteste Ausrede aller Zeiten dafür, alles bequem so zu lassen, wie es ist. Wenn ich so alt wäre, wie ich mich fühle, würde ich bevorzugt Malbücher mit Buntstiften vollkritzeln und ab und an braune Knetmasse essen, weil sie von der Farbe her Lakritze gleicht. „Man ist so alt, wie man sich macht!“, so müsste diese Weisheit richtig heißen. Und ich meine damit keineswegs den Gang zum Schönheitschirurgen.Sport bietet einen höchst einfachen und willkommenen Gegenpol zu allen komplexen sozialen Verknüpfungen und Verflechtungen. Und vielleicht ist es genau diese Einfachheit, die uns vieles kompensieren läßt.

Das Problem mit dem Älterwerden

Fakt ist und bleibt, dass wir älter werden und der Schwerkraft Tribut zollen.  Auch beim Sport hat dies gravierende Auswirkungen, denn plötzlich rutschen wir sowohl in Start-, als auch in Ranglisten in die Rubrik „Masters“, respektive von der Haupt- in eine Altersklasse. Und obwohl wir stolz erklären, dass uns das überhaupt nichts ausmacht, gilt unser Blick nach jedem Wettkampf doch fast automatisch der Hauptklasse und wir freuen uns diabolisch, wenn wir wieder einige der jungen Wilden mit straffer Haut und muskelbepackten Körpern geschlagen haben.
Doch darauf angesprochen leugnen wir eiskalt und betonen nonchalant, wie zufrieden wir mit unserer Altersklassen-Klassifizierung sind. Dass alles gut sei, so wie es ist – und dass wir nicht noch einmal so jung sein möchten. Käme jedoch exakt in diesem Augenblick ein etwas smarterer Harry-Potter-Verschnitt mit einem Jungbrunnen in Form eines ziemlich dicken Zauber-Zäpfchens vorbei, so würden wir uns dieses so schnell und tief einverleiben, dass es selbst routinierte Höhlenforscher nie wieder zu Tage fördern könnten. So scheint doch jeder sein Problem mit dem Älterwerden zu haben, ob er es nun zugeben mag oder nicht.
Ich bin einer von denen, die sich öffentlich dazu bekennen, ein großes Problem damit zu haben. Ich will mich darüber aufregen können, dass Schulkinder mich mit „Du“ ansprechen. Aber stattdessen muss ich mich darüber ärgern, dass sie mich mit „Sie“ anreden – und vielleicht insgeheim schon darüber nachdenken, mir über die Straße zu helfen. Aber was tun wir Männer in solchen Augenblicken? Die Antwort macht nachdenklich, denn meist kaufen wir uns ein schnelleres Auto oder suchen uns eine jüngere Frau. Beides scheint komischerweise unsere Falten weniger tief und die Haare weniger grau erscheinen zu lassen.

Der Verlust der Einfachheit

Vielleicht ist es ja auch dieser heutzutage vorausgesetzte, wohl evolutionär bedingte Erfolgsdruck, der uns mit zunehmendem Alter Probleme bereitet? Früher war es noch so, dass wir mit nacktem,  blutverschmiertem  Oberkörper nach Hause kamen - den Kopf eines Säbelzahntigers unter dem einen, und die mit Honig gefüllten Testikel eines T-Rex unter dem anderen Arm. Frau begrüßte uns freudig und zeigte uns stolz eine Handvoll selbst gepflückter Beeren. Welch eine Idylle! Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Die meisten Dinge haben ihre Einfachheit und Ursprünglichkeit verloren.
Man verlangt von uns ständig aufs Neue, dass wir dynamisch, aufgeschlossen und flexibel sind. Kein einfaches „nach Hause kommen“ und das erlegte Fleisch samt Fell über das Feuer legen. Nein - heute ist es wichtig, aus welcher Haltung und welchem Land es stammt, wie gut es durchgebraten sein soll, und ganze Philosophien befassen sich mit der Frage, wie und wann es gewürzt werden muss. Vorbei ist es mit der schmutzigen Knolle als Beilage – heute muss es eine gewaltfrei gepflückte Möhre sein, die der Koch in die Form eines chinesischen Fächers schnitzt. Meist lässt man diese trotzdem fast roh. Das schmeckt zwar nicht wirklich so gut wie dieses herrlich „glutamatgeschwängerte“ Fertigzeugs, aber es gibt uns das gute Gefühl, doch noch zwei bis drei einzelne Vitamine in freier Wildbahn erlegt zu haben.

Der Ärmelkanal – eine überschaubare Aufgabe

Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir fast, dass ich mir das Abenteuer Ärmelkanal ausgesucht habe, weil ich einer jener Menschen bin, die die Ursprünglichkeit und Klarheit vermissen, die unser Leben einmal hatte. Und dabei meine ich nicht zwingend die späte Kreidezeit. Mitte der Achtziger war ich so um die 15 Jahre alt, und rückblickend scheint mir das Leben damals viel beschaulicher vorzukommen. Zu dieser Zeit konnte man einer Frau noch sagen, dass ihr Parfum gut riechen würde, ohne gleich eine Klage wegen sexueller Belästigung befürchten zu müssen. Bei der Wahl unserer Autos standen noch die brachiale Kraft des Motors und der Sound im Mittelpunkt, während wir uns heute darüber informieren, wie viele Bäume der Automobilhersteller pro verkauftem Auto pflanzt, um die Co2-Bilanz marketingtechnisch besonders gut aussehen zu lassen. Letzteres mag sicher gut und sinnvoll sein. Es soll nur als Beispiel dienen um die stetig zunehmende Komplexität dessen zu veranschauliche, was uns täglich umgibt.
Aber was hat das alles mit dem Ärmelkanal und der anfangs gestellten Frage nach dem: „Wer sind wir, und was machen wir eigentlich hier?“ zu tun?  Der Ärmelkanal stellt einem eine sehr einfache und überschaubare Aufgabe: „Komm von der einen auf die andere Seite oder scheitere!“ Mensch gegen Natur – simple Aufgabenstellung – kein wenn, dann, aber, könnte, sollte, hätte oder vielleicht oder warum aber auch nicht. Schwimmend von einer Landmasse zur anderen zu gelangen, fasziniert mich heute genauso, wie andere Menschen das Besteigen eines Berges. Vielleicht ist das der einfache und zweifellos pragmatische Grund dafür, so etwas zu tun. Um für kurze Zeit der Komplexität einer Welt zu entrinnen, die einem manchmal durch ihre vielen Schnörkel und Windungen fast in den Wahnsinn treibt.

Erfahrung vs Alkopos

Und wenn nun die Sache mit der Komplexität etwas gemildert ist, dann bleibt doch immer noch der neidische Blick nach dem Wettkampf auf die Resultate der Hauptklasse. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um mit der Zahl 40 ins Reine zu kommen und diesen Blick auf die Hauptklasse (ich mache ihn immer noch) mit Humor und gesundem Menschenverstand zu ertragen. Was ist so schlimm daran, uns in Klassen zu messen? Würdet Ihr einen Realschüler in das Management einer multinationalen Firma stecken und von ihm erwarten, dass er den Gewinn um 10% steigern kann? Nein, denn dazu muss er erst noch um ein paar Altersklassen älter und reifer werden.
Wir haben vielleicht nicht mehr diese metaphorischen, „jugendlichen, scharfen Krallen“, die uns von Geburt an für die Jagd gegeben wurden. Aber wir haben gelernt, in die Eisenwarenhandlung zu gehen, uns eine gute Feile zu kaufen und die Dinger wieder in Form zu raspeln. Wir rennen nicht mehr wie die Verrückten auf dem Feld hin und her, um unsere Antilope zu erwischen. Wir sind schlau und haben Strategien, finden Abkürzungen und lassen öfters mal Gehirn- statt Muskelschmalz arbeiten. Wir schwimmen in Open-Water-Wettkämpfen vielleicht nicht mehr so schnell los wie die jungen Wilden – aber wir navigieren routinierter, teilen uns besser ein und machen unseren Weg mit Hilfe eines unermesslich wertvollen Gutes, das wir nur allzu oft unterschätzen, wenn wir unsere grauen Haare zählen oder Autokataloge wälzen - der ERFAHRUNG!  Und hey Männer – Hand aufs Herz: Wer will schon Alkopops, wenn er einen 2000er Châteauneuf-du-Pape haben kann? :-)
Ich weiß nicht, wie viele von Euch dort draußen auch solche Gedanken und ebenfalls Probleme mit dem Älterwerden haben. Ich will Euch nicht dazu animieren, auch von einem Land zum anderen zu schwimmen. Ich behaupte nicht, dass Schwimmen oder Sport im Allgemeinen die besten Lösungen dafür sind – aber besser als eine jüngere Frau und ein Sportwagen ist es doch allemal oder!?
Bist demnächst,
Euer Bruno

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