Bruno Baumgartner auf dem Oeschinensee bei Kandersteg (Schweiz).

Gérard Nguyen / privat

Bruno Baumgartner auf dem Oeschinensee bei Kandersteg (Schweiz).
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Open Water | 2. September 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner und der kalte Beweis

Bruno Baumgartner | Am 10. September wird Bruno Baumgartner zum ersten Mal den Ärmelkanal vor Augen haben. Rund eine Woche später nimmt er dessen Überquerung in Angriff. Zuvor musste der Schweizer der Channel Swimming Association einen Beweis erbringen: dass er sechs Stunden schwimmen kann – bei weniger als 16 Grad Wassertemperatur. Ob ihm das gelang, darüber berichtet er in seinem neusten Blogbeitrag.
Liebe swim.de Freunde,
nach dem „Gejammer“ der letzten Blogs kann und will ich euch endlich wieder einmal Gutes berichten!

Mit der Panik ist das ja so eine Sache. Die einen befällt sie beim Öffnen eines Steuerbescheides, andere wenn sie behaarte kleine „Monster“ mit mehr als vier Beinen im Halbdunkeln über die Wohnzimmerwand wuseln sehen oder manche, wenn selbst die fünfte Viagra in Folge immer noch dieselbe Wirkung zeigt, wie ein durchschnittliches Hustenbonbon.
Die Panik, die mich Ende letzte Woche befiel, war etwas komplexerer Natur. Es ist nämlich so, dass man der CSA (Channel Swimming Association) vor dem Durchschwimmen des Ärmelkanals beweisen muss, dass man sechs Stunden in kaltem Wasser schwimmen kann. Kalt bedeutet nach Definition der CSA unter 15,5 Grad Celsius. Ansonsten wird man gar nicht für einen Versuch zugelassen. Es geht hier wohl darum, potentielle „Selbstmörder“ oder völlig unvorbereitete Adrenalinjunkies auszusieben.

Natürlich hatte ich von diesem Qualifikations-schwimmen gewusst und es auf Anraten eines Freundes für meine Vorbereitungswoche in Dover eingeplant. Schließlich geht es dabei nicht mehr darum, Kilometer zu machen, sondern der Kälte zu widerstehen. Doch wie ihr aus meinen vorherigen Blogs bestimmt schon wisst, habe ich die Schmerzen in den Schultern immer noch nicht in den Griff bekommen. Und so kam es, dass mich letzten Freitag die pure Panik befiel und ich Hals über Kopf nach einer gangbaren Alternative suchte.

Es ist möglich, dieses Schwimmen auch an seinem Heimatort durchzuführen. Man braucht jedoch einen oder besser zwei Zeugen, die alles beobachten und schließlich auch schriftlich bestätigen. Da auch die Telefonnummern der Zeugen genannt werden müssen, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass die CSA im Zweifelsfall auch nachfragt, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Die Jagd nach der Kälte

Ich weiß nicht, wie die Wassertemperaturen in Deutschland zurzeit sind, aber bei uns in der Schweiz lagen sie nach den vorangegangen Hitzetagen in vielen offenen Gewässern bei 21 bis 25 Grad. Also machte ich mich mit einem Thermometer bewaffnet auf die Socken und bereiste die Umgebung, um einen Bergsee oder ruhigen Flusslauf zu finden, der weniger als 15,5 Grad hatte.

Mein erstes Thermometer erwies sich als der ultimativer Supergau. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Messungen misstraute und meinem Temperaturempfinden mehr Beachtung schenkte. Doch als schließlich ein Bergsee auf dem nahen Stockhorn 24 Grad hätte haben sollen, ging ich noch einmal in den Baumarkt und kaufte mir ein Profitool.

Spätestens seit Tim Taylor dem Heimwerker-King aus „Hör mal, wer da Hämmert!“ wissen wir ja, dass Männer Profitools lieben. Und es geht dabei in keiner Weise darum, dass man dieses Tool wirklich jemals benötigen könnte – neeeeein – es geht dabei nur um eins: „Haben wollen!!!“

Also am liebsten ein Thermometer mit Digitalanzeige, Laservisierung, Infrarotmessung, Kompass, Uhr, Navigationsgerät und integriertem 150-teiligem Schweizer Überlebensmesser! Aber man enttäuschte mich dort bitter und drückte mir ein simples Tauchthermometer für schlappe neun Euro in die Finger.

Tja der „Spirit“ von Tim Taylor scheint in Schweizer Baumärkten noch nicht wirklich Einzug gehalten zu haben. Zuhause verglich ich die beiden Geräte mit einer Testmessung und stellte fest, dass Nummer Eins tatsächlich üble vier Grad zuviel anzeigte! Ich persönlich hätte das sogar bei einem Billigteil für unmöglich gehalten. Trotzdem waren die in den letzten Tagen gemessenen Gewässer allesamt ungeeignet.
Also machte ich mich mit neuem Mut und neuem Equipment wieder auf den Weg. Der Brienzersee gilt als einer der kältesten Seen der Schweiz. Aber auch er konnte nach einem sonnigen Tag mit 16 bis 17 Grad auf der Skala nicht wirklich punkten.

Der Oeschinensee in Kandersteg

Schließlich brachte mich am Sonntag ein Freund und Sponsor aus dem Thuner Strandbad auf die Idee, es mit dem Oeschinensee in Kandersteg zu versuchen. Dieser liegt auf 1.578 Metern über Meereshöhe, und ich war dort im Sommer bereits einmal mit Neoprenanzug geschwommen.

Eigentlich wollte ich an diesem Sonntag nur etwas Sonne tanken, doch schon wenige Minuten später saß ich im Auto und fuhr in Richtung Berner Oberland. Dazu muss man wissen, dass es neben dem Oeschinensee keinen schönen, großen Parkplatz gibt, auf dem man seinen „Taschengeldverdunster“ eben mal gepflegt ruhen lassen kann.  Diesen gibt es schon, aber er liegt neben der Talstation der Gondelbahn, die einen in knapp 10 Minuten auf den Berg bringt. Von da an sind es „nur noch“ 20 Minuten Fußmarsch bis zum See. Also „Ich gehe mal eben …“, kann man hier getrost vergessen…

Als ich endlich das Thermometer aus dem Wasser zog, klopfte mein Herz wie wild. Und die Skala zeigte doch tatsächlich auch hier über 17 Grad an! Der Mitarbeiter am nahe gelegenen Bootsverleih lernte an diesem Tag einige völlig neue und nicht ganz jugendfreie Flüche. Ich konnte und wollte das einfach nicht glauben und rannte zum hinteren Teil des Sees, der näher an den Schmelzwassereinläufen liegt. In „mittelfingerzeigender“ Manier räkelte sich die Skala bei 16.8 Grad.

Die letzte Gondel fuhr um 18.00 Uhr, und es war inzwischen 17.45 Uhr geworden. Jetzt hielt mich nichts mehr. Ich rupfte mir die Kleider vom Leib und schwamm mit dem Thermometer weit in den See hinaus. Wenig später stieg ich mit einem breiten Grinsen und einer Messung von 16 Grad aus dem Wasser. Über Nacht kühlt so ein See um einiges ab. Wenn wir also am Morgen beginnen würden, hätten wir auf jeden Fall heimelige 14 bis 15 Grad. Dass die Gondel inzwischen ohne mich zu Tale gefahren war und ich den ganzen Weg laufen musste, brauche ich wohl nicht zu erwähnen :-)

Badeplausch impossible

Nach einigen Unwegsamkeiten, hatte ich schließlich auch meine beiden Zeugen gefunden, und so standen wir Mittwoch gegen 9.30 Uhr am See und machten die erste Messung. Die Skala zeigte wie erwartet 14.3 Grad, und zum ersten Mal in meinem Schwimmerdasein ließ ich mich vorsorglich dick mit Fett einreiben. Ich war schon zwei Stunden bei 10 bis 11 Grad kaltem Wasser ohne Fett geschwommen, aber diese sechs Stunden machten mir doch Kopfzerbrechen. Man weiß schließlich nie genau, wie der Körper auf solche Belastungen reagiert und in welcher Tagesform er sich befindet. Nach dem Stress der letzten Tage wollte ich kein Risiko eingehen.

Die ersten Züge waren schlimm und sehr kalt. Augenblicklich machte sich ein stechender Schmerz an der Nasenwurzel bemerkbar. Ich weiß mittlerweile aus Erfahrung, dass die Temperatur eher bei 13 Grad liegt, wenn ich diese Schmerzen fühle. Doch nach einigen Minuten Einschwimmen in der Nähe der Supporter, legte sich der Schmerz, und auch das Brennen auf der Haut ließ langsam nach. Leider lassen solche Temperaturen einen lockeren Badeplausch nicht zu, und ich machte mich auf den Weg an das 1,6 Kilometer entfernte Ende des Sees.

Dass ich damit bei meinen Zeugen eine handfeste Panik auslöste, erfuhr ich erst später. Durch die Spiegelung im See war ich plötzlich auch mit dem Feldstecher nicht mehr zu erkennen. In der Folge wurden Laufschuhe strapaziert, Ruderboote gekapert und einiges an Adrenalin verströmt, bis ich wieder auf dem Radar auftauchte. Beim ersten Verpflegungsstopp (der natürlich im Wasser stattfand), berichtete man mir nur wenig davon. Das volle Ausmaß der Aktion erkannte ich erst bei der Nachbesprechung.

Drei Phasen Selbstüberwindung

Ich will Euch jetzt nicht erzählen, wie ich sechs Stunden vom einen Ende zum anderen und am Ufer entlang dreimal um den ganzen See geschwommen bin. Es mögen schlussendlich 16  bis 18 Kilometer gewesen sein, aber das ist auch völlig unwichtig. Was sechs Stunden im Kopf abläuft, ist viel interessanter. Ich durchlief im Prinzip drei Phasen: Phase Eins zeichnet sich dadurch aus, dass man sich vorstellt, man müsste sechs Stunden mit verbundenen Augen auf einem Stuhl sitzen und dabei abwechslungsweise die linke und dann die rechte Hand heben und senken. Schnell kommt man dabei zum Ergebnis, dass man ganz sicher vor Langeweile sterben wird. Zugleich versucht man sich einzureden, dass einem höchstens etwas weniger warm und nicht etwa kalt ist. Psychologisch gesehen ein nicht unbedeutender Unterschied.

Phase Zwie gibt Anlass zur Hoffnung, denn man lebt immer noch und liebäugelt schon damit, dass jemand beim nächsten Stopp sagen könnte: „Hey, super die Hälfte ist geschafft!“ Sie erhält dann aber als Überleitung in Phase Drei einen leichten Dämpfer, weil die wirkliche Nachricht lautet: „Hey,  super – schon FAST die Hälfte!“

Phase Drei ist dann verbunden mit wirren Wünschen, wie zum Beispiel, dass sich der aus dem Gletscher gespeiste Wasserfall am Ende des Sees als kuschelig warm und mit Biergeschmack erweist. Sie geht nahtlos in Mordgelüste gegenüber harmlosen Fischern über, die in mollig warmen Mänteln am Seeufer stehen und Käffchen trinkend ihre Fischköder baden. Sie gipfelt schließlich darin, dass man jede einzelne Minute rückwärts zählt und sich diesen traumhaften Augenblick ersehnt, an dem der geschundene Körper das Wasser verlässt.

Ein Meerschweinchen im Kühlschrank

Phase Drei dauerte bei mir zum Glück nur eine einzige Stunde. Ich hatte mich nach einer Verpflegung mit vier bis fünf Delfinzügen aufgewärmt – und bezahlte für diese Aktion mit schrecklichen Krämpfen in beiden Armen. Von diesem Augenblick an ging einfach gar nichts mehr. Wie ich meine Arme auch zu dehnen und strecken versuchte, ständig plagten mich neu Krämpfe, die nahtlos von Bizeps zu Trizeps zum Deltamuskel und sogar zum großen Brustmuskel wanderten – und das in beiden Armen gleichzeitig. Ich versuchte es mit Brustschwimmen, doch ein plötzlicher Temperatursturz in Kombination mit einer steifen Brise hatte die Wassertemperatur noch einmal fallen lassen. Meine Beine gelangten zu tief unter die noch etwas wärmere Oberflächenschicht, und ich fror augenblicklich wie ein rasiertes Meerschweinchen im Kühlschrank.

So begleiteten mich meine Supporter schließlich abwechselnd je 30 Minuten mit dem Ruderboot und schwimmend im Neoprenanzug. Trotzdem fragte ich fast alle zwei Minuten nach der verbleibenden Zeit. Aber ich habe jetzt die Erfahrung gemacht, dass man immer dann meint, man könne nicht mehr weiter, wenn das Ziel in greifbarer Nähe ist. Rückt es aber weiter weg, dann geht es plötzlich wieder. Das scheint eine Art „Endspurt-Burnout“ zu sein.

Dann endlich gaben mir die beiden das Zeichen, und ich durfte meine Füße wieder auf festen Grund setzen. Zu meinem großen Erstaunen blieb sogar das erwartete heftige Zittern aus. Das Übelste an der ganzen Aktion war schließlich das Entfernen des Fettes. Wir mussten es mit Haushaltstüchern regelrecht von der Haut abschaben. Zum Glück gab es im örtlichen Restaurant eine warme Dusche, und so kam unter dem Fettklumpen doch nach und nach wieder ein Mensch zum Vorschein.

Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, welche Last von meinen Schultern abgefallen ist? Ich kann jetzt am 10. September völlig ruhig nach Dover fahren und mich dort noch eine ganze Woche lang abhärten. Die Zuversicht ist wieder da, und der Heißhunger auf den Kanal ist größer als je zuvor.

Die White Cliffs of Dover vor Augen

Mein mentaler Rucksack ist jetzt gepackt. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich jetzt nicht mehr Probleme, sondern die majestätischen „White Cliffs of Dover“, die auf mich warten. Und in mir festigen sich langsam Worte – es ist keine Kampfansage, denn die Natur kann man nicht bekämpfen, sie ist immer stärker als wir. Es ist vielmehr ein Wunsch, der Gestalt annimmt, und den ich stumm an den Kanal richte: „We’ve come so far – please don’t let me fail!“

Ein riesiges Dankeschön geht an Gérard und Rachel, die so viel Zeit geopfert und mich an diesem Tag perfekt unterstützt haben. Ihr seid die Besten! Und ja Rachel: „Es war wirklich ein sehr schöner Tag!“ :-)

Bis demnächst aus England,

Euer Bruno

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