Bruno Baumgartner macht sich Gedanken über Druck im Sport.

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Bruno
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Open Water | 20. Juni 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Vom Leistungsdruck im Sport

Bruno Baumgartner | So manche Schwimmeinheiten denkt Bruno Baumgartner, der im September den Ärmalkanal durchschwimmen will, über Ängste und Druck nach. In seinem neusten Blogbeitrag teilt der Schweizer seine Gedanken über Leistungsdruck im Sport mit seinen Lesern.
Liebe swim.de-Freunde,
heute will ich schon wieder ein etwas ernsteres Thema angehen. Dazu inspiriert haben mich mein langjähriger, bester Freund sowie die Erzählungen von nicht weniger als vier Sportlern. Sie brachten mich dazu, so manche Schwimmeinheiten über Ängste und Druck nachzudenken. Schnell wurde mir klar, dass ich mit dieser Thematik locker ein Buch füllen könnte.

Superlativitis

Eine der häufigsten Fragen, die man mir stellt, lautet: „Wofür trainierst Du eigentlich genau?“ Wenn ich dann die Ärmelkanalüberquerung genannt habe, folgt oft die Frage: „Aber hat das nicht schon jemand gemacht?“ Die Sportwelt oder die Menschheit als Ganzes leidet schwer an „Superlativitis“. Wenn jemand erzählt, er lasse sich aus 10.000 Metern ohne Sauerstoffmaske und nur mit einer Unterhose bekleidet zusammen mit einem Klavier aus dem Flugzeug werfen, spiele dabei von Jerry Lee Lewis „Great balls of fire“, während er dazu viermal die Unterhose wechsle, und ziehe schließlich 100 Meter über dem Grund die Reißleine des Fallschirms, um eine Punktlandung auf einer Getränkeharasse zu machen, dann wird einer kommen und ernsthaft fragen: „Aber hatte er wenigstens die Augen verbunden?“
Der Mensch an sich ist ein sehr umtriebiges und gieriges kleines Wesen. Das beweist er ab und an ganz locker aus der Hüfte, wenn er aus Profitgier Teile der Umwelt zerstört oder ganze Volkwirtschaften gegen die Wand fährt. Diese Gier, oder nennen wir es etwas weniger dramatisch den „Drang nach immer mehr“, hat uns zweifellos einige höchst spektakuläre Erkenntnisse und Errungenschaften gebracht. Wir wissen jetzt ganz genau, dass es auf dem Mond Steine gibt und dass Öl zwar hochgezüchteten Motoren, aber weniger dem Golf von Mexiko guttut.

Dabeisein ist alles

Doch warum ziehen wir diesen Drang weiter in den Sport, den wir oft gerade als Ausgleich für unsere stressige Arbeit gewählt haben? Was ist aus dem Olympischen Gedanken „Dabeisein ist alles!“ geworden? Wir verwenden ihn heute meist nur noch scherzhaft, wenn ein Wettkampf oder ein Rennen unserer Meinung nach völlig in die Hose gegangen ist.
Ich hatte Anfang dieses Jahres die Überquerung von Gomera nach Teneriffa geplant und auch auf Facebook angekündigt. Ich erhielt dann von einem guten Freund den Rat, doch nicht eine „zu große Welle“ zu machen.  Wenn es dann nicht klappen würde, sei es quasi auch nicht so schlimm, weil ja niemand davon wüsste. Dieser Rat geisterte lange und unverdaut durch die Windungen meines Gehirns und konnte einfach nicht in mich vorantreibende Energie umgesetzt werden. In der Tat scheiterte das Unterfangen durch die simple Tatsache, dass ich bei der Überfahrt nach Gomera trotz Medikamenten unfassbar seekrank wurde. Ich musste mich so lange übergeben, bis nur noch Magensäfte den Weg ins unruhige Meer fanden und an einen Start nicht mehr zu denken war.

Der Misserfolg anderer

Vielleicht wollte mich dieser gute Freund ja auf die folgenden, schwer verdaulichen Fakten hinweisen: Es gibt leider unter Psychologen die weit verbreitete Meinung, dass andere Menschen uns bei einem Vorhaben viel lieber scheitern als gewinnen sehen. Das ist jetzt keine Erfindung von mir, sondern bitterer Ernst. Sie begründen dieses Verhalten damit, dass der Misserfolg anderer unser eigenes Leben aufwertet und somit „besser“ werden lässt. Ein Beweis dafür sei der Erfolg von Sendungen wie etwa: „Die Superpannenshow“, wo man sieht, wie andere beim Skifahren, Tanzen, Sport, etc. meist spektakulär auf die Schnauze fallen. Warum finden wir es im TV witzig, wenn jemand beim Wandern auf einem nassen Stein im Bachbett ausrutscht und sich der Länge nach zu lustiger Musik in die Pfütze legt? Denken wir dann wirklich: „Dieser Riesendepp – mir würde das nie passieren!“, und fühlen uns dadurch besser?
Eigentlich hätte ich diesen Gedanken nicht weitergesponnen, wenn mich nicht gleich vier Erzählungen von Freunden weiter auf den Gedanken gebracht hätten: „Da ist was faul im Staate Dänemark!“ Mein bester Freund erzählte mir von einem Radrennen, an dem er gerne teilnehmen würde. Es wäre sein erster Wettkampf überhaupt geworden und ich fand die Idee ganz toll. Er hat schlussendlich nicht teilgenommen, weil er Angst hatte, nicht mit den langjährigen Radcracks in der Firma mithalten zu können und zu weit hinten platziert zu sein. Auch mein Einwand, die seien alle auch einmal ihr erstes Rennen gefahren, konnte nichts ausrichten.
Ähnlich erging es auch einer Triathletin. Sie machte sich große Sorgen, was denn wäre, wenn sie die Strecke nicht bewältigen und somit nicht finishen könnte. Ein weiterer Triathlet, den ich kenne, trainiert wie ein Weltmeister, nimmt aber nie an einem Wettkampf teil, weil er dem „Druck“ einfach nicht gewachsen ist. Und während einer der vielen Geburtswehen zu diesem Blog berichtete mir eine weitere Sportlerin, dass der Leistungsdruck in ihrem Verein so immens groß sei, dass sie manchmal bei gewissen Anlässen unter falschem Namen starten würde, um dem Druck und der Beobachtung zu entgehen.

Zielkonflikte

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass diese zwei Seiten schon öfters über den Rand des digitalen Papierkorbs geblickt haben. Die Thematik ist schwierig, umfangreich und könnte dem einen oder anderen sauer aufstoßen oder gar unangenehme Fragen nach der eigenen Motivation wecken. Zudem schreit sie plötzlich praktisch nach einem Aufruf für mehr Sportlichkeit, was wiederum den von mir so verhassten, moralischen Zeigefinger auf den Plan ruft. Trotzdem konnte ich diese aufwühlenden Schilderungen von Menschen nicht vergessen. Sie üben wohl einen Sport aus, um einen Gegenpol zum immensen Druck des Alltages zu haben und sehen sich jetzt plötzlich noch viel mehr genötigt, Höchstleistungen zu erbringen. Zielkonflikte im Arbeitsalltag sind nur allzu gut bekannt. Immer mehr Arbeit für immer mehr Geld resultieren in immer weniger Freizeit, um es ausgeben und genießen zu können. Die Folgen sind nur zu oft Frust und ein veritables Burnout.
Doch statt die Freizeit und den Sport einfach zu genießen, ergänzen wir das Ganze durch einen neuen und nicht weniger gefährlichen Zielkonflikt. Immer mehr Training für immer bessere Platzierungen resultieren in fehlender Erholung und persönlichem Leistungsdruck. Bei Recherchen zu diesem Blog stieß ich immer wieder auf den Ausdruck „Sportler-Burnout“. Dieses bezieht sich nicht etwa rein nur auf Spitzensportler, die noch viel höheren Anforderungen gerecht werden müssen. Auch im „normalen“ Leistungs- oder Vereinssport ist es durchaus kein Fremdwort mehr. Also für wen tun wir, was wir tun? Sind unsere Anforderungen an uns selbst so hoch geworden, dass wir daran zerbrechen oder hat auch die Erwartungshaltung Dritter damit zu tun? Wann wird positiver plötzlich zu negativem Druck?
Ich  erinnere ich mich an eine alte Frau, die bei einer Seeüberquerung nach über zwei Stunden das Ufer als Letzte erreichte. Sie mag den letzten Platz auf einem Stück Papier erreicht haben, aber wer von uns weiß, welche Ängste sie überwinden musste und wie hart sie dafür gearbeitet hat? Diese Frau strahlte trotz des Wissens, dass man sie beinahe aus dem Wasser geholt hätte, weil die Zeit überschritten war. Sie war einfach glücklich, weil sie für sich selbst eine außerordentliche Leistung erbracht hatte. Dieses Wissen reichte ihr vollkommen aus und brachte ihr Gesicht zum Leuchten. Vermutlich hätte sie an diesem Tag den ersten Platz verdient, wenn andere Kriterien als nur die Geschwindigkeit gezählt hätten.
All diese Dinge brachten mich dazu, auch über meine eigene Situation vermehrt nachzudenken. Was, wenn der eigenen Platz im Fokus plötzlich zum Brennpunkt wird, der sich durch Hitze sehr stark von Ersterem unterscheidet? Wie viel Hitze können wir ertragen?
Am Wochenende war ich in Spanien, um dort die Straße von Gibraltar zu durchschwimmen. Sie gilt zwar nichts als die schwierigste oder längste Schwimmstrecke der Welt, aber durch die starken Strömungen kann auch dieses Unterfangen schnell einmal scheitern. Und ich kann Euch schon jetzt verraten, dass vieles anders kam, als ich es erwartet hatte und dass Sieg und Niederlange sehr, sehr nahe beieinander wohnen. Nennt mich naiv, aber ich will trotzdem daran glauben können, dass Psychologen nicht immer Recht haben.

Aufruf

An dieser Stelle wäre gemäß dem guten Aufbau einer Geschichte ein Schluss fällig. Doch schon Produzenten wie die Cohen-Brothers beweisen eindrucksvoll, dass auch ein Film wie „No Country for Old Men“ kein wirklich sinnvolles Ende haben muss. Das Ende dieses Blogs ist ein Aufruf an Euch! Bitte nutzt die Kommentar Funktion weiter unten, um über Eure eigenen Erfahrungen mit Druck und Angst zu berichten. Es braucht sicher etwas Mut, aber vielleicht hilft es vielen anderen Sportlern zu sehen, dass sie mit ihren Gedanken keineswegs alleine sind. So schreibt Ihr das Ende dieses Artikels und damit auch die Konklusion. Ich bin dann mal weg…
Bist demnächst,
Euer Bruno

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