Bruno Baumgartner und das Abenteuer Ärmelkanal

Am Ende kam er doch noch, und zwar ganz überraschend: der Tag X, die Chance für Bruno Baumgartner, doch noch einen Ärmelkanalversuch zu unternehmen. Frankreich war in Sichtweite - als das Drama seinen Lauf nahm.

| 29. September 2012 | AKTUELL

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner wenige Minuten vor dem Start.

Bruno Baumgartner wenige Minuten vor dem Start.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Dover, 8:10 Uhr (MESZ): Der Tag X beginnt

Bruno ruft an: Wir schwimmen. Es wird die letzte Chance in diesem Jahr - und er möchte sie wahrnehmen.

9:40 Uhr: Das tiefe Loch

Mitten in das Telefonat mit der Airline, um den gebuchten Rückflug um einen Tag zu verlegen, platzt die Nachricht: Der Versuch wird vor dem Start abgebrochen. Captain Stuart Gleeson hat neue Wetterdaten und ein Telefonat mit einem anderen Schiff im Kanal - heute wird es nicht möglich sein. Wir verabreden uns mit Bruno für 11 Uhr zu einem Abschlussinterview im Cafe.

10:19 Uhr: Aufbruch zum Strand

Der Schweizer Journalist Christof ruft an: Bruno und Stuart treffen sich jetzt am Strand, um einen neuen Termin für 2013 zu planen. Wir stoßen dazu - und führen Interviews mit gedrückter Stimmung. Anschließend geht es ins Cafe. Der Termin 2013 steht schon, als Stuart und noch einmal die Wetterdaten checkt. Die nächste Viertelstunde ist kaum in Worte zu fassen - und zu persönlich, um sie hier wiederzugeben. Am Ende, gegen 10:45 Uhr, steht der Entschluss: Um 12 Uhr treffen wir uns an Bord der Sea Leopard. Einkaufen, Material vorbereiten - nun muss alles auf einmal sehr schnell gehen ...

13:10 Uhr: Sea Leopard

Bruno verabschiedet sich von seiner Frau Joelle, die mit starken Ohrenschmerzen an Land bleiben muss. Wir werfen unser Gepäck an Bord und stechen in See.

13:24 Uhr: Aus dem Hafen

Wir schippern aus dem Hafen - und merken, dass das Zögern von Stuart berechtigt war. Die Wellen schaukeln uns ordentlich durch. Oder, um es mit James Bond zu sagen: Wir sind geschüttelt, aber auch ziemlich gerührt, dass es losgeht.

13:40 Uhr: Bruno macht sich bereit

Bruno Baumgartner zieht seine Kleidung aus. Wir steuern auf den steinigen Strand am Abbots Cliff zu, weiter westlich als der eigentlich als Startort geplante Shakespeare Beach.

13:46 Uhr: Der Sprung ins kalte Vergnügen

Bruno ist nun leicht seekrank und muss schnell ins Wasser, auch uns geht es schon nicht mehr ganz so prächtig. Bruno springt ins 16 Grad kalte Meer und schwimmt die wenigen Meter bis zum Strand. Dort schüttelt er einem Spaziergänger die Hand, der ihm viel Glück wünscht.

13:49 Uhr: START!

Bruno hebt am Strand den Arm als Zeichen, dass er bereit ist. Stuart lässt das Horn der Sea Leopard zweimal tuten - das Startsignal. Bruno läuft ins Wasser - das Abenteuer hat begonnen.

14:00 Uhr: Richtung Südost

Schon kurz nach dem Start merken wir die Strömung: Bruno entfernt sich von der Küste, wird aber auch weit nach Osten gedrückt. Aus diesem Grund hatte Stuart also den Startort weiter nach Westen verlegt. Er gilt als einer der erfahrensten "Pilots" für die Ärmelkanalschwimmer.

14:14 Uhr: Erste Opfer

Ich bin der erste, den es erwischt: Trotz Pflaster hinter dem Ohr muss ich mich meines Frühstücks entledigen. Aus diesem Grunde ist der Ticker mit einer kleinen Verzögerung gestartet. Danach geht es mir deutlich besser. Wir bereiten Brunos erste Verpflegung vor.

14:20 Uhr: Verpflegung

Bruno nimmt einen ersten Schluck aus der Flasche, die wir ihm an einer Leine zuwerfen. Er darf das Boot nicht berühren. Er sagt nicht viel, nach 30 Sekunden geht es weiter. Das Tempo, das er zum Start angeschlagen hat, ist deutlich langsamer als vor vier Wochen im Fehmarnbelt - die Strecke aber auch doppelt so lang.

14:45 Uhr: Eine neue Brille

Bruno signalisiert, dass seine Schwimmbrille undicht ist. Wir bereiten eine neue vor, zusammen mit seiner Verpflegung. Captain Stuart bittet uns, nach dieser Verpflegung die nächste erst wieder in einer Stunde einzuplanen - die kurzen Stopps bringen uns enorm ab vom Kurs.

14:50 Uhr: Zweite Verpflegung

Bruno trinkt zum zweiten Mal, tauscht die Brille und wirft die alte im Übermut über das Boot hinweg. Er scheint guter Dinge zu sein. Wir sind ganz schön angeschlagen, da die Sea Leopard auf den etwa einen Meter hohen Wellen tanzt wie eine Nussschale. Sollten die Updates hier eine Weile aussetzen, könnte das an unserer Seekrankheit liegen - oder am Funkloch zwischen England und Frankreich. Der Blick auf den Horizont soll helfen - und der ist mit den weißen Kreidefelsen über Dover durchaus attraktiv. Und nun muss ich schnell an die Reling ...

15:12 Uhr: Dover wird kleiner

Die Fortschritte, die Bruno macht, sind nun deutlich sichtbar. Frankreich auch. Die Kulisse hinter uns ist imposant: Kreidefelsen, das Dover Castle oben drauf und die Kanalfähren davor. Bruno kommt weiter gut voran. "Same speed as last year", sagt Stuart. Er ist froh, dass er Bruno doch losgeschickt hat. Wir sprechen eine Moderation ein. Es ist mühsam, sich auf Kameras und Monitore zu konzentrieren. Die Frequenz der Fischfütterungen ist größer als die der Bruno-Fütterungen.

15:30 Uhr: Bruno lacht

Bruno lacht plötzlich laut auf. Die Gründe erschließen sich uns nicht. Ist es der Anblick seiner über die Reling gebeugten Crew?

Bruno Baumgartner im Ärmelkanal | Bruno Baumgarter, 90 Minuten nach dem Start

Bruno Baumgarter, 90 Minuten nach dem Start

Foto >Frank Wechsel / spomedis

15:50 Uhr: Verpflegung Nr. 3

Bruno trinkt, nimmt aber nicht das bestellte Gel. Er ist guter Dinge, hat Spaß an der Sache. Wir kommen weiterhin gut voran.

16:10 Uhr: Von Giganten umzingelt

Was für ein Panorama: Supertanker, Frachtschiffe, Kreuzfahrtschiffe und Kanalfähren rund um uns zu - und wir mit Bruno mittendrin. "Unfassbar", würde Bruno sagen, wenn er nicht jetzt gerade schwimmen würde. Das Mobilfunknetz wird schwächer und die Kombination von Seegang und Blicken auf den Monitor tut uns weiterhin nicht gut. Es könnte sein, dass wir den Ticker gleich unterbrechen müssen, bis wir ins französische Netz kommen.

16:50 Uhr: Neue Energie

Bruno nimmt seine flüssige Verpflegung und ein Gel zu sich. Er sagt, dass es ihm gut geht. Stuart drängt, dass die Pause nicht zu lang werden darf - die Strömungen ... Ab sofort darf er aber wieder alle 30 Minuten trinken.

17:06 Uhr: Zeitumstellung

WIr haben den Ticker nun zur besseren Orientierung auf MESZ umgestellt.

17:07 Uhr: Zwischen den Linien

Zum ersten mal passiert eine Kanalfähre Bruno an seiner Steuerbordseite (rechts). Das zeigt, dass er schon weit vorwärts gekommen ist. Die Wellen lassen nicht nach, aber die Sicht ist unglaublich - am Horizont links und rechts Schiffe, Schiffe, Schiffe. Vorn und hinten Steiküsten - die eine kleiner, die andere größer werdend.

17:15 Uhr: Neun Seemeilen

Über 16 Kilometer hat Bruno nun hinter sich - er ist hervorragend unterwegs. Es hat ihn nicht so weit nach Osten getrieben wie andere Schwimmer vor ihm, Bruno bleibt viel dichter an der Ideallinie. Nun führt seine Route ihn mit der Strömung nach Westen auf den Atlantik hinaus.

17:20 Uhr: Bruno trinkt

Bruno nimmt seine Verpflegung und bekommt ein Update darüber, wie gut sein Kurs ist. Captain Stuart und Observerin Sam regen an, dass die Getränke von nun an aufgewärmt werden sollten - die Sonne nähert sich dem Horizont und sie haben Angst, dass Bruno zu sehr auskühlt. Auch wir sollten uns zwingen, trotz dieser übelsten Übelkeit etwas zu essen. Die Lichtverhältnisse sind gigantisch - noch. Schon vor dem Start hat Sam Bruno mit Leuchstäben ausgestattet, die zwölf Stunden lang leuchten sollen. Wir hoffen, dass das ausreicht.

17:35 Uhr: Es schaukelt

Rückwärts schmeckt es wie Edalokohcs.

17:44 Uhr: Nächste Fütterung voraus

Christof, unser Schweizer Journalistenkollege, bereitet die nächste Verpflegung für Bruno vor. Es gibt wieder Energiegetränk und Gel, beim nächsten Mal dann auch Tee. Die Küste Frankreichs liegt vor uns im Sonnenschein, es sind immer mehr Details erkennbar. Bruno schwimmt solide weiter, zeigt keine Anzeichen von Müdigkeit - aber er beschwert sich erstmals, dass ihm kalt wird. Auch auf der Sea Leopard wird es so langsam frisch. Aber: Die Pflaster gegen die Seekrankheit scheinen langsam Wirkung zu zeigen. Hoffentlich hält das alles so noch ein Weilchen an.

17:50 Uhr: Bruno trinkt Tee

Bruno bekommt warmen Tee. Die westwärts fahrenden Hochseeriesen liegen inzwischen hinter uns - diese Zone konnten wir ohne Verzögerung passieren. Immerhin eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt.

18:15 Uhr: Vorbereiten der nächsten Verpflegung

Die Crew kühlt den zu heißen Tee in einer Flasche an einer Kordel im Meerwasser. Das ist heute 16 Grad warm.

18:20 Uhr: Teatime again

Bruno trinkt Tee. Er scheint keine Probleme zu haben. Stuart rät weiterhin zur Eile. Er hat Angst vor einem Temperatursturz, der hart für Bruno wäre. So viel Sonnenschein wie möglich will er "seinem" Schwimmer noch gönnen.

18:24 Uhr: Aufschrei

Bruno schreit plötzlich auf. Er bewegt seine Arme nicht mehr, taucht immer wieder das Gesicht ins Wasser.

18:25 Uhr: Was ist passiert?

Captain Stuart kehrt das Boot um. Bruno macht keine Anzeichen, dass er weiterschwimmen kann. Auf unsere Zurufe reagiert er nicht. Er hat viel Wasser geschluckt.

18:26 Uhr: Abbruch

Bruno sagt, es habe ihm in den Arm geschossen. Mir Mühe kann er unser Boot erreichen. Er berührt das Heck - damit ist der Versuch offiziell gescheitert. Mit aller Kraft ziehen wir und die Bootscrew Bruno aus dem Wasser. Er zittert am ganzen Körper. Es ist nicht einfach, ihn anzuziehen. Er hält seinen rechten Arm kraftlos am Körper. Seine Moral ist gebrochen. Unsere auch.

19:00 Uhr: Rückweg

Wir sind auf dem Rückweg nach England. Alle seekrank, auch Bruno. Nur unser Schweizer Kollege ist noch wirklich handlungsfähig. Die Filme und Fotos produzieren wir eher im Unterbewusstsein. Nun müssen wir auch noch anhalten, weil ein Riesenfrachter vor uns passieren muss. Als wir wieder anfahren wollen, hat sich etwas in der Schiffsschraube verfangen. Observerin Sam schlüpft in den Badeanzug und geht auf Tauchgang. Den Sonnenuntergang können wir kaum genießen.

Es wird dunkel über dem Ärmelkanal. Damit endet auch unser Liveticker. Es gibt einfachere Arbeitstage, emotional wie körperlich mussten wir an unsere Grenzen gehen. Vielen Dank an alle, die mit Bruno mitgefiebert haben. Die Bilder und seine ganz persönlichen Eindrücke folgen auf swim.de, wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben.