Neugierige, aber nicht ganz so harmlose Begleiter: Enten.

Bruno Baumgartner / privat

Neugierige, aber nicht ganz so harmlose Begleiter: Enten.
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Open Water | 5. Oktober 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner und der Angriff der Entenflöhe

Bruno Baumgartner | Zurück in der Schweiz kämpft Bruno Baumgartner mit anderen Probleme als Kälte, Übelkeit oder den 34 Kilometern Luftlinie zwischen Dover und Calais: Ein Elefant im Meerschweinchen-Gehege, der Angriff der Entenflöhe und die schwere Krankheit zweier guter Freunde – darüber berichtet der 42-Jährige in seinem neuen Blogbeitrag.
Liebe swim.de Freunde,
ich bin wieder zurück in der Schweiz, und so langsam holt mich auch der normale Arbeitsalltag wieder ein. Probleme wie Kälte, Übelkeit oder Distanzen müssen profaneren Dingen wie etwa: „Was will mir dieser „Blue Screen“ mit weißer, kryptischer Fehlermeldung auf dem Monitor des Kunden sagen?“ weichen. Es fällt mir gerade sehr schwer, mich wieder einzugliedern, nachdem ich 14 Tage praktisch nichts anderes gemacht habe, als jeden Tag zu schwimmen.

Trotz anfänglicher Hassliebe vermisse ich Dover und den Kanal doch sehr. Wie sagte schon Michael Corleone alias Al Pacino in „The Goodfather“ so liebevoll: „Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher.“ Den Kanal als Feind zu bezeichnen, ist zwar schon fast etwas melodramatisch, aber nachdem ich letzte Woche erleben durfte, wie die Medien mit aufbauschenden Überschriften spielen, sei mir das verziehen.

Der Elefant im Meerschweinchen-Gehege

Einer der wenigen Lichtblicke für uns Schwimmer in der Region von Bern stellt zurzeit das Freibad in Worb dar. Dort können wir im 50-Meter-Becken durch die Abwärme der nahe gelegenen Eisbahn noch bis zum 14. Oktober in rund 28 Grad warmem Wasser trainieren. Ansonsten haben wir Berner schwimmtechnisch gesehen, die absolute „A…karte“ gezogen, denn das nächste 50-Meter-Becken befindet sich mehr als 100 Kilometer weit entfernt in Zürich.

So bleibt uns also über die ganze, hässliche Winterzeit nur ein 25-Meter-Becken zum Trainieren. Für einen Freiwasserschwimmer ist das etwa so, als würde man sich einen Afrikanischen Elefanten im Meerschweinchen-Gehege halten wollen und diesen ab und an ermahnen, er möge sich nicht zu weit vom Häuschen entfernen.

Angriff der Entenflöhe

Der Thunersee brilliert zwar zurzeit noch mit Temperaturen um die 17 Grad, aber dafür hält er dieses Jahr eine ausgesprochen fiese Gemeinheit für uns auf Lager. Es ist die „Zerkarie“ – im Volksmund besser als Entenfloh bekannt (obwohl es ein Wurm ist) und von mir nur liebevoll „Drecksvieh“ genannt. Die „Zerkarie“ ist die Larvenform eines Parasiten der Gattung „Trichobilharzia“ – eines Saugwurms.

Die Larven dieses Wurms gelangen als „Mirazidien“ über den Entenkot ins Wasser und suchen sich eine Wasserschnecke als Zwischenwirt. Im nächsten Stadium schwimmt es dann als „Zerkarie“ im ufernahen Bereich herum und wartet auf vorbeischwimmende Wasservögel. Bei diesen bohrt es sich dann meist in die weichen Schwimmhäute und der Teufelskreis beginnt von vorn.

Leider ist dieser kleine Übeltäter dermaßen intellektuell unterbelichtet, dass er Freiwasserschwimmer mit Wasservögeln verwechselt – und diese auch befällt. Aber ehrlich: Was kann man schon von einem Tierchen erwarten, das dem Verdauungstrakt einer stinknormalen Feld- Wald- und Wiesenente entsteigt?
Einmal im Fehlwirt „Mensch“ angelangt, verursacht es die stark juckende „Badedermitis“. Die kleinen Stiche ähneln sehr jenen von Mücken, jucken aber viel stärker und vor allem länger. Bei mir führen sie oft zu kleinen, eiternden Stellen, die im Endeffekt sogar Narben bilden. Eigentlich sollten diese kleinen Badeterroristen nur bei Temperaturen über 20 Grad auftreten, doch es scheint, als würde nicht nur ich mich gegen die Kälte abhärten.

Der Schwimmer als Nadelkissen

Vermutlich gibt es gleich neben den bekannten Terroristen-Ausbildungszentren dieser Welt auch kleine, kühle Seen in denen die Tierchen von „beturbanten“, ideologisch fehlgeleiteten und AK-47 schwingenden Fundamentalisten für den Kampf gegen westliche Schwimmer ausgebildet werden.

Für jemanden, der vielleicht einmal pro Schwimmsaison ein Bad im See nimmt, ist diese Geschichte bald einmal vergessen. Doch als Freiwasserschwimmer der täglich trainiert, ist man schnell mit 30 bis 50 solcher Stiche übersäht und fühlt sich wie ein Nadelkissen.

Das ist der einzige Grund, warum mir das Schwimmen im See dieses Jahr so einiges Kopfzerbrechen bereitet. Denn gerade jetzt im Herbst ist das Schwimmen im Thunersee bei den wundervollen Lichtverhältnissen ein echtes Highlight. Die Anzahl der Schwebeteilchen im Wasser ist viel geringer als im Sommer und das Wasser in der Folge so klar wie sonst nie. Darum wird der See von Tauchern vor allem im Winter viel stärker frequentiert.

Wir sind klein und unbedeutend

Als ich gestern von meinem Mittagsspaziergang mit dem Hund zurückkehrte, fühlte ich mich zerschlagen und leer. Ehrlich gesagt in etwa so, als wäre ich gerade von einer Straßenwalze angefahren worden. Man besucht nichts Böses ahnend jemanden und kehrt mit dem Wissen nach Hause zurück, dass zwei gute Freunde urplötzlich an Krebs erkrankt sind. Und alles, was man bis anhin nur aus der Ferne gehört hat, ist plötzlich sehr nahe und real.

Es ist ein echter Fluch, dass wir Menschen die Schönheit und Wärme des Lebens oft erst dann erkennen, wenn uns bewusst wird, wie schnell uns dieses Geschenk wieder genommen werden kann.

Ich habe in den Weiten des Ärmelkanals gefühlt, wie klein und unbedeutend wir eigentlich sind. Doch das war nichts im Vergleich zu diesem Gefühl, das mich gestern übermannte. Es war als befände ich mich unter einer Glaskuppe, aus der jemand schlagartig den Sauerstoff absaugte. Auf dem Rückweg fiel mir das Atmen schwer und alle meine „Sorgen“ schienen plötzlich zu mikroskopisch kleinen, unbedeutenden Gedanken-Würmern zusammenzuschrumpfen. Die vor wenigen Minuten gehörten Worte hämmerten immer wieder durch meinen Kopf: „Während du mit dem Kanal gekämpft hast, habe ich gegen etwas anderes zu kämpfen begonnen!“

Wasser reinigt die Gedanken

Ich versuchte noch etwas zu arbeiten, doch die Konzentration war weit unter das für meine Arbeit nötige Mindestmaß gesunken, und so packte ich meine Sporttasche mit den nötigsten Schwimmutensilien und machte mich auf den Weg in Richtung See.

Wasser kann nicht nur unseren Körper waschen – es reinigt auch unsere Seele! Einige der übelsten Gedankengänge und Probleme konnte ich schon erfolgreich im Wasser abstreifen.

Es war kein Tag für Vernunft und Badeplausch im Uferbereich und Sicherheit ist ein pink gestreiftes Zebra – oft von Mädchen herbei gewünscht, aber selten gesehen. Die Wasseroberfläche glitzerte malerisch in der wärmenden Herbstsonne, und es war als würden mir Tausende von Augen verlockend zublinzeln.

Die Macht des Wassers

Es gibt Momente, in denen Wasser eine überirdische Magie zu Teil wird. Wenn man eintaucht und es einen zärtlich umhüllt, seine Kühle sich auf den erhitzten Körper überträgt, es einen sanft trägt wie der Windhauch ein Ahornblatt… dann kommt es mir oft vor, wie ein lebendiges Wesen.

Was für ein Glück haben wir, es in so unfassbaren Mengen zur Verfügung zu haben, dass wir sogar darin schwimmen können!? Während andere Menschen auf diesem Planeten stundenlang laufen müssen, um schmutziges Trinkwasser aus einer Schlammpfütze zu holen? Wir sind uns dessen ebenso wenig bewusst, wie der Zerbrechlichkeit unserer Gesundheit. Vermutlich werden wir es auch erst dann verstehen, wenn wir es nicht mehr haben oder es einfach zu stark verschmutzt ist.

In der ZDF-Dokumentation „Die Macht der Elemente: Wasser“ sah ich erst am Sonntag eindrucksvoll, was wir so alles mit Wasser anstellen. So gibt es auf der Nordhalbkugel tatsächlich so viele, von Menschenhand aufgestaute Süsswasserspeicher, dass sich deren Gewicht bereits auf die Erdrotation auswirkt.

Aber an diesem Tag sollte es nur eines erfüllen – alle Gedanken einfach wegspülen.

Stille und Reinheit

Der See ist an dieser Stelle fast 2,7 Kilometer breit und erst in seiner Mitte verstummten die vielen, aufgestauten Gedanken des Tages. Nein, ich hatte kein Begleitboot dabei und schwamm auch nicht in einer Gruppe. Aber ich brauchte diese Stille und Reinheit, die man nur auf der Mitte eines Gewässers oder einem hohen Berg finden kann. Um dich herum in jede Richtung weit mehr als einen Kilometer Raum. Keine Autos, kein sinnfreies Geplapper von irgendwelchen Menschen, kein Surren eines viel zu lauten Rasenmähers oder das Nerv tötende Rattern eines Presslufthammers. Meine Armzüge glichen eher Peitschenschlägen, und erst am anderen Ufer kam ich wieder zur Ruhe.

Ich weiss, ich sollte das eigentlich nicht schreiben, denn man wird mich wieder der Unvernunft bezichtigen. Ich will es auch niemandem zur Nachahmung empfehlen, doch ab und zu brauche ich diese Motion, die einem kein Trainer der Welt geben kann. Es gibt kein: „Oh ich bin müde und muss mal eben aufs Klo…“ und es steht auch nicht zur Diskussion, das Tagespensum abzukürzen. Hin und zurück, lautet die einfache und simple Aufgabe – und müde werden existiert einfach nicht.

In Dover schwammen wir oft 200 Meter vom Strand entfernt ganz alleine immer zwischen West- und Ostmauer des Hafenbeckens hin und her. Keine Begleitboote, kein Lifeguard weit und breit. Niemand würde dort von Unvernunft sprechen, obwohl die Schwimmer für jeden Rettungsversuch unerreichbar weit draußen ihre Bahnen zogen.

Der Rückweg an diesem Tag war eine der schönsten Strecken, die ich je geschwommen bin. Die sinkende Sonne verwandelte den glitzernden Teppich auf dem See in pures Gold, und bei jedem Atemzug erhaschte ich einen Blick auf die rötlich gefärbte Bergkette von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Materielle Dinge vergehen – Erinnerungen bleiben

Es sollten diese geschenkten Augenblicke sein, an die wir uns ein Leben lang erinnern. Nicht an das teure Auto oder den neuen Flachbildfernseher, den wir uns gekauft haben. Materielle Dinge vergehen – sie rosten, korrodieren, erodieren, werden spröde, bekommen Dellen, ihre Farbe blättert ab und irgendwann zerfallen sie einfach und landen auf dem Müll. Doch wertvolle Erinnerungen halten ein Leben lang und ihr Glanz nimmt oft sogar noch zu, wenn wir andere Menschen daran teilhaben lassen.

Wasser ist weit mehr, als nur eine Sportumgebung, wenn man sich darauf einlässt. Als ich an diesem Tag wieder das Ufer erreichte an dem ich gestartet war, stand mein Entschluss fest, das Leben und das Schwimmen von jetzt an noch viel bewusster und in vollen Zügen zu genießen. Wir alle haben bei unserer Geburt ein Ticket erhalten, doch irgendwann steht der Schaffner vor uns und fordert es ein. Und was könnte es dann schöneres geben, als es ihm mit einem breiten Lächeln im Gesicht in die Hand zu drücken und zu sagen: „Hier, nehmen sie es ruhig. Es hat mich weit gebracht und vieles sehen und erleben lassen!“ Er wird es mit seinen warmen, rosa Händen nehmen, zwischen die Lochzange stecken und es entwerten. Vielleicht nickt er dazu wohlwollend und brummelt mit seiner sonoren, freundlichen Stimme: „Es freut mich sehr, dass du seinen Sinn erkannt hast…“

Keep on swimming!

Euer Bruno

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