Bruno Baumgartner blickt gespannt auf den Thunersee hinaus. Wird seine Schulter den Trainingsanforderungen standhalten?

Mariana Sommer / privat

Bruno Baumgartner blickt gespannt auf den Thunersee hinaus. Wird seine Schulter den Trainingsanforderungen standhalten?
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Open Water | 24. August 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner und der Mut zur Regeneration

Bruno Baumgartner | In drei Wochen wird Bruno Baumgartner gegen Wind und Wellen im Ärmelkanal kämpfen. Zurzeit kämpft er jedoch gegen seine verspannte Muskulatur – mit Hühnern, seinem Nachbarn und zur Not auch Vodoo.
Liebe swim.de Freunde,
ich knüpfe nahtlos an den Zürichsee-Marathon und die folgenden Tage an, in denen ich mich ernsthaft fragte, ob ich meine Arme jemals wieder normal bewegen können würde. Zumindest wäre das Aufsetzen eines Hutes mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden gewesen.

Der Mut zum Nichtstun

Nachdem mir eine liebe Freundin einmal gesagt hat, man müsse auch den Mut zur Regeneration und zum „Nichtstun“ haben, blieb ich am Montag und Dienstag dem Wasser fern. Außerdem sagte ich mit schwerem Herzen meine Teilnahme am „Earl of Pearl Schwimmen“ im schönen Österreich ab, auf das ich mich schon sehr gefreut hatte. Doch ich ahnte, dass ich mich in einer knappen Woche niemals würde erholen können. Zudem hatte ich am 20. August eine Verantwortung als Teamschwimmer beim INFERNO Triathlon und wollte es schlicht nicht riskieren, dass wegen mir ein ganzes Team nicht starten können würde.

Prügel für den Schweinehund

Am Mittwoch führte mich mein Weg, den inneren Schweinehund kräftig mit einer Eisenstange verprügelnd, schließlich wieder ins Thuner Strandbad. In der Folge bewahrheitete sich aber, was ich insgeheim schon wusste: „Rien ne va plus, les jeux sont faits!“ Zwar hatten die Schmerzen etwas nachgelassen, aber bei jedem einzelnen Zug schien etwas aufzuwachen und wie ein gieriges, kleines Nagetier an meinen Muskeln und Sehnen zu knabbern. Dass ich bei diesem ersten Training wirklich nur locker schwimmen wollte, brauche ich wohl nicht zu sagen.
 
Frustrierend ging dieser Tag zu Ende, und ich dachte über einen Blog zum Thema Gesundheit nach und wollte ihm den Titel: „Sport ist Mord – Schwimmen ist Ladendiebstahl“ geben. Schließlich haben wir uns einen der gesündesten und gelenkschonendsten Sportarten überhaupt ausgesucht. Verletzungen sind relativ selten und meist doch eher harmlos. Trotzdem muss man leider sagen, dass Leistungssport nie ohne Spuren am menschlichen Körper vorüber zieht.

3/4 Huhn bitte

Mein guter Freund und Geschäftspartner, der jahrelang Judo auf internationalem Wettkampfniveau betrieben hat, trägt noch heute in schöner Regelmäßigkeit größere Bündel Geldscheine in Richtung der ärztlichen und chiropraktischen Zunft. Längst vorbei die Zeit, als der Bauer nur so krank werden durfte, wie sein Arzt Kartoffeln zu essen vermochte. Seit der Erfindung des Geldes und der damit verbundenen Möglichkeit der „Wertaufbewahrung“ haben wir Menschen gelernt, dass „genug“ nicht einfach genug, sondern eine schöne Plattform zum Aufhäufen von „immer mehr“ ist. In diesem Sinne frage ich mich des Öfteren, wie eine Rückkehr zum guten, alten Tauschhandel aussehen würde.
Gerade an schlechten Tagen mit trüben Gedanken finde ich diese Vorstellung ausgesprochen erheiternd. Man stelle sich zum Beispiel die Verkäuferin im Supermarkt vor, die sagt: "Das macht dann 3/4 Huhn bitte - brauchen sie ein Beil?" Kunde: "Nein danke! Ich hab mein eigenes dabei." Ich sehe schon die Protesttransparente von WWF und PETA: „Stoppt das grausame Zahlen mit halben Hühnern!“ Oder die neusten Wirtschaftsmeldungen: „Schweizer Nationalbank züchtet noch mehr Hühner und Kartoffeln um den Markt zu stabilisieren!“
Zugegeben wieder einmal etwas wirres Gedankengut, aber mit einem doch ersten Hintergrund. Hühner und Kartoffeln würden sich nicht horten lassen, weil sie verhungern oder verrotten. Zwei Eigenschaften, die Geld leider viel zu wenig sein Eigen nennt. Das soll jetzt nicht etwa eine Beschwerde gegen zu hohe Gehälter der Ärzte sein. Aber sowohl die Schweiz, als auch Deutschland scheinen ja doch so einige Probleme mit dem Gesundheitswesen und den stetig steigenden Behandlungskosten zu haben. Die neue Prämienrechnung meiner Krankenkasse lese ich grundsätzlich nur noch im Liegen, weil ich es so vermeide, ohnmächtig zu werden, mir beim Aufschlag eine Gehirnerschütterung zuzuziehen und so den ganzen Teuerungskreislauf noch mehr anzuheizen.
Im Schweizer Gesundheitswesen ist es nämlich so, dass der Versicherte einen Selbstbehalt (Franchise) hat. In Höhe dieser jährlichen Franchise zahlt man also seine Arztkosten einfach selber. Der Versicherte kann nun je nach Befinden und Alter seinen Selbstbehalt zwischen 300,00 und 2.500,00 Franken selber wählen und so die Höhe seiner monatlichen Prämienrechnung mitgestalten.

Der Arzt – mein Freund und Nachbar

Früher war ich praktisch nie bei einem Arzt und wählte daher sinnvollerweise eine recht hohe Franchise von 2.000,00 Franken. Doch seit ich auf diesem doch recht hohen Niveau Sport betreibe bin ich froh, dass der Arzt mein Nachbar und Freund ist. Ganz am Anfang schaffte ich es sogar, mir im Hallenbad beim „Schwimmen“ drei Rippen zu brechen. Ja das geht, wenn man sich auf die Mauer bei den Startblöcken hieven will, dabei abrutscht und mit dem untersten Rippenbogen auf eben jene Mauer zurückknallt. Seit diesem Zeitpunkt sehen wir uns in schöner Regelmäßigkeit und das nicht nur zum Grillen im Garten.
Ich sah mich also schon vor einem grün gekleideten Chirurgen mit gewetztem, glitzernden Skalpell stehen, der Vertrauen einflößend sagt: „Impingement-Syndrom in der Schulter? Kein Problem Herr Baumgartner – das schneiden wir gleich raus!“ Auf meine Frage, ob ich denn im September trotzdem den Ärmelkanal schwimmen könne, bricht er in Gelächter aus. Und als ich ihn frage, wie viele Hühner ich dafür wohl rechnen müsse, wälzt er sich vor mir auf dem Boden. Und so sah ich auch mein mageres Budget für das Projekt um weitere 2.000,00 Franken in Form von Röntgenaufnahmen, MRIs MRTs, Ultraschall, Endoskopien oder Aufschneiden und „einfach mal nachsehen“ brutal belastet.

Eiscreme, Wein und Panik

Letzten Samstag erreichte das Trauerspiel aus enttäuschenden Trainingseinheiten und aufkommenden Ängsten den Höhepunkt. Ich fuhr planlos mit dem Auto in der Gegend herum und gönnte mir schließlich in einem Restaurant einen Kübel Eiscreme, dessen Kalorienzahl meinen Tagesbedarf wohl um ein x-faches übertraf. Wieder zu Hause, legte ich zügig einige Gläser Wein nach, um das gute Gefühl des eben einverleibten Zuckers noch etwas zu intensivieren. Es war 16.00 Uhr, und die Dinge standen schlecht.
Besorgte Fragen von befreundeten Sportlern hatte ich bis dahin mit einem „Ach, das wird dann schon wieder!“ und etwas gespielter Zuversicht abgetan. Aber tief in mir sah es etwas anders aus. Panik machte sich langsam breit, und der Ärmelkanal schien nur noch das zu sein, was er ganz am Anfang war – ein Traum.

Gute Hilfe ist nicht teuer

Beim dritten Glas fiel mir plötzlich eine Schwimmbekanntschaft ein, die mir als Gegenleistung für einige Schwimm-Tipps einmal ihre Hilfe bei muskulären Problemen angeboten hatte. Als medizinische Massagetherapeutin hatte sie mir schon damals sehr gute Infos zum Dehnen gewisser Muskelpartien gegeben. Ich störe nicht gerne Leute an einem Wochenende, doch die Verzweiflung war so groß, dass ich sie anrief und zu meinem größten Erstaunen zwei Stunden später schon bei ihr auf der Massagebank lag.
Hilfe anbieten und sie dann auch freudig gewähren wenn sie erfragt wird, ist in unserer Gesellschaft leider ein sehr seltenes und kostbares Gut. Nicht so bei ihr! Kein „Ja vielleicht nächste Woche mal… oder aber du könntest eventuell….“ Nein, zwei Stunden später blickte ich in ihre besorgte Miene und vernahm die Worte „Oh – da haben wir aber mehrere Baustellen und einiges an Arbeit vor uns!“
Gemäß ihren Aussagen mussten sich meine Muskeln in den Armen wohl eher wie die Stahlkabel einer Drahtseilbahn, als wie menschliche Bestandteile anfühlen. Und nach knapp zwei Stunden schmerzhafter Behandlung löste sich plötzlich der Spannungsschmerz auf der Vorderseite meiner Schulter und es war tatsächlich fast so, als wäre etwas Magie im Spiel. Als sie mir versicherte, dass sie als Grund meiner Schmerzen ein rein muskuläres Problem vermute und dass durch die Verhärtung vielleicht ein Nerv gequetscht werde, hätte ich fast losgeheult.

Rettung zur richtigen Zeit

Aber es sind in der Tat signifikantere Merkmale, die uns Männer von Frauen unterscheiden als ein gelegentliches Wasserlassen durch die Augenwinkel. Ich denke, dass sporadische Würdigen emotionaler Augenblicke macht uns daher nicht zu „Susis“, sondern schlichtweg zu normalen Menschen. Sicher klammert man sich in solchen Augenblicken an jeden Rettungsanker, der einem vor die wankenden Füße geworfen wird. Aber als sie mir dann noch erklärte, es sei höchste Eisenbahn gewesen etwas zu unternehmen, denn sonst hätte ich durch die vielen Verspannungen in Armen und Rückenbereich auch noch Schmerzen im Kreuz bekommen, da war für mich jeder Zweifel endgültig beseitigt. Ich hatte nämlich schon seit Gibraltar über Kreuzschmerzen geklagt, ihr aber davon noch nichts erzählt.
Sicher ein sehr gutes Beispiel dafür, was eine gesamtheitliche Beurteilung der muskulären Situation zu bewirken vermag. Am Tag danach schwamm ich praktisch schmerzfrei und guter Dinge wieder drei Kilometer im Becken. Seither arbeiten wir zweimal pro Woche daran, bis England alles wieder weich und entspannt zu kneten. Meist sind wir beide nach zwei Stunden Behandlung völlig erschöpft – sie von dem benötigten Kraftaufwand und ich davon die Zähne zusammen zu beißen und mir zu wünschen, ich hätte indianische Wurzeln und würde keinen Schmerz kennen.
Wer denkt, eine medizinische Massage sei ähnlich dem Erlebnis in einem Streichelzoo, wo bepelzte Lieblinge sanft gekrault werden, der hatte noch nie in seinem Leben eine richtige Massage. Manche Druckpunkte sind so empfindlich und schmerzhaft, dass deren Manipulation ein Flimmern im Kopf und gelegentliche Übelkeit auslöst.

Gänseblümchen statt Inferno

An dieser Stelle hätte ich Euch jetzt gerne unter der schon fast poetischen Überschrift „Vom Schulter-Inferno zum INFERNO Triathlon“ erzählt. Doch leider wartete am Samstagmorgen eine böse Überraschung auf alle schwimmbegeisterten Teilnehmer. Das Schwimmen musste erstmals in 14 Jahren aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Als wir Schwimmer schließlich mit dem Passagierschiff nach Oberhofen in die Wechselzone fahren mussten, um dort den Zeitchip unserem Radfahrer zu übergeben, war die Stimmung auf dem absoluten Nullpunkt.
Ein Blick auf den See zeigte uns zwar, dass die Entscheidung der Organisatoren in Hinblick auf die etwas weniger ans Open Water gewöhnten Teilnehmer sicher gut und auch richtig war. Trotzdem sollte der Name INFERNO doch auch Programm sein und dem geneigten Teilnehmer vermitteln, dass ihn vielleicht etwas mehr als ein gemütlicher Badeplausch mit Entchen und duftendem Badezusatz erwarten könnte.
So suchten wir leicht genervt und trotz Verständnis für die Entscheidung des Organisationskomitees neue Namen für den Triathlon, und mir persönlich gefällt dabei „Gänseblümchen-Triathlon“ bis heute am besten.
Ihr seht also, dass dieser Blog eine einzige große Frustbewältigung ist :-) Seit heute bin ich übrigens, eher durch ein Missverständnis, stolzer Besitzer eines dieser hippen Power-Balance Armbändchen geworden, dem eine nicht unbedeutende Schweizer Konsumentenschutzorganisation einen Materialwert von circa 80 Centent und die Wirksamkeit eines gespaltenen Dachziegels mit Farbfehlern zugesteht. Aber wie sang schon Johnny Cash bedeutungsschwanger in Personal Jesus: „Lift up the receiver, i'll make you a believer”. Und zurzeit würde ich den Hörer auch für einen Voodoo-Priester abheben, wenn er mir schnelle Hilfe verspricht.  
Ich halte Euch auf dem Laufenden,
Euer Bruno

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