Bruno Baumgartner ist bereits angekommen: in Dover und bei sich selbst.

Miriam Müller / spomedis

Bruno Baumgartner ist bereits angekommen: in Dover und bei sich selbst.
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Open Water | 21. September 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner und die Erfüllung seines Traums

Bruno Baumgartner | Es geht nicht ums Ankommen – nicht für Bruno Baumgartner. Zumindest nicht um das Ankommen in Frankreich. Der 42-Jährige ist bereits angekommen: in Dover – und bei sich selbst. Warum der Weg das Ziel seines Abenteuers war, und was die Zahl 40 damit zu tun hat, darüber berichtet der Ärmelkanal-Aspirant in seinem neusten Blogbeitrag.
Liebe swim.de-Freunde,
nun hat es also begonnen, das große Warten! Und weil es doch Ende der Woche zu werden scheint, will ich Euch in diesem kurzen Blog noch etwas Besonderes offenbaren.
Manche von Euch werden schon wissen, warum ich mir dieses Abenteuer aufgebürdet habe. Leser, die etwas später eingestiegen sind dagegen vielleicht auch nicht. Zum Teil haben sie auch durch die bewusst lustig gehaltenen Blogs einen ganz anderen Eindruck von mir erhalten und kennen den ernsten Hintergrund noch gar nicht.

Der Mensch als Rädchen

Als ich vor zwei Jahren 40 wurde, dachte ich, dass ich mir und der Welt etwas beweisen müsse. Ich hatte das unüberwindbare Bedürfnis, etwas Besonderes tun zu müssen, um diesen Altersschock überwinden zu können.
Wir leben in einer Gesellschaft, die uns mittlerweile alles abverlangt. Nicht selten kaut sie Menschen durch, bis selbst der letzte Tropfen Kraft aus ihren müden Knochen gewichen ist und spuckt sie dann als Burn-Out-Patienten wieder aus. Doch außer den zahlenden Krankenversicherungen scheint das niemanden groß zu interessieren. Dass der Mensch als Rädchen im Produktions- und Dienstleistungsgetriebe oft zum Kollateralschaden der Leistungsgesellschaft verkommt, wird wohl als notwendiges Übel betrachtet. Man findet es zwar nicht in Ordnung, nimmt es aber trotzdem irgendwie billigend in Kauf.
Der Mensch scheint zum personifizierten BWL-Begriff zu werden und nur noch ein reiner Produktionsfaktor zu sein, der sich Dank seiner zahlreichen Verfügbarkeit beliebig ersetzen läßt. Sinn und Lebensglück wird mehr und mehr über die Höhe des Einkommens definiert und je höher unser Einkommen wird, desto kleiner wird auch der Zeitraum um es ausgeben und genießen zu können.

Wenn das Schiff vom Kurs abkommt

Wir sind längst nicht so groß wie die Aufgaben, die uns von der Leistungsgesellschaft aufgebürdet werden. Doch leider erkennen wir das selber oft viel zu spät und zerschellen an den schroffen Klippen des Lebens. Pragmatiker würden es wohl „Survival of the fittest“ nennen und Schwäche mit einer gewissen Verachtung strafen.
Aber ich denke, jeder von uns kommt im Leben an einen Punkt, an dem ihn seine Dämonen heimsuchen. Ob das nun die Angst vor dem Alter, vor Arbeitslosigkeit oder gar Krankheit ist – irgendwann gerät jedes Schiff einmal vom Kurs ab. Aus diesem Grund wurden früher Leuchttürme gebaut, die solche Schiffe sicher in den Hafen leiteten.
Leider gibt es im Leben solche Leuchtfeuer nicht. Es mag 1.000 Bücher geben, die sich mit Themen beschäftigen, die da wohl heißen mögen: „Wie kann ich…?“, Wie werde ich…?“, „Was muss ich tun um…?“ Aber wenn wir sieben Milliarden Menschen auf der Welt sind, dann bräuchte es exakt ebenso viele Bücher, denn unsere Individualität und Einzigartigkeit macht es nötig, dass jeder seinen eigenen Ratgeber und Leitfaden erhält. Wir haben Stärken, Schwächen, Hoffnungen und Sehnsüchte.

Der Weg war das Ziel

Es sind alle diese und noch viel mehr Eigenschaften, die uns als Menschen definieren und so einzigartig machen. Manchmal sind wir hart wie Stein, aber oft auch sanft und zerbrechlich. Ich musste erst nach Dover kommen, um die wohl wichtigste Lektion meines Lebens zu lernen. Ich muss morgen nicht durch den Ärmelkanal schwimmen, um mit meinem Alter und den vielen Fragen klar zu kommen. Ich muss nicht zwingend in Frankreich ankommen. Es war einzig der Weg dorthin, der mir Mut und Zuversicht zurückgegeben hat.
Menschen brauchen Träume, denn sie eröffnen ihnen neue Wege, die sie ansonsten nie gegangen wären. Ich bin meinen Weg gegangen - habe gekämpft und gelitten, geheult und geflucht - mich selber verdammt, warum ich jemals einer Menschenseele von diesem verrückten Plan erzählt habe. Doch ich musste diesen Weg gehen.

"Endlich angekommen!"

Meine innere Reise geht hier und heute in Dover zu Ende, denn ich habe mein Ziel erreicht. Ich bin endlich angekommen! Ich fühle mich lebendiger und wacher als je zuvor in meinem Leben. 40 ist nur eine Zahl – und es ist eine verdammt gute Zahl! Lasst Euch von ihr nicht ins Boxhorn jagen.
Wenn ich beim Start die Sterne am Himmel und die Lichter von Frankreich in der Ferne sehe, dann habe ich meinen inneren Frieden gefunden. Die Reise wird zu Ende sein – und das Ankommen auf der anderen Seite nur das schönste Abschiedsgeschenk, das ich mir für dieses Abenteuer wünschen könnte.
Bitte klettert auf die höchsten Berge, springt von den spektakulärsten Klippen, lauft durch die weitesten Steppen und schwimmt durch die tiefsten und längsten Kanäle und Seen. Lasst Euch von niemandem sagen, dass ihr Spinner seid! Fürchtet Euch nicht vor den Fragen jener, die das nicht verstehen können! Pfeift auf alle die sagen, dass ihr es nicht schaffen könnt oder die hinter vorgehaltener Hand lachen, wenn ihr ein Ziel einmal nicht erreicht habt. Lebt Eure Träume und lasst sie in Euren Herzen lebendig werden, denn wir brauchen sie mehr als alles andere auf der Welt.

Das Schiff ist auf Kurs gebracht

Natürlich werde ich weiter über den Event berichten, doch ihr sollt wissen, dass mit dem, was ihr vielleicht für den Anfang des Abenteuers haltet, für mich etwas zu Ende geht. Ich habe mehr getan als nur mit einer Zahl Frieden zu schließen. Ich habe mein Schiff wieder auf Kurs gebracht. Die letzten zweieinhalb Jahre kann mir keiner mehr nehmen. Sie haben mein Leben geprägt, wie wohl noch nie etwas zuvor. All die Fragen nach dem: „Was kommt danach?“ sind jetzt völlig belanglos, denn es wird dann nur noch mit brennender Leidenschaft ausgeübter Sport sein. Es ist endlich Ruhe eingekehrt in meinem Herzen – und das ist gut so!
Liebe swim.de-Freunde, die ihr mich jetzt so lange begleitet und unterstützt habt, bitte vergesst nie: Träume sind gewaltige Schwingen - sie tragen Euch überall hin, wenn Ihr ihnen genügend Nahrung gebt!
Bleibt mir gewogen,
Euer Bruno

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