Bruno Baumgartner wünscht sich, dass ihn möglichst viele Menschen bei der Aktion "Schwimmen gegen den Krebs" unterstützen.

Bruno Baumgartner

Bruno Baumgartner
Bilder 1/1
Open Water | 3. Mai 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Schwimmen gegen Krebs

Bruno Baumgartner | Mit nachdenklichen Worten bloggt Bruno Baumgartner in dieser Woche. Denn es geht um ein ernstes Thema: Krebs. Wohl jeder kennt im Freundes- oder Verwandtenkreis einen Menschen, der den Kampf gegen diese Krankheit führt. Bruno möchte mit der Aktion „Schwimmen gegen Krebs“ ein Zeichen setzen und den Neuenburgersee durchschwimmen.
Liebe swim.de-Freunde,
im letzten Blog habe ich mich sehr stark mit dem Thema Motivation und Trieb auseinandergesetzt. Vielleicht war dieser Prozess nötig, um einem kleinen Pflänzchen in mir etwas Dünger auf die noch unentschlossenen Wurzen zu gießen und es wachsen zu lassen. Als ich letzten September von Dover zurückkehrte, erfuhr ich kurz danach, dass zwei gute Freunde von mir an Krebs erkrankt waren. Kennt ihr auch diesem Moment, wenn aus beschwingter Sorglosigkeit plötzlich bedrückende Nähe wird? Ihr erhaltet einen Anruf von jemandem, den ihr gut kennt oder trefft jemanden auf der Straße und plötzlich fällt er, dieser folgenschwere Satz: „Hast du das von Paul gehört?“

Achterbahnfahrt der Gefühle

Das ist der Moment, in dem einem schlecht wird. Der Magen scheint sich zu verklumpen und etwas fährt in uns Achterbahn. Denn früher stand dort, wo heute „Paul“ steht (den Namen habe ich willkürlich gewählt), meist ein Name, der uns nichts sagte und vermutlich auch nicht viel bedeutete. „Hast du das von Martin gehört? Dem Cousin dritten Grades des Wirtes, dem das Gasthaus Krone gehört?“ In der Folge hören wir die Geschichte von Martin, der an metastasierendem Darmkrebs leidet und dem man viele Meter Darm entfernen musste, so dass er jetzt nur noch mit einem künstlichen Ausgang weiterleben kann.
Es liegt dann an unserer Fähigkeit der Empathie, wie sehr uns diese Geschichte von Martin berührt, von dem wir nur über sieben Ecken wissen, wer er eigentlich ist. Wir sagen dann Dinge wie: „Oh, mein Gott!“ oder „Das ist ja schrecklich!“ – aber ganz ehrlich Leute – und ich weiß, das braucht jetzt unglaublich viel Mut das zuzugeben – es trifft uns meistens nicht wirklich. Martin ist in Wahrheit ein Fremder für uns.

So weit weg

Zwar können wir uns vorstellen, dass er jemandes Sohn, Bruder, Freund, liebender Vater und Ehemann ist ... aber nach wenigen Minuten oder sogar Sekunden wenden wir uns wieder dem Alltag zu. Doch dann? Eines Tages ist es Paul! Und das ändert alles. Bislang war es für uns so weit weg und in Watte gepackt. Es ist, als hörten wir das Biest mit gefletschten Zähnen fauchend durch den entfernten Wald nach seiner Beute jagen und sein Treiben ließ uns einfach kalt. Doch mit der Frage: „Hast Du das von Paul gehört?“, fühlen wir plötzlich, dass es hinter uns steht. Sein fauliger Atem streift unseren Nacken, auf dem sich alle Haare aufstellen. Wir können sogar das Geräusch hören, wenn sein gieriger Sabber auf den Boden hinter uns tropft.
Plötzlich ist es lebendiger und realer, als es uns lieb ist. Es ist nicht mehr ein fernes Schreckgespenst im Wald, sondern manifestiert sich zu dem, was es eigentlich trotz unserer Sorglosigkeit schon immer war – eine reale und schreckliche Bedrohung für uns und alle, die wir lieben. Paul ist ein guter Freund von uns, den wir vielleicht im Spital oder später zu Hause besuchen. Wir erleben Ausschnitte aus seinem Leiden mit und können in den Augen der Angehörigen die Sorge um ihren Liebsten sehen.

Aus sorgloser Ferne wird nahe Realität

Doch das Biest steht immer noch hinter uns und wir hören nur sein dumpfes, gefährliches Knurren. Und eines Tages trifft es uns selbst – unseren Ehepartner, Vater, Mutter oder unsere Kinder. Und das ist der Augenblick, in dem wir uns umdrehen und es sehen. Erst jetzt erkennen wir, dass es hässlicher ist, als wir es uns jemals hätten träumen lassen. Aus der sorglosen Ferne wird eine furchtbare, nahe Realität und ein Kampf ums nackte Leben. Als kleiner Junge habe ich meine Großmutter an Krebs verloren. Doch ich war noch viel zu klein, als dass mich das nachhaltig hätte prägen können.
Doch jetzt habe ich von „meinem Paul“ gehört – und mein Paul ist letzten Dezember trotz zwischenzeitlich guter Prognosen verstorben. Und mit ihm ist diese Sorglosigkeit gestorben, die oft wahrlich ein Segen ist. Ich erinnere mich an Grillfeste, bei denen jemand sagte, man solle das Fett nicht in die offene Flamme tropfen lassen, denn der entstehende Russ sei krebserregend und würde sich auf dem Fleisch absetzen.

Sorglos war gestern

Ich weiß genau, was ich dann sagte: „Sehr gut, dann möchte ich gleich zwei Stück!“ – und dazu lachte ich vermutlich sorglos. Zugegeben, es ist schwer geworden, in einer Welt zu leben, in der praktisch jede zweite Tätigkeit oder Nahrung krebserregend sein soll. Die Nachricht: „Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass der Verzehr von….“ blablablabla. Seien wir auch hier wieder ehrlich und bitte entschuldigt dieses rüde, aber einfach sehr passende Wort: „Es ist uns in den meisten Fällen scheißegal!“
Denn was bleibt uns für eine Wahl? Ist es heute Fleisch, dann sind es morgen vielleicht Sojasprossen aus dem Gebiet von Fukushima, die irgendein gieriger Schweinehund bei uns unter gefälschtem Label als Bioprodukte verkauft. Oder unsere künstlichen Brüste, auf die wir so stolz sind, enthalten morgen Industriesilikon, das ebenfalls krebserregend sein soll. Es scheint fast so, als wolle sich unsere Erde gegen ihr eigenes Krebsgeschwür wehren und würde dabei praktisch jeden Tag erfinderischer.

Das Schreckgespenst kommt

Doch es geht nicht darum, warum wir von diesem Schreckgespenst heimgesucht werden. Das müssen wohl Philosophen oder Geistliche ausknobeln und uns irgendwann in ferner Zukunft eine zumindest glaubhafte Erklärung liefern. Fakt ist wohl einfach, dass wir uns zumindest eine gewisse Sorglosigkeit bewahren müssen, um überhaupt noch in dieser krebserregenden Welt leben zu können.
Für uns steht ein viel zentralerer Gedanke im Vordergrund: „Was ist, wenn es passiert!?“ und „Wie gehen wir damit um?“ Ich habe in der Vergangenheit sehr viel über „meinen Paul“ nachgedacht, denn er war ein liebenswerter und toller Mensch, der eine riesige Lücke in seinem Umfeld hinterlässt. Und als ich in den letzten Wochen über den Blog einer befreundeten Schwimmerin aus den USA stolperte sah ich, das sie Mitglieder der „Night Train Swimmers“ ist.
Diese Gruppe veranstaltet Schwimmen für wohltätige Zwecke. Mein Plan, den Neuenburgersee als Vorbereitung für die kommenden Events zu schwimmen, war inzwischen schon weit gereift und plötzlich war mir klar, dass ich es ihnen gleich tun wollte. Warum soll, was in den USA oder England funktioniert, hier nicht auch möglich sein? Der Gedanke ließ mir keine Ruhe mehr und eines Morgens wachte ich um 4 Uhr auf und wusste einfach, dass ich das machen muss.

"Schwimmen gegen Krebs" 

Ich glaube nicht, dass ich über Nacht zum „Gutmenschen“ mutiert bin oder dass ich eine Eingebung hatte. Es ist einfach so, dass ich die Möglichkeit habe, etwas zu tun, die anderen vielleicht vorenthalten ist. Warum eine gewisse Bekanntheit nicht ausnutzen, um jemandem zu helfen? Kritiker gibt es sowieso immer, völlig egal, was man tut oder lässt! Innerhalb von Stunden wurde also die Aktion „Schwimmen gegen Krebs“ geboren und in die Wege geleitet.
Ich weiß, dass es Tausende von tollen Projekten gibt, die man unterstützen könnte und auch sollte. Doch sicher geht es euch wie mir. Wenn wir überall helfen und spenden, dann können wir irgendwann wohl unsere Mieten nicht mehr bezahlen. Darum ist es mir auch wichtig, dass sich dieses Projekt abhebt. Es soll nicht einfach nur die Frage nach einem Betrag xy sein, der klinisch sauber per Einzahlungsschein überwiesen wird. Ich will mir diese Spenden hart erarbeiten und wenn nötig auch dafür leiden.

Neuenburgersee als erbitterter Gegner

Es soll der Leistungsgedanke sein, der das Projekt trägt und die Menschen auch bis zum Schluss mitfiebern lässt. Der Neuenburgersee ist nicht nur wegen seiner 38 Kilometer Länge ein harter Brocken. Auch Wind, Wellen und Oberflächenströmungen können erbitterte Gegner sein. Zudem sind wir von unseren Möglichkeiten her praktisch auf zwei Tage beschränkt. Jetzt geht es darum Menschen zu finden, die diese Leistung mit einem frei wählbaren Betrag für jeden, tatsächlich erreichten Schwimmkilometer honorieren. Ich werde auf jeden Fall alles dafür geben, dass sich der Spendenbetrag mit dem Faktor 38 multipliziert. Registrieren und mithelfen könnt ihr unter dem nachträglich aufgeführten Link. Lasst uns das Biest gemeinsam in seinen hässlichen, pelzigen Hintern treten!
Bis bald,
euer Bruno

Termine finden

Swim Onlineshop