Bruno Baumgartner und sein Kapitän Stuart Gleeson haben ein gemeinsames Ziel: Frankreich.

Miriam Müller / spomedis

Bruno Baumgartner und sein kapitän Stuart Gleeson haben ein gemeinsames Ziel: Frankreich.
Bilder 1/1
Open Water | 18. September 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner und sein Kapitän

Bruno Baumgartner | Eine Woche ist Bruno Baumgartner nun schon in Dover. Nach ziellosen Trainingseinheiten im Hafenbecken war es endlich soweit: Bruno traf zum ersten Mal den Mann, der ihn durch den Ärmelkanal navigieren wird – seinen Kapitän Stuart Gleeson. Über diese schicksahlhafte Begegnung berichtet der Schweizer in seinem neusten Blogbeitrag.
Liebe swim.de Freunde,
hier in Dover haben sich die Dinge mittlerweile eingespielt, und ich betrachte mein 12 Quadratmeter Kabäuschen schon fast als ein kleines Zuhause. Es ist erstaunlich, wie der Mensch Rituale entwickelt,  um seinem Leben zu jeder Zeit und in jeder Lage Sicherheit und Halt zu geben. So hat sich das mit dem Puppenhaus-Miniaturwasserkocher zubereitete Käffchen im Zimmer ebenso zur Gewohnheit gemausert, wie das Wäsche waschen in der Duschwanne und die tägliche, kleine Laufrunde.

"Warum tust du Idiot dir das an?"

Natürlich beginnt jeder Tag mit dem obligaten Gang zum Hafen und den folgenden zwei Stunden Kaltwassertraining. Man sollte meinen, dass der Einstieg in das kalte Wasser jeden Morgen leichter fällt, aber das ist nicht so. Der Kanal scheint es mir wohl übel zu nehmen, dass ich ihn jeden Tag auf Schweizerdeutsch ausgedehnt beschimpfe. Meist wenn ich bis zur Hüfte im Wasser stehe, spreche ich mit ihm und frage ihn, ob das wirklich alles sei, was er zu bieten habe. Wohl wissend, dass sein Repertoire noch nicht einmal annähernd ausgeschöpft ist.
Dann folgt dieser ekelhafte Augenblick des Eintauchens und alle Resthaare am Körper, die den Attacken meines Rasierers durch Guerilla gleiche Aktionen wie durch ein Wunder entkommen sind, stehen innerhalb von Sekunden kerzengerade auf. Es dauert meist 20 bis 30 Sekunden, bis mein Gehirn zurückmeldet: „Hey, wir hatten hier gerade einen unerwarteten, schweren Systemcrash und mussten das Betriebssystem neu starten. Für weitere Informationen schau doch bitte im Event-Log nach!“ Und wenn ich das dann tue, steht dort lediglich: „Warum tust du Idiot dir das selber an?“ Nun, es ist tatsächlich so ähnlich wie bei Windows – gewisse Fehlermeldungen muss  man einfach zu ignorieren lernen.

Planlos im Hafenbecken

Dann folgt auch schon das nächste Problem: „Was mache ich heute?“ Es gibt absolut nichts Schlimmeres, als plan- und ziellos in einem riesigen Hafen herumschwimmen zu müssen. Es geht ja nun nicht mehr darum, noch Kilometer zu reißen, sondern sich an die Kälte zu gewöhnen und die Schultern dabei zu schonen.
Zwei Stunden können eine unglaublich lange Zeit sein, und so schwimme ich doch fast immer von der West- zur Ostmauer und wieder zurück. Meist kommen so doch um die sieben Kilometer zusammen, was eigentlich nicht der Plan war.
Diese Mauern  mit ihren verrosteten Stahlträgern und dem verwitterten Beton wirken auf mich unglaublich bedrohlich, wenn man sich ihnen schwimmend nähert. Während das Wasser in der Mitte des Hafens eine eher grünliche Farbe hat, ist es in der Nähe der Mauern schmutzig braun, und die Sicht sinkt augenblicklich von 20 auf fünf Zentimeter. Es in der Tat so, dass man hier seine Ellenbogen während einem Armzug unter Wasser nicht sehen kann. Es ist echt gewöhnungsbedürftig, wenn sich dein Arm visuell aufzulösen scheint. Was immer also auch dort unten auf dem Grund des Hafens mit knurrendem Magen lauert, während es gerade Blütenblätter von einer Blume zupft und dabei vor sich hin murmelt: „Ich esse Menschen – nein ich esse keine Menschen…“ – man würde es nicht zuerst sehen, sondern gleich fühlen.

Von Haien und Quallen

Oft werde ich gefragt, ob ich denn keine Angst hätte und ob es dort keine Haie geben würde. Nun, das mit den Haien ist so eine Sache. Oft fährt man nach Spanien, Italien oder Frankreich in den Urlaub und hört jemanden sagen: „Dort gibt es keine Haie!“ Der Grund dafür ist ganz einfach. Unter Wasser gibt es nämlich riesige Verbotsschilder, auf denen Haie dick durchgestrichen sind. Diese possierlichen Tierchen wissen also ganz genau, dass sie dort nichts zu suchen haben. Das bringt man ihnen in eigens eingerichteten Haischulen bei. Dort lernen sie nicht nur das Beachten von Unterwasser-Verkehrsschildern, sondern auch das „nicht Verspeisen“ naiver Touristen.
Ich sage nur, der Begriff „Open-Water“ kommt nicht von ungefähr. Es mag wohl Regionen geben die Haie eher meiden, aber theoretisch kann man ihnen zumindest im Meer fast überall begegnen. So wurden sie neben Quallen, Walfischen und Delphinen auch schon im Englischen Kanal gesichtet. Ob ich Angst habe? Nur wenn ich darüber nachdenke! :-) Wenn gewisse Touristen wüssten, dass sich einige der größten Populationen „Weißer Haie“ im Mittelmeer befinden, würden sie wohl nie wieder eine Zehe ins Meer halten.

Wenn Träume zu Staub zerfallen

In dieser Woche sind hier in Dover viele Träume zu Staub zerfallen. Der Frust in der Channelswimmer-Gilde ist schon beinahe physisch spürbar. Das Wetter hat einige sehr weit angereiste Schwimmer ohne Trostpreis wieder in ihre Heimat zurückgeschickt. Aber auch die „Pilots“ sind frustriert, weil sich ihr Einkommen immer mehr verringert. Eine Überquerung bringt ihnen um die 2.500 Englische Pfund. Kann diese aber nicht durchgeführt werden, so bleibt ihnen nur die nicht rückzahlbare Anzahlung von 800 Pfund.
Plötzlich wurde die schon fast eingekehrte Routine jäh unterbrochen, als meine Vermieterin hektisch an die Tür klopfte. Sie erzählte mir, mein Kapitän hätte sie heute Morgen aus dem Bett geklingelt und mich verlangt. Ich wäre aber nicht mehr auf meinem Zimmer gewesen und darum habe er eine Nachricht hinterlassen. Er wolle mich noch am Morgen im Hafen treffen.

Kennenlernen mit dem Kapitän

Als ich von meinem täglichen zwei Stunden Schwimmen im Hafen und anschließendem Mittagessen zurückkehrte, war es aber bereits 13:30 Uhr! Hastig wählte ich die notierte Nummer und hatte nach einigen Problemen mit der Vorwahl endlich Stuart Gleeson an der Strippe. Zum Glück war er immer noch in Dover und ich traf Stuart, einen der offiziellen Kapitäne der Channels Swimming Association, eine Dreiviertelstunden später im Bootshafen.
Ich finde diese Augenblicke immer sehr spannend, wenn man eine „Telefonstimme“ plötzlich in echt vor sich hat. Wie weit gehen Vorstellung und Realität auseinander? Nach meinen Erfahrungen ist diese Kluft bei schönen Frauenstimmen oft einige Lichtjahre breit. Stuart entpuppte sich als hochgewachsener Mann mit kurzen Haaren, Brille und leichtem Bauchansatz. Nicht der typische Seebär wie ich ihn erwartet hatte, aber dafür sehr sympathisch. Schon von weitem lachte er mir zu und der feste Händedruck tat sein Übriges dazu, um meinen guten, ersten Eindruck zu bestätigen.
Wir gingen zu seinem Boot, der Sea Leopard, und er zeigte und erklärte mir geduldig alles Wissenswerte. Ich sagte Stuart er habe vermutlich jede Geschichte, warum jemand den Kanal schwimmen wolle und wie wichtig es ihm sei, schon tausendmal gehört, und ich würde ihn darum mit meiner verschonen. In diesem Augenblick war das Eis endgültig gebrochen, denn er lachte herzlich und dankte mir dafür.
Zum Schluss zeigte er mir auf dem Navigationsgerät noch einige aufgezeichnete Kurse von vergangenen Überquerungen. Ich sah viele S- und Z-Linien, die nicht an der Küste von Frankreich endeten, und da kam es auch wieder hoch, dieses üble Wissen, das fünf von sechs Schwimmern scheitern. Es war komisch, auf diese Linien zu blicken und zu wissen, wie viele zerplatze Träume und Tränen sie symbolisierten. Ich fragte mich, ob wohl ein Schwimmer nach mir meine Kurslinie mit denselben Emotionen betrachten würde?
Ich verabschiedete mich von Stuart mit einem guten Gefühl und seiner Zusage, dass er mich am Tag vor dem großen Schwimmen anzurufen würde. Die voraussichtliche Uhrzeit für den Start vermutete er zwischen 1:00 und 4:00 Uhr morgens!

Fettige Fritten

Immer wieder ein Tageshighlight stellt die Suche nach einem guten Restaurant für das Mittag- und Abendessen dar. Ich weiß nicht genau, was alle immer an diesem englischen Essen auszusetzen haben? Man bekommt es ja nirgendwo! Zumindest hier in Dover finde ich kein Restaurant, das Roastbeef mit Yorkshirepudding oder Lammfleisch mit Minzsauce auf seiner Speisekarte hat. Neben Chinesen, Indern und Italienern findet man hier bekannte Fast-Food Ketten und ich muss leider sagen, dass viele Engländer ein schweres Problem mit Übergewicht haben. Das wiederum nehmen sie aber allen Anschein nach auf die leichte Schulter und sorgen so zumindest in virtueller Hinsicht für ein gewisses Gleichgewicht. Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn praktisch zu jedem Gericht Chips (Fritten) serviert werden.
Als ich mir gestern in meinem erklärten Lieblingsrestaurant eine Fleisch-Lasagne bestellte, staunte ich nicht schlecht, als die Lasagne in einer kleinen Eckes des Tellers lag, während der ganze übrige Platz mit Fritten zugedeckt war. Ich nahm die Speisekarte noch einmal genauer unter die Lupe und bemerkte praktisch bei allen Gerichten den Zusatz „with Chips“! Hätte man den Mut, beim Italiener um die Ecke eine Lasagne mit Fritten zu bestellen, so würde sich dessen Koch vermutlich mit einem stumpfen Gemüseschälmesser die Pulsadern öffnen und schreiend aus dem nächsten Fenster stürzen.
Mit hohem Fettkonsum scheint man hier keine Probleme zu haben. Dagegen hat sich aber schon lange herumgesprochen, dass übermässiger Salzkonsum ebenso schädlich ist. Das muss wohl der Grund dafür sein, warum England die einzige mir bis jetzt bekannte Nation ist, die ihre Fritten nicht gesalzen serviert. Selbst bei Kentucky Fried Chicken werden diese ohne ein Körnchen Salz gereicht. Hier reitet mich nun etwas das Teufelchen, denn ich werde diese Woche in einem heroischen Selbstversuch noch ausprobieren, wie sich das bei Mac Donalds verhält.

Der seidene Wetterfaden

Ihr seht, ich habe definitiv viel zu viel Zeit und freue mich sehr darauf, dass schon bald Familie und liebe Freunde anreisen, um mich auf dem letzten Abschnitt dieser Reise zu begleiten. Es wird sich kurzfristig zeigen, ob ich Euch vor dem großen Tag noch einmal Bericht erstatten kann. Das hängt jetzt alles am seidenen Wetterfaden!
Gespannt wie eine Feder, fokussiert und bereit verbleibt 

Euer Bruno

Termine finden

Swim Onlineshop