Bruno Baumgartner im Hafen von Tarifa (Portugal), dem Startpunkt seiner Überquerung der Straße von Gibraltar.

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Bruno Baumgartner und die Straße von Gibraltar

Der Hafen von Tarifa (Portugal).

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Im Hafen von von Tarifa (Portugal) startete Bruno Baumgartner seine Überquerung der Straße von Gibraltar.
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Open Water | 11. Juli 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Schmerzen vor Afrika

Bruno Baumgartner | Zwei Wochen ist es her, dass Bruno Baumgartner als Test für seine geplante Ärmelkanalüberquerung durch die Straße von Gibraltar geschwommen ist. Dabei waren die ersten und die letzten der insgesamt 14,4 Kilometer die größte Herausforderung für den Schweizer. In seinem neusten Blogbeitrag berichtet der 42-Jährige von Wind, Wellen, Frachtschiffen und unvorstellbaren Schmerzen – und zieht sein persönliches Fazit.
Liebe swim.de Freunde,
da stand ich nun im Büro der ACNEG (Asociación de Cruce a Nado del Estrecho de Gibraltar oder Gibraltar Strait Swimming Association) und starte auf die Karte, während mir der Organisator des Schwimmens die Vorteile eines sofortigen Startes klar machte.  Irgendwann sagte ich einfach „Ja“, ohne noch weiter nachzudenken. Rafael, der Orgainsator, wirkte erleichtert und meinte, wir würden uns also in 40 Minuten am Hafen treffen und dann so schnell wie möglich losfahren. So hätten wir gute vier bis fünf Stunden, bevor etwas Wind aufkommen könnte. Für mich hieß das:  „Komm in die Gänge, du hast noch einiges zu tun!“.  Hastig kaufte ich Wasser und die letzten notwendigen Dinge ein und setzte mich in einen kleinen Park, wo mich mehreren Senioren kritisch beim Mischen meines Kohlehydratgetränkes beobachteten.
Und da war es wieder, dieses Gefühl, energetisch auf höchstem Level zu brennen. Die Hektik machte mir nichts aus und als ich zehn Minuten später am Hafen stand, fühlte ich mich trotz der ganzen Eile bereit.

Spiel mit dem Wind

Während ich wartete, bis die Mannschaft die Boote vorbereitet hatte, sprach ich kurz mit einer Schweizerin, die ein örtliches Whale-Watching-Unternehmen leitet. Sie schien alle Anwesenden gut zu kennen und fragte mich nach meiner geplanten Zeit für die Überquerung. Als ich ihr sagte, dass mein Traumziel unter vier Stunden liegen würde, blickte sie mich mit einer Mischung aus Unglaube und Überraschung an. Schnell ergänzte ich, dass es wohl eher fünf bis sechs Stunden werden würden. Daraufhin wechselte sie einige Worte mit Rafael über den Wind und den Zeitpunkt, an dem er heute aufkommen würde, und wünschte mir schließlich viel Glück. Ihre Art verunsicherte mich, denn sie schien überzeugt zu sein, dass der Wind früher aufkommen würde, als Rafael es vorhersagte.
Fünf Minuten später saß ich im großen Boot und wir fuhren in Richtung Hafenausfahrt zur vorgelagerten Halbinsel „Isla las Palomas“. Schwimmer werden in Gibraltar immer von zwei Booten begleitet. Das größere fährt ca. 50-100 Meter vorneweg und gibt den Kurs vor, während das kleinere Schlauchboot immer direkt neben dem Schwimmer bleibt, um ihn zu überwachen und zu unterstützen. Vor der Halbinsel wies mich der Kapitän an, mich bereit zu machen. Anschließend solle ich ins Wasser springen und  an Land schwimmen. Je nach Wellengang muss der Schwimmer dort auf einen Felsen steigen oder sich drei bis fünf  Meter davor im Wasser positionieren und durch Heben der Hand seine Bereitschaft zum Start signalisieren.
Ich empfinde diese letzten Sekunden vor einem Start immer unglaublich intensiv. Das Schaukeln des Bootes, der Wind auf der Haut – sogar der Geruch des Wassers, scheint um ein x-faches stärker zu sein als sonst. Als Letztes rieb ich meine Achselhöhlen und die umliegenden Bereiche mit Vaseline ein, um sie vor der Reibung zu schützen. Wer Sprintstrecken schwimmt, der wird das so nicht kennen. Doch nach mehreren Kilometern entwickelt selbst das scheinbar seidenweiche Wasser am Hals-, Schulter- und Achselbereich Reibungskräfte, die zu sehr schmerzhaften Rötungen der Haut führen.

Anfängliche Zweifel

Dann war es endlich so weit. Ich sprang über Bord, schwamm zu den Felsen und gab nach einem letzten Zurechtzupfen der Schwimmbrille das Zeichen. Der Kapitän schoss ein leider unscharfes Foto und startete die Uhr. Jetzt gab es kein „Zurück“ mehr. Die ersten Züge schwamm ich wie in Trance. Und schon nach den ersten 100 Metern machte den größten Fehler, den ein Ausdauersportler nur machen kann. Ich war überzeugt, dass ich das es niemals schaffen würde. Der Wellengang war einfach zu stark und ich hatte das Gefühl, mich mehr auf und ab, als vorwärts zu bewegen. Ich musste zwei bis drei Kilometer zurücklegen, bis sich die Wasseroberfläche plötzlich beruhigte und praktisch wellenlos vor mir lag.
Jetzt galt es, Meter zu machen, und ich schwamm schnell und mit viel Krafteinsatz. Es war einfach traumhaft! Auch die Verpflegung klappte einwandfrei, obwohl ich nur kurz Zeit gehabt hatte, sie dem Skipper des Schlauchbootes zu erklären. Pünktlich wie ein Uhrwerk schüttelte er mein Kohlehydratgetränk und winkte mich zu sich ans Boot. Bei diesen sehr kurzen Pausen sagte ich ihm jeweils, ob ich beim nächsten Stopp zusätzlich auch einen Beutel Energie-Gel zu mir nehmen wollte.

Kampf der Gedanken

Es ist schwierig, ein Langstreckenschwimmen  interessant zu beschreiben. Für viele Menschen ist es kaum vorstellbar, was der Schwimmer in dieser ganzen Zeit mit seinem Kopf anstellt. Ich kann dazu nur sagen: „Sobald du anfängst beim Schwimmen ans Schwimmen zu denken, wird das Schwimmen zur Qual!“. Man darf sich so ziemlich alles im Kopf vorstellen, aber Fragen wie: „Wie weit bin ich wohl schon gekommen? Dauert es noch lange?“, sind absolut tabu. Wenn man sich damit beschäftigt wird die Zeit zu einem zähen, klebrigen Brei.
Ich schreibe zum Beispiel fast immer Geschichten im Kopf. Ich suche nach tollen Formulierungen, speziellen Redewendungen oder witzigen Sprüchen. Das lenkt mich davon ab, von 20.000 Armzügen rückwärts auf null zählen zu wollen.

Begegnug mit Ozeanriesen

Ablenkung war bei diesem Schwimmen auch bitter nötig, denn ich habe unter Wasser nicht einmal den winzigsten Fisch gesehen. Zwar wurde mir später berichtet, ich sei von Delfinen begleitet worden, aber sie waren einfach zu weit weg, als dass ich sie aus  meiner Perspektive hätte sehen könne. Die einzige Abwechslung zwischen den Malzeiten boten die Frachtschiffe. Schiffe so groß wie Schlösser – zum Teil fast 400 Meter lang und über 50 Meter breit – ziehen majestätisch an einem vorbei. Manche haben bis zu sechs Lagen Container an Deck gestapelt.
Es sind Schiffe, die man sonst nur im Fernsehen sieht und plötzlich schwimmt man mitten durch sie hindurch. Ich war froh, dass wir meist einen Abstand von über einem Kilometer zu ihnen einhielten. Ich glaube nicht, dass jemand von der Besatzung bei einer Havarie den Zusammenstoß auch nur gehört hätte. Selbst unser „großes“ Begleitboot wäre wie eine Streichholzschachtel unter den gewaltigen Massen eines dieser Riesen verschwunden.
Als Schwimmer sind Schiffe aber auch ohne direkten Kontakt fast immer recht unangenehm. Ihre riesigen Schiffsschrauben saugen kaltes Wasser aus der Tiefe nach oben, und plötzlich schwimmt man von einem recht warmen Bereich in eiskaltes Wasser hinein. Zudem kippen sie verbotenerweise oft mitten auf hoher See irgendwelche Öle oder Abfälle ins Meer.

Projekt "Das Blaue Wunder" von ernst Bromeis

Das vorausfahrende Boot kümmert sich aber genau um solche Dinge und warnt die Schwimmer rechtzeitig. Hier würde ich gerne auf das Projekt "Das Blaue Wunder" meines Landmannes Ernst Bromeis hinweisen, der mit spektakulären Schwimmaktionen darauf aufmerksam macht, dass die Ressource „Wasser“ keineswegs endlos verfügbar ist und wir dringend mehr Sorge dazu tragen müssen! Den Link auf sein Projekt findet ihr am Ende des Berichtes.
Ich sah plötzlich, wie mein Schlauchboot-Skipper in Richtung Hauptboot fuhr und dem Kapitän schon von Weitem etwas zubrüllte.  Spanier sind nette, aber durchweg laute Menschen. Sie rufen sich über mehrere Hundert Meter etwas zu, und das verrückte daran ist, sie verstehen sich sogar! Wenn ich jemals in Seenot geraten und als Schiffbrüchiger auf dem Meer treiben sollte, dann hoffe ich sehr, dass einer meiner Mitschiffbrüchigen ein Spanier ist. Dieser wird einfach beherzt einen Satz mit viel S- und Zischlauten in Richtung Küste schmettern. Ein anderer Spanier wird ihn hören und uns binnen weniger Minuten Hilfe schicken.  Keine Ahnung wie sie das anstellen, aber der Markt für Funkgeräte muss in Spanien praktisch tot sein.
Der Skipper ließ sich wieder zurückfallen und ich konnte beobachten, wie er die Marokkanische Flagge hisste. Ich weiss nicht, wieviel Zeit dann noch verging, doch plötzlich gab er mir während eines Essensstopps die Info, es seien nur noch vier Kilometer bis zu Küste. Vielleicht war es die folgende Euphorie, die mir fast zum Verhängnis wurde.

Schlimme Schmerzen

Ich schwamm los wie der Teufel und ignorierte die aufkommenden Wellen völlig. Mit roher Kraft schaufelte ich durch sie hindurch, und plötzlich begannen die Schmerzen fast gleichzeitig in beiden Schultern. Ich hatte so etwas  noch nie erlebt. Binnen 20 Minuten waren sie so stark, dass ich am liebsten bei jedem Zug laut aufgeschrien hätte. Und das Ufer wollte und wollte einfach nicht näher kommen. Beim nächsten Stopp sagte er mir, es seien noch zweieinhalb Kilometer bis zum Ziel, und ich konnte es fast nicht glauben. Noch immer so weit??
Nach einer gefühlten Ewigkeit zeigte er mir schließlich die letzten 500 Meter an. Ob Ihr es glaubt oder nicht, aber ich dachte in diesem Augenblick daran, aufzugeben. Irgendjemand schien dieses Afrika permanent von mir wegzuziehen und ich fühlte mich wie der Esel, der einer Karotte vor seiner Nase nachläuft. Durch die stechenden Schmerzen hatte ich kaum noch Kraft, die Arme zu heben. Immer wieder hielt ich an, um mich davon zu überzeugen, dass die Küste wirklich noch da war. Ich sah einen schönen, langen Sandstrand mit vielen Menschen und steuerte darauf zu. Es war der kürzeste Weg an Land.
Augenblicklich wedelte mein Skipper wild mit den Armen und wies mich an, weiter links vom Strand zu den Felsen zu schwimmen. Ich wäre am liebsten zu ihm aufs Boot gestiegen um ihm beide Arme auszureißen. 500 Meter – zehn Bahnen im Becken – sechs Minuten – vor der Küste von Marokko mit ablandiger Strömung - eine Ewigkeit! Noch nie waren 500 Meter so weit und so hart gewesen.
Als ich endlich den Meeresgrund unter mir sah, hätte ich am liebsten geheult. Ich stolperte durch die scharfkantigen Felsen, und als ich endlich sicheren Stand hatte, winkte ich dem Kapitän zu und führte das selbe  Tänzchen wie Bruce Willis am Ende von „The last Boyscout“ auf. Ich wollte einfach nur ein Weilchen so  dastehen und den Blick zurück auf die Spanische Küste genießen.

Ein unerwarteter Empfang

Doch plötzlich hörte ich hinter mir eine aufgeregte Männerstimme. Ich drehte mich um und sah einen schmächtigen Marokkaner in einer Art Security-Uniform. Er fuchtelte wild mit einem Funkgerät  umher und fragte in einer Mischung aus Arabisch und Englisch immer wieder, woher ich komme und was ich hier tun würde. „Ja, was werde ich hier wohl nur mit Badehose, Schwimmbrille und Kappe bekleidet tun, du Genie?“, dachte ich erschöpft. Nach vier Stunden im Salzwasser schwillt die Zunge übrigens dermaßen an, als hätte man inbrünstig mit einem Schottisches Hochlandrind geknutscht. Eine ausgedehnte Konversation ist da so ziemlich das Letzte, was man sich wünscht. Also sagte ich ihm ich in perfektem Arabisch: „Ich bin wirklich froh für die ARD, dass Du nie Mitglied von Robert Lembkes Rateteam gewesen bist. Sonst wäre nämlich garantiert JEDER Kandidat mit einem vollen Sparschwein nach Hause gegangen!“
Nein - Ihr könnt Euch sicher denken, dass meine Fähigkeit Arabisch zu sprechen ebenso begrenzt ist wie meine Geduld für wild gestikulierende, mich permanent zutextende Marokkaner. Ich betrachtete ihn noch einmal genau und versicherte mich, dass er keine Waffe trug. Als ich nämlich zwei Jahre zuvor quer durch eine Bucht in der Nähe von Dahab (Ägypten) schwamm, war ich direkt vor einem schwer bewaffneten Soldaten aus dem Meer gestiegen. Und das ziemlich weit vom nächsten Hotel entfernt. Allerdings hatte dieser freundlich gelacht und mir einen Platz im Schatten und Wasser aus einer Art Benzinkanister angeboten.
Ich stapfte benommen ins Wasser zurück und ließ den Marokkaner einfach stehen. Einmal blickte ich mich kurz um. Er sah aus, als würde er gleich zwei Herzinfarkte zum Preis von einem bekommen. Aber das war mir in diesem Moment egal und, das Wasser schluckte bald angenehm sein Geschnatter.
Wenige Minuten später saß ich auf dem Boot und schlürfte ein verdientes Spanisches Bierchen. Auf den Marokkaner angesprochen, winkte der Skipper nur lachend ab und meinte, es sei mit den Marokkanischen Behörden manchmal einfach etwas schwierig. Jetzt wusste ich zumindest genau, warum ich nicht an dem schönen Strand hatte an Land gehen dürfen. Eigentlich hätte ich jetzt unglaublich glücklich sein sollen, doch der pochende Schmerz in meinen Schultern hielt mich davon ab.

Persönliches Fazit

Ich musste an den Film „Gataca“ denken. Dieser handelt in einer Zukunft, wo Menschen nur noch anhand ihrer genetischen Perfektion Chancen im Leben erhalten. Eine der wichtigsten Szenen dieses Films ist tatsächlich eine Schwimmszene. Die beiden Brüder Vincent und Anton  messen ihre Kräfte in einem speziellen Wettkampf. Sie schwimmen einfach so lange ihr Mut reicht auf das offene Meer hinaus. Wer zuerst umdreht und zurück schwimmt, verliert. Obwohl immer unterlegen, schlägt Vincent eines Tages den genetisch perfekten Bruder. Gegen Ende des Films kann Anton ihn schließlich fragen, wie er das geschafft habe. Vincent antwortet, dass er sich nie Kraft für den Rückweg aufgespart habe!
Mir war klar, dass es an diesem Tag auch für mich niemals für den Rückweg und somit auch nicht für den Ärmelkanal gereicht hätte. Jetzt gilt es, die gewonnene Erfahrung umzusetzen und Vincents Weisheit zu verstehen. Ich hoffe, alles wird sich weisen…
Bis bald,
Euer Bruno

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