Bei seinem Training im Strandbad in Thun trifft Bruno Baumgartner auf sehr unterschiedliche Schwimmer-Typen.

Bruno Baumgartner

Freibad
Bilder 1/1
Open Water | 12. Mai 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Von Seerosen und Sportschwimmern

Bruno Baumgartner | Für Bruno Baumgartner hat endlich die Freibadsaison begonnen. Beim Training unter freiem Himmel denkt der Schweizer über die unterschiedlichen Schwimmer-Typen nach, die seine Bahn kreuzen. In seinem neuesten Blog-Beitrag teilt der Schweizer, der für eine Ärmelkanal-Durchquerung trainiert, diese Gedanken mit uns.
Liebe swim.de-Freunde,
endlich sind dieser verhasste Winter und die damit einhergehenden Trainingseinheiten auf der überfüllten 25-Meter-Bahn vorüber. Aus lauter Langeweile oder Frust driften die Gedanken schon einmal ab und schaffen Kurioses, wie etwa meine nicht zu ernst gemeinte Schwimmertypisierung, die ich Euch nicht vorenthalten will. Ich hoffe, sie entlockt Euch das eine oder andere breite Grinsen, wenn Ihr jemanden wiedererkennt.

Die Triathleten

Sie lassen sich auch ohne den obligatorischen Neoprenanzug sehr gut daran erkennen, dass sie bereits mit gequältem Gesichtsausdruck auf das 25 Grad warme Becken zuschreiten und dabei nervöse Blicke auf die Anzeigetafel werfen. Dem Triathleten ist Wasser außerhalb einer Badewanne erst dann warm genug, wenn sein Neoprenanzug Blasen wirft. Oder wenn er sich mit dem Wasser aus dem Becken, ohne es zuvor kochen zu müssen, eine Tasse Tee zubereiten kann, die er aber erst fünf Minuten abkühlen lassen muss, um sie trinken zu können. Auf die Frage, ob er seine Sauerstoffflasche zu Hause vergessen habe, reagiert er meist gereizt. Wird er in ein Gespräch verwickelt, so lautet einer seiner ersten Sätze stets: „Schwimmen ist nicht so meine Disziplin – ich mache das dann sowieso auf dem Fahrrad wieder gut!“

Die Seerosen

Die Seerose ist ein sehr edles und erhabenes Geschöpf, das seinen Kopf stets majestätisch oberhalb der Wasseroberfläche trägt. Auf ihrem stolzen Haupt blüht eine üppige Dauerwelle, die äußerst empfindlich auf das Element Wasser reagiert. Ein komplettes Untertauchen ist für die Seerose ebenso undenkbar wie Schwimmen bei Regen. Darum trifft man sie meist auch nur in überdachten Anlagen an. Früher trug die Seerose geblümte Badekappen, was sie aber heute aus modischen Gründen tunlichst vermeidet. Auf Wasserspritzer im Kopfbereich regiert sie mit zischenden Lauten und energischem Schütteln des gesamten über Wasser sichtbaren Blütenbereiches. Vermehrte Verfehlungen quittiert sie mit Blicken, die schon Schwimmer zu Stein haben erstarren lassen.

Die Senioren

Diese Gattung Schwimmer hat eigentlich gar keine Zeit zum Schwimmen! Ihr Tagesablauf ist streng geregelt und daher drängen sie sich schon 10 Minuten vor Öffnung des Bades vor dem Eingang, wo mutige Mitarbeiter sie mit hilfe von Barrikaden von einem verfrühten Stürmen des Gebäudes abzuhalten versuchen. Werden die Tore schließlich geöffnet, fühlt man sich kurzfristig nach Pamplona versetzt und hat das Gefühl, die Menge würde von wütenden Stieren ins Bad gejagt. Noch im Lauf fetzen sie sich die Kleider vom Leib, werfen sie hastig in eine Ecke und hechten ins Becken, um die beste Bahn zu ergattern. Knappe 40 Minuten später herrscht allerdings gähnende Leere im Bad, denn die Senioren arbeiten dann bereits am nächsten Punkt ihrer straffen Tagesordnung.

Die Linienschwimmer

Wie der Name bereits treffend sagt, ignoriert dieser Schwimmer alle geltenden Regeln und Pooletiketten. Er hat seine Linie zwar nicht käuflich erworben, aber glaubt fest daran, sie sich durch eine Art Gewohnheitsrecht verdient zu haben. Selbst wenn, und ich gebe zu, das ist in einem Hallenbad höchst unwahrscheinlich, ihm ein 300 Meter langer Supertanker entgegen kommen würde, bliebe der Linienschwimmer konsequent auf seinem Kurs. Höflich gefragt, ob es ihm denn nicht möglich sei, wie alle anderen auch im Kreis zu schwimmen, kennt der Linienschwimmer nur eine einzige Antwort: „Ich war vor Ihnen hier!“

Die Platzvernichter

Ein Platzvernichter schafft es, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen, und trotzt stoisch den Erkenntnissen moderner Physik. Sein Körper ist nämlich in der Lage mehr Raum einzunehmen, als es ihm durch sein eigentliches Volumen möglich wäre. Dies schafft er dadurch, dass er seine Gliedmaßen tentakelartig zuckend in alle Richtungen schleudert. Selbst zu zweit auf einer Bahn ist ein normales Schwimmen mit ihm nicht möglich. Die Lieblingslage das Platzvernichters ist das Rückenschwimmen – wohl um die ängstlichen Gesichter seiner Mitschwimmer nicht sehen zu müssen. Wirklich gefährlich wird der Platzvernichter allerdings in Kombination mit ungeschnittenen Zehennägeln, die er beim exzessiven Brustschwimmen messerartig gegen zufällig vorbeiziehende Kraulschwimmer einsetzt.

Die ErzählerInnen

Tauchen nie alleine, sondern ausschließlich paarweise auf und sind fast immer weiblich, obwohl ich durchaus auch schon männliche Exemplare beobachten konnte. Sie benötigen immer einen Gegenpart, die sogenannten ZuhörerInnen. Die Erzählerin liebt es, Bahn für Bahn über die neusten Gehversuche ihrer Sprösslinge oder die üblen Waschgewohnheiten der Nachbarin zu berichten. Den Kopf hält sie dabei stets seitwärts, um höflicherweise den Blickkontakt mit der Zuhörerin zu halten, die auf gleicher Höhe neben ihr herschwimmt. In Art und Gattung ähneln sie dabei stark den Linienschwimmern, denn nahende Hindernisse blenden sie völlig aus und konzentrieren sich voll und ganz auf den einzigen Sinn und Zweck, den eine Schwimmbahn nun einmal hat – das Erzählen!

Die Schläger

Sind immer männlich, haben oft bei der Verteilung der Körperbehaarung zweimal angestanden und tragen vielfach „böse“ Tattoos, um ihre Männlichkeit und den vorhandenen Testosteronüberschuss noch deutlicher zu zeigen. Im Wasser sind sie wahre Mississippi-Dampfer und dreschen alles nieder, was ihnen in die windmühlenartig schlagenden Fänge gerät. Sie scheinen bereits das Fruchtwasser im Mutterleib nicht recht gemocht zu haben, denn mit jedem Zug prügeln sie zornig auf das Wasser ein. Entgegen ihrem Namen sind die Schläger trotz ihrer leicht prähistorisch anmutenden Art und Weise oft umgänglich und nett, wenn man sie erst einmal kennengelernt hat und die blutende Nase versorgt ist.

Die Sportschwimmer

Auch diese Art von Schwimmer setzt Naturgesetze auf eine nie gekannte Art und Weise außer Kraft. Sie schaffen es nämlich, durch all die vorab genannten Gruppen einfach hindurchzuschwimmen! Man fühlt sich zu Recht oft an die Teleportation aus Star Trek erinnert, wenn sie geschmeidig wie Fische verletzungsfrei einen Platzvernichter kreuzen oder durch eine Gruppe von ErzählerInnen tauchen. Bei der Rollwende schaffen sie es geschickt, die sich am Ende des Becken tummelnden „am-Rand-Diskutierer“ nicht mitten ins Gesicht zu treffen. Gefragt, ob es ihnen denn nicht zu viele Leute seien, antworten sie meist schelmisch lächelnd: „Welche Leute?“
Ich hoffe, ich kann mit dieser sehr überspitzten Darstellung für etwas mehr Toleranz und Umsicht in den Schwimmbecken beitragen, denn davon gibt es leider allzu oft viel zu wenig. Bis demnächst,
Euer Bruno

Termine finden

Swim Onlineshop