In der Hafenstadt Dover fiebert Bruno Baumgartner seiner Ärmelkanalüberquerung entgegen.

Bruno Baumgartner / privat

Bruno Baumgartner in Dover
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Open Water | 15. September 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Warten, warten, warten

Bruno Baumgartner | Seit sechs Tagen ist Bruno Baumgartner in Dover. Neben seinem täglichen Training im rund 15 Grad kalten Englischen Kanal tut er dort vor allem eines: warten, warten, warten. Die Zeit vertreibt sich der 42-Jährige mit Besichtigungen – und nimmt uns mit zu den White Cliffs of Dover.
Liebe swim.de-Freunde,
Brunos Abenteuer live auf swim
 
Seit Samstag bereitet sich Bruno Baumgartner in der britischen Hafenstadt Dover auf sein großes Abenteuer vor: das Durchschwimmen des Ärmelkanals von Dover nach Calais (Frankreich), circa 34 Kilometer. Hierfür wurde dem Hobbyschwimmer von der Channel Swimming Association (CSA) ein Zeitpunkt zwischen dem 18. bis 24. September zugeteilt – abhängig vom Wetter. swim wird den 42-Jährigen bei seinem Abenteuer begleiten und live berichten.
als ich am Sonntag wieder im Hafen ankam, wurde ich von Schwimmer Mike begrüßt. Er erklärte mir rasch, dass man am Samstag und Sonntag nur bis zu einer bestimmten Boje schwimmen dürfe, weil noch Boote zu Wasser gelassen würden. Dann lud er mich dazu ein, eine kleine Gruppe von Kanalschwimmern zu begrüßen, die sich wohl alle um 9 Uhr dort verabredet hatten.

Der "Channel General"

Eine ältere Lady stellte er mir als Freda Streeter vor, und ich erinnerte mich daran, dass mir Matthias am Vortag sagte, sie würde wohl hier für die CS&PF (English Channel Swimming and Piloting Federation) das Training leiten und Schwimmer unter ihre Fittiche nehmen. Sie ist die Mutter von Alison Streeter, die den Titel „Queen of the Channel“ trägt. Ganze 43 Mal hat Alison den Kanal bereits erfolgreich geschwommen. Ich verkniff mir die Frage an Freda, ob man denn für  Ihre Tochter in Frankreich schon eine gekachelte Wand für die Rollwende errichtet habe :-)
Schließlich wird Freda auch als „The Channel General“ bezeichnet und man munkelt, dass sich Schwimmer schon mal am anderen Ende des Hafens vor ihr verstecken. Und ich wollte nicht wegen einem schlechten Scherz dazu verdonnert werden, 10 Mal von Hafenmauer zu Hafenmauer zu schwimmen.

Two-Way-Crossing

Besonderen Eindruck machte auf mich auch eine unscheinbare Japanerin. Mike sagte mir, dass sie für ein Two-Way-Crossing hier sei. Auf mein bewunderndes Nicken hin senkte sie nur schüchtern den Kopf.
Nachdem Freda mit kritischem Blick meine Schwimm-Jammers bemängelt hatte, die von der CSA (Channel Swimming Association) nicht zugelassen seien, und mein heutiges Schwimmziel von zwei Stunden mit einem kurzen Nicken bestätigt hatte, entließ sie mich in den welligen Hafen. Ich wurde das Gefühl nicht recht los, dass ich eben hätte salutieren sollen, und dass ich gleich auf Grund meiner Fähigkeiten auf einer Skala gemessen und gewogen werden würde. So wählte ich meine ersten Züge mit Bedacht und führte sie so sauber wie nur irgend möglich aus.
Doch dann hatten mich Wind und Wellen zwei lange Stunden im Griff, und als ich aus dem Wasser stieg war ich wirklich froh, nicht drei oder mehr Stunden angegeben zu haben. Mir war zwar nicht kalt, aber der starke Wellengang war Gift für meine Schultern.
Freda hob mit eiserner Miene den rechten Daumen hoch, und ich weiß bis heute nicht, ob sie mir damit sage wollte, das Schwimmen sei o.k. gewesen, oder ob es die Frage an mich war, ob ich die zwei Stunden als gut empfunden hatte.

Zeit zu Fuß

Nun ist es ja so, dass neben dem Schwimmen doch auch noch sehr viel Zeit übrig bleibt. Also machte ich mich am Nachmittag mit Kamera und warmer Jacke bewaffnet auf den Weg, um Dover zu Fuß zu erkunden. Das ist für „Festländler“ nicht ganz ungefährlich! In einem Land, wo man  permanent von der „falschen“ Seite an- oder gar überfahren wird, endet man schnell einmal als Kühlerfigur eines der zahlreichen französischen oder deutschen Autos.
Wer hier ein englisches Auto fährt, der hat wohl auch Unterwäsche mit eingesticktem, royalem Wappen auf der einen Po-Seite, und Bilder der Queen auf der anderen, in seinem Kleiderschrank. Ich habe mir zumindest sofort angewöhnt, in alle vier Himmelsrichtungen zu blicken, bevor ich auch nur einen Schritt auf befahrenes Terrain wage. Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, wie ich kurz nach oben schaue.

Dover und Drumherum

Dover City Center
Bruno Baumgartner in Dover
©Bruno Baumgartner / privat
Was kann ich Euch von Dover berichten? Dover hat sich meinem Herzen noch nicht ganz erschlossen. Während meiner Wanderung (ich finde Wandern übrigens neben Ebola und eingewachsenen Zehennägeln eine der übelsten Errungenschaften der Menschheit...) sah ich viele Gebäude, die auf mich irgendwie abgelegt wirken. Wie riesige Spielzeuge, denen ein verwöhntes Balg entwachsen war und sie achtlos liegen gelassen hatte. Zwar eigentlich noch absolut zu gebrauchen, aber eben nicht mehr interessant genug.
Dover wirkt etwas, als hätte es einmal einen großen Traum gehabt, der irgendwann zur nackten und nicht ganz so glanzvollen Realität geworden ist. Das soll jetzt nicht etwa heißen, dass mir Dover nicht gefällt. Man wird hier immer wieder von kleinen Highlights überrascht.
St. Marys Church
Bruno Baumgartner in Dover
©Bruno Baumgartner / privat
Eines davon ist die St. Marys Church, die einem inmitten der Einkaufsstraße plötzlich mit geschichtsträchtig verwitterten Grabsteinen und wunderschönen Blumen begrüßt. Eigentlich taucht sie wie ein Fremdkörper zwischen all den Imbiss- und Ladenlokalen auf, und trotzdem gehört sie weitaus mehr dorthin, als der örtliche Kentucky Fried Chicken.
Ohne einen Plan zu haben, lief ich immer in Richtung des mächtigen Dover Castles, das die ganze Stadt eindrucksvoll überragt. Das Schloss hat im Verlauf der Jahrhunderte schon so mancher Invasion getrotzt und wurde oft als Schlüssel zu England bezeichnet.
Oh mein Gott, ich liebe Wikipedia – es lässt einen so herrlich gebildet erscheinen, selbst wenn man dumm wie Brot wäre.
Dover Castle hat im Verlauf der Geschichte wohl schon so einigen Aggressoren die Stirn geboten. Dabei waren unter anderen Napoleon und wohl ganz zuletzt dieser kleine, gehässige Österreicher mit Unternasenhaarverlängerung und Scheitel umrahmtem Eisengesicht, dessen Name mir eben entfallen ist. Dabei fällt mir gerade auf, dass wohl einige kleine Männer im Laufe der Zeit ihren Hunger nach Kompensation mit dem Erobern fremder Länder gestillt haben. Ach wie bin ich froh, dass das Oberhaupt unserer Pasta liebenden europäischen Nachbarn dafür scheinbar ein anderes Ventil gefunden hat.
Auf dem Weg zum Castle begegnet man plötzlich einem ganz anderen Dover. Zwar weisen die Häuser immer noch die typisch englische Backsteinbauweise auf, aber je weiter man den Hügel hinauf läuft, desto schöner und größer werden sie. Immer zahlreicher werden die Alarmanlagen und Hinweistafeln auf Nachbarschaftswache und Videoüberwachung. Das scheint wohl etwas zu sein, was auf der ganzen Welt vollkommen gleich ist.
An Hanglange mit direkter Sonnenbestrahlung wohnen meist die Menschen, die in der Schule kaum die meiste Zeit mit Bergbauarbeiten in ihren Nasenlöchern zugebracht haben. Mir persönlich widerstrebt es etwas, jeden zweiten Meter darauf hingewiesen zu werden, dass ich gefilmt werden könne. Aber die Engländer scheinen gerne etwas Persönlichkeitsrechte zu Gunsten von Sicherheit eintauschen zu wollen.

Ein Wimpernaufschlag für ein Foto

Nach über eine Stunde erreichte ich endlich das Schloss und freute mich auf den herrlichen Blick über den Hafen und den Englischen Kanal. Die Freude wurde an einem Kassenhäuschen getrübt, wo man 16 Pfund Eintritt verlangte, um die geschichtsgeschwängerten Mauern bestaunen zu dürfen. Eine andere Möglichkeit für das ersehnte Foto gab es leider nicht. Nach Hundeblick und etwas Wimpern-Einsatz ließ mich die nette Dame kurz auf die Schlossbrücke, und ich war enttäuscht von der Ausbeute. Das konnte es einfach nicht gewesen sein.

White Cliffs of Dover

Wegweiser White Cliffs
Bruno Baumgartner in Dover
©Bruno Baumgartner / privat
Also lief ich weiter den Hang hinauf, bis ich dieses verhängnisvolle Schild mit der Aufschrift „White Cliffs“ fand, dessen Aufforderung ich begierig Folge leistete. Und ihr glaubt es nicht, aber ich wurde zum Wanderer! Oh ja, ich wurde zu Jack Wolfskin persönlich. Nahm Abkürzungen durch Wälder und fühlte mich plötzlich wie Bear Grylls höchst persönlich. Die Kamera in der einen und den Stock zur Abwehr von Wölfen in der anderen Hand.
Und endlich, nach einer Ewigkeit, erreichte ich die Cliffs, deren Schönheit einem schlicht den Atem raubt. Kilometerweit ziehen sich die grünen Ebenen oberhalb der Felsen gen Nordosten hin. Pferde grasen hier scheinbar wild auf riesigen Weiden und immer wieder wird das satte Grün von weißen Gesteinsformationen durchbrochen.
Der Atem stockt aber noch mehr, wenn man hinaus auf das Meer blickt. An klaren Tagen sieht man hier Frankreich, doch an diesem Tag lag es wie fast immer im Dunst verborgen. Schaut man in Richtung Dover, hat man einen gewaltigen Ausblick über den gesamten Fährhafen. Er wirkt, wie fast alles was von Menschen so Industrielles in die herrliche Natur gebaut wird, irgendwie schrecklich überflüssig. Die gewaltigen Fähren stampfen hier im 20-Minuten-Takt in den Hafen und entlassen aus ihren Bäuchen eine unfassbare Menge an Fahrzeugen, Menschen und Maschinen aus dem kontinentalen Festland. Beinahe heuschreckengleich verlassen sie das Schiff und wuseln hektisch durch das Strassenlabyrinth des Fährhafens.
Von den Cliffs aus betrachtet erinnert es irgendwie an das Gebären eines riesigen Insekts. Die kleinen Metalllastwagen und Autos verlassen eilig den stählernen Rumpf der Königin um auf sich alleine gestellt, die weite Inselwelt zu erkunden. Ihrer mütterlichen Last entledigt, tritt diese sogleich wieder den Rückweg an, um sich in Frankreich erneut schwängern zu lassen. Doch kein Kondom der Welt wäre groß genug, um vor dieser Güterbefruchtung Schutz zu bieten.
Ich stelle mir vor, wie es hier früher ausgesehen haben muss, als sich majestätische Schiffe mit riesigen, weißen Flaggen langsam der Hafenstadt näherten. Wie die Seefahrer von umtriebigen Händlern, gierigen Hafenmeistern und leichten Mädchen empfangen wurden. Wie schwere Eichenfässer von schwitzenden, übelriechenden Hafenarbeitern entladen wurden, während noble Gentleman mit Stock, Hut und Schnurrbart ihren Herzensdamen dabei halfen, sicheren Schrittes das Schiff  zu verlassen.
Aber ein kurzes Augenzwinkern und die Bilder waren auch schon wieder verschwunden. Die stählerne Güterschlange indes schiebt sich weiter auf die Straßen von Dover zu und hinterlässt neben stinkenden Abgasen wohl lediglich einiges an Gebühren in den Kassen der Grafschaft Kent. So schafft es der moderne Güterverkehr problemlos, die einst blühende Hafenstadt zur reinen Einfallschneise kontinentaler Erzeugnisse zu verwandeln.

Geschichtsträchtige Sitzgelegenheit

Bank mit Ausblick
Bruno Baumgartner in Dover
©Bruno Baumgartner / privat
Ich machte mich auf die Suche nach exakt jener Bank, auf der die beiden Männer im Film „Kanalschwimmer“ saßen und philosophierend aufs Meer hinaus blickten. Doch ich musste entmutigt feststellen, dass es hier Hunderte solcher Sitzgelegenheiten gibt und begnügte mich mit einer, die einen wirklich schönen Blick auf den Kanal bot.
Es ist schwer, beim Anblick dieser vom Wind aufgepeitschten Wassermassen nicht ins Grübeln zu geraten. Man fühlt sich klein, unbedeutend und hofft auf diesen EINEN, klaren Tag.
Ein ganz besonderer Gruß und ein Dankeschön gehen hier an die Mitarbeiter einer hamburger Bank – ihr werdet schon wissen, wer gemeint ist! :-)

Bleibt mir gewogen,

Euer Bruno

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