Bruno Baumgartner wird 2012 zum zweiten Mal versuchen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen.

Miriam Müller / spomedis

Bruno Baumgartner
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Open Water | 19. Dezember 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner und das Problem der Positionierung

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner wird im September 2012 zum zweiten Mal versuchen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Schon jetzt überlegt der Schweizer augenzwinkernd, ob sich mit einer Positionierung Sponsoren für sein Schwimmabenteuer finden ließen – und wann Sport eigentlich einem Sponsoring würdig ist.
Liebe swim.de-Freunde,
seit ich zum letzten Mal zum Schreiben gekommen bin, ist viel (mehrheitlich kaltes) Wasser den Rhein hinab geflossen. Mein leider nur halb geglückter Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, hat doch in meiner Schweizer Heimat für einigen Medienrummel gesorgt. So kamen nach diversen Zeitungsartikeln auch recht schnell zwei TV-Auftritte, die für eine Art „15-Minutes-Glory“ sorgten.

Unnötig zu sagen, dass es schmeichelhaft ist, wenn einen wildfremde Menschen im Bad ansprechen und trotz allem beglückwünschen. Aber schlussendlich bleibt das Balsam für die Seele, während der Körper nach Bratwurst und Bierchen kreischt und nölt. Was auf einer etwas weniger metaphorischen Ebene schlicht die Suche nach Sponsoren bedeutet.

Wann ist Sport "sponsoringwürdig"?

Als ich damals mit dem Projekt begann und nach einer Finanzierung suchte, sagte mir jemand, dass er sich seine Ferien ja auch nicht von Freunden und Firmen bezahlen lasse. Das hat mich damals nachdenklich gestimmt. Und heute noch viel mehr, denn es schwirren so viele Projekte in meinem Kopf herum, dass nur Krösus höchstpersönlich in der Lage wäre, sie alle selber zu finanzieren. Da stellt man sich doch glatt irgendwann die Frage, von welchem Punkt an denn sportliches Wirken „sponsoringwürdig“ ist?

Pragmatisch könnte und würde man wohl sagen, sobald jemand in einem Bereich absolute Spitzenleistungen erbringt. Aber wäre das nicht zu einfach? Würde da nicht gleich jeder losrennen, der das Kamasutra vor- und rückwärts beherrscht? So gäbe es plötzlich Standard-Antwortbriefe von Firmen in denen steht: „Es tut uns leid, aber wir können weder ihre neue Matratze, noch ihr Andreaskreuz und auch keines der übrigen Spielzeuge finanzieren, obwohl sie uns mit beiliegendem Videomaterial eindrucksvoll von ihren Spitzenleistungen überzeugt haben!“

Nein, ich glaube, es ist das Gesamtpaket des Sportlers, das stimmen muss. Was nutzt einem ein Spitzensportler, der praktisch nach jedem Interview den Journalisten verprügelt? Zwar schaffen es auch solch rabiate Zeitgenossen immer wieder mit Bad-Boy-Image und gut gedüngtem Fünf-Tage-Bart ins TV-Kästchen, aber das Gros der Werbetreibenden hält doch einen größeren Sicherheitsabstand zu ihnen.

"Ich fresse Weiße Haie und rülpse Makrelen!"

Aber verflixt nochmal, es müsste doch möglich sein, einen Geldgeber zu finden? Vielleicht mangelt es mir einfach an Selbstvertrauen? Sollte ich heftig mit dem Fuß aufstampfen, mit den Fäusten auf die Brust trommeln und laut rufen: „Seht her, ihr Sponsoren von nah und fern! Bin ich nicht ein ganz toller Hecht!? Ich fresse Weiße Haie und rülpse Makrelen!“ Ich habe schließlich schon genug Menschen erlebt, die mit eben jener Taktik immer wieder einen Schritt weiter gekommen sind.

Ja, vor allem Männer sind da oft wie Hengste. Gerne stellen wir uns auf die Hinterbeine, gabeln mit den Vorderbeinen in der Luft und präsentieren unser prächtiges Gemächt. Das männliche Ego lässt sich zuweilen schon sehr gut mit einem Skunk vergleichen. Es sieht im Grunde genommen ja ganz putzig aus und verleitet zum Streicheln und Kuscheln. Fühlt es sich aber in seinem Freiraum bedroht, dann spritzt es einem mit einem übelriechenden, abschreckenden Sekret voll.
Doch keine Sorge, nicht alle sind so. Die „Hau drauf-“ und „ich bin der Geilste-Mentalität“ funktioniert längst nicht mehr überall. Man(n) könnte auf die Idee kommen, dass „Mann“ noch seinen Platz in dieser neuen Welt sucht. Ein Umfeld, in dem nicht mehr das Männchen mit dem buntesten und größten Gefieder am weitesten kommt, in der Frauen plötzlich seinen Job machen – und das oft sogar auch noch besser.

Der Mann hat es in der heutigen Zeit nicht immer leicht. Für die Frau sollte er eine Mischung aus Beschützer und Softie sein – also quasi Conan der Barbar, der nach dem Zerstückeln von Mitbewerbern mit dem Langschwert auch mal bei Greys Anatomy mitheult. So manchen Mann hat das wohl schon an den Rand der Verzweiflung gebracht und das Hilfsmittel der Gegenwart ist längst nicht mehr Viagra, sondern eine banale Zwiebel!
Er verschwindet eben rasch im Keller, wo er in seinem Werkzeugschrank einiges von diesem Heulgemüse gebunkert hat. Einige kühne Schnitte mit dem Schälmesser später taucht er mit Tränen in den Augen bei seiner Liebsten auf. „Aber was ist denn, mein armer Schatz?“, fragt sie mitfühlend und nimmt ihn in den Arm. Er lügt ihr dann von dieser Dokumentation über Robbenbabys vor, die er eben gesehen haben will und die ihn so mitgenommen habe. Sie denkt aber die ganze Zeit nur daran, was sie gerade gerne animalisches auf dem Küchentisch treiben möchte.

Und so muss der Mann nicht nur stark und sensibel, sondern beides auch noch im richtigen Augenblick sein. Und wehe Euch Frauen, die Ihr dies gerade lest und denkt, dass Timing ja noch nie die Stärke der Männer war!!  Ja, die Domestizierung des modernen Mannes ist weitgehend abgeschlossen. Wir urinieren längst nicht mehr dümmlich grinsend in jede Ecke und einige Exemplare wurden sogar schon beim freiwilligen Sitzpinkeln und anschließendem Schließen des Deckels beobachtet. Nur noch wenige Jahrzehnte Evolution und auch diejenigen von uns, die Androgynie für eine ansteckende Geschlechtskrankheit halten, werden sich salben, cremen und vielleicht sogar die Hornhaut von der einst männlich, gelben Ferse rubbeln.

"Sie brauchen eine Positionierung!"

Es reicht also nicht, einfach nur ein Mann zu sein. Da ist schon etwas mehr nötig. Man sollte wohl etwas „besonderes“ sein, um für Sponsoren einen gewissen Grad an Attraktivität zu entwickeln. Aber was bitteschön ist besonders? Wenn wir Menschen der werbetreiben Zunft fragen, dann zupfen und zurren sie schnell einmal den heiligen Gral der Werbung unter den dicken Mappen voller PowerPoint-Folien hervor und präsentieren ihn so stolz wie die Jungfrau das Kind. Dazu flüstern sie leise, als ob niemand anderes das Folgende wissen könne: „Sie brauchen eine Positionierung!“ In Marketing und Werbung dreht sich nämlich praktisch alles um Positionierung, denn das ist eine wundervolle Sache.

Mit der richtigen Positionierung lassen sich Hundehaufen in goldenem Glitzerpapier als Pralinen verkaufen – doch leider nicht immer nachhaltig. Irgendwie scheint der Konsument dann doch so mündig zu sein, dass er den Unterschied zwischen dem künstlich erschaffenen Eigen- und dem Fremdimage der Marke zu erkennen vermag. So isst er zwar die vermeintliche Praline, die ihm dank geschickter Positionierung als biologisch erzeugte, wertvolle Leckerei angepriesen wurde, erstmals mit Begeisterung, vermeidet aber einen weiteren Kauf wegen dem recht ätzenden Abgang tunlichst. Positionierungen sollten also im besten Fall nur bereits vorhandene, positive Eigenschaften verstärken und vielleicht etwas überzeichnen.

Auf der anderen Seite darf sie auch nicht zu extrem sein. Extremismus in all seinen unsinnigen Ausprägungen schreckt die Menschen nämlich meist ab. Sei dies nun das Tragen und Benutzen einer schicken Sprengstoffweste als Ersatz für mangelnde politische oder soziale Kompetenz oder wenn sich Mitglieder radikaler Umweltschützer am Sonntag auf der Wiese versammeln, um von Wanderern niedergetrampelte Grashalme wieder gerade zu biegen. Leider reicht der dröselige  Restverstand bei vielen dieser Gruppen nur allzu oft nicht aus,  um zu erkennen, dass ein gesunder Mittelweg die richtige Wahl wäre. Doch stattdessen beschleicht einen das Gefühl, wegrennen und Dartpfeile auf ein Claudia Roth-Poster werfen zu müssen. Sie ist für mich zum Sinnbild der ökosandalentragenden „lasst uns alles und überall natürlich sprießen-Frauen“ geworden.

Aber was gehen mich deutsche Politiker an? Die polarisieren wenigstens schön, während unsere dagegen flach wie die Niederlande sind. Aber um das hier gleich klarzustellen: Der Einsatz für die Natur ist in jedem Fall gerechtfertigt und kommt auch sehr gut an. Aber er muss offen und ehrlich von jemandem getragen werden, der einem nicht immer gleich das Ohr abkaut und dazu überreden will, einen vom Aussterben bedrohten Dornenbusch in Papua-Neuguinea zu adoptieren.

Ernst Bromeis und das "Blaue Wunder"

So hat sich der Schweizer Ernst Bromeis zum Beispiel entschieden, sich für das „Blaue Wunder“, sprich unser Wasser, stark zu machen. Er tut dies ehrlich und aufrichtig, aber doch mit einer erfrischenden Bescheidenheit. So sorgt er mit seinen spektakulären Schwimmaktionen für Aufmerksamkeit. Man unterstützt ihn gerne und der gute Zweck wirkt in keiner Weise aufgesetzt.

Nun, ich gebe offen zu, dass ich Ernst etwas um diese Positionierung (er würde es wohl eher Passion nennen), beneide. Er kann sich so den Traum des Schwimmens erfüllen und gleichzeitig etwas Gutes tun. Auch andere Extremschwimmer haben sich dem Umweltschutz verschrieben. So schwamm der Engländer Lewis Gordon Pugh einen Kilometer in der Antarktis bei unfassbaren Wassertemperaturen von minus 1,5 Grad. Normale Menschen sterben in kürzester Zeit in dieser Kälte oder verlieren zumindest Gliedmaßen. Nicht so Lewis, der sich mit seinen Aktionen für den Kampf gegen die Klimaerwärmung stark macht. Auch hier folgen Firmen und Sponsoren gerne, weil sich das halt im Auge des kritischen Konsumenten sehr gut macht.

Nein bitte jetzt keine Scherze! Inzwischen ist wohl jeder gegen die Klimaerwärmung, sogar das Klima selbst. Während man früher noch heftig diskutierte, scheint es heute jedem klar zu sein, dass sich die Welt nicht weiter erwärmen darf. Und dies nicht nur, weil keiner die Holländer länger als über die Sommerferien zu Gast haben möchte. Wir haben verstanden, dass durch die Wetterveränderungen schlimme Dinge geschehen und dass der Klimaschutz zwingend nötig ist. Eigentlich haben das auch Amerika, Brasilien, Indien und China längst verstanden. Da ihnen aber keine holländische Wohnwageninvasion droht, zieren sie sich noch etwas länger! :-)

Sogar Mc Donalds gibt sich in letzter Zeit gesund und suggeriert mit grünem Logo in der Werbung, dass man einen Besuch ihrer Lokale durchaus auch ohne Cholesterininfarkt überleben kann. Aber Hand aufs Herz Männer!? Wenn wir in einen McDonalds gehen, dann wollen wir keinen Burger, in dem sich ein gewaltfrei gekilltes Trutenvieh zwischen zehn Salatblättern und vier biologischen Tomatenscheiben lümmelt. Wir wollen echtes Fleisch! Am liebsten von einem Bison oder einem Kobe-Rind, das sein ganzes Leben lang nur in Bier gebadet und es möglichst auch gesoffen hat. Der Saft soll uns in Strömen über das Kinn laufen, damit wir ihn beiläufig mit dem Handrücken abwischen können. Bei jedem Bissen muss literweise Sauce aus dieser mörderischen Hackgranate spritzen und das hohe, sirrende Geräusch in der Luft stammt von unserem Blut, das sich gequält durch die sich langsam verschließenden Arterien quetscht. Am Schluss ein kurzes Trommeln auf die eigene Brust, begleitet von einem geröhrten: „Hmm Fresschen feeeein!!“ Warum versteht uns nur keiner?

Ihr seht, mit der Positionierung und den Sponsoren ist das so eine Sache. Viele Nischen sind schon belegt oder eignen sich nicht wirklich für die breite Masse. Zwar will ich Menschen ab 40 dazu begeistern, Sport zu treiben, zu schwimmen und somit gesünder zu leben. Doch als den Gesundheitsapostel, der anderen ein längeres und besseres Leben verspricht, sehe ich mich zuweilen auch überhaupt nicht. A la Jane Fonda ins Gewissen reden und dann selber zum Aperitif eine Flaschen feinen Chardonnay und eine riesige Tüte Chips verschlingen? Da wäre der Imagekonflikt ja schon vorprogrammiert. Ja, dann bleibt als letzte Möglichkeit tatsächlich nur noch die Positionierung als reiner Seniorenbotschafter.

Im Schwimmsport fällt das Engagement für Senioren ja sehr leicht, denn zwischen 19 und 24 Jahren ist man bereits Pre-Master und mit 25 Jahren lässt einen niemand mehr ohne Aufsicht oder Schwimmhilfe ins Wasser. Zum großen Glück hat aber ein kluges Köpfchen diesen doch irgendwie nach „meisterhaft“ klingenden englischen Begriff „Masters“ auch im deutschen Sprachraum eingeführt. Man stelle sich einmal vor, jemand räumt im Schwimmbad die Bahn und sagt den Badegästen sie mögen doch bitte die Bahn verlassen, denn diese sei für das Seniorentraining reserviert. Jeder macht augenblicklich rücksichtsvoll für die älteren Menschen Platz. Und dann kommen die ab 25-Jährigen, die so schnell und stark sind, dass die Wasseroberfläche zu brennen beginnt. Ein Bild für Götter oder?

Ja, das mit den Sponsoren wird noch ein hartes Stück Arbeit werden. Doch als schönstes Geschenk des Jahres hat sich vor kurzem die Weltmarke HEAD hinter mich gestellt und unterstützt mich und meine Taten mit professionellem Schwimmequipment. Das ist sicher ein guter Schritt in die richtige Richtung. Jetzt fehlt tatsächlich nur noch ein Seniorenstift, der es mir finanziell ermöglicht, das Equipment weltweit einzusetzen. So könnte ich dann zeigen, dass sich auch die Generation Ü40 ohne geriatrische Hilfsmittel noch ganz wacker über Wasser halten kann. :-)

Ich wünsch Euch allen wunderschöne Weihnachten und ein gutes, neues Jahr!
Never feel too old to do the things, you felt too young once!

Euer Bruno

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