Die 14,4 Kilometer breite Straße von Gibraltar verbindet den Atlantik mit dem Mittelmeer.

Bruno Baumgartner / channelswimming.ch

Die Straße von Gibraltar

Das spanische Tarifa ist ein Hotspot der Surf- und Kitesurf-Szene.

privat

Tarifa

Die gewaltigen Windkraftanlagen im Hinterland von Tarifa sind stumme Zeugen des stets vorherrschenden Windes.

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Im Hinterland von Tarifa

15 Kilometer bis Afrika – dazwischen liegt die Straße von Gibraltar.

Bruno Baumgartner / channelswimming.ch

15 Kilometer bis Afrika
Bilder 1/1
Open Water | 29. Juni 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Premiere ohne Generalprobe

Bruno Baumgartner | Als Test für seine geplante Ärmelkanalüberquerung im September ist Bruno Baumgartner vor zehn Tagen durch die Straße von Gibraltar geschwommen. Das Durchqueren der Meerenge glich einer Premiere ohne Generalprobe: Bereits am Tag nach seiner Ankunft im spanischen Tarifa nahm Bruno den Kampf gegen die 14,4 Kilometer lange Schwimmstrecke, die Strömung und den Wind auf. In seinem neusten Blogbeitrag berichtet der Schweizer von diesem Abenteuer.
Liebe swim.de-Freunde,
nun war es endlich soweit und ich saß 10.000 Meter über der Erde bei meiner Lieblingsbeschäftigung. Und wie ihr ja inzwischen wisst, meine ich damit in keinem Fall das Fliegen. Eigentlich würde ich diese Technologie ja gerne überspringen und erst wieder bei der Teleportation einsteigen. Aber bis dahin werde ich wohl definitiv zu alt sein!

Über den Wolken

Eine unfassbar stressige Arbeitswoche lag hinter mir, und ich brannte energetisch gesehen auf höchstem Level. Ich hatte eine Weile lang wirklich Angst, dass der bis dahin positive Druck, den ich empfand, noch in negativen Druck umschlagen könnte. Doch dann saß ich tatsächlich einigermaßen entspannt und mit gutem Gewissen in dieser fliegenden Blechbüchse, die regelmäßig von fahrenden Essenscontainern frequentiert wurde. Die Preise der Inhalte waren jedoch so  astronomisch hoch, dass selbst die Bedienung in einem 5-Sterne-Gourmettempel beim Verkauf vor Scham errötet wäre. Die Erkenntnis des Tages hätte wohl heissen müssen: „Billig Fliegen hat seinen Preis!“ Aber das macht nichts, denn ich fieberte voller Erwartung der Landung in Malaga entgegen, wo es mit dem Mietwagen weiter nach Tarifa und somit zur heiss ersehnten Straße von Gibraltar gehen sollte.
Es war Samstag, und ich hatte doch tatsächlich noch vom Veranstalter eine Mail erhalten, in der er mir ernsthaft schon Sonntag als möglichen Schwimmtermin verkaufen wollte. Gut, das Wetter schien am folgenden Tag ausserordentlich günstig zu sein, aber meine Ankunft im Hotel würde wohl erst gegen 21.30 Uhr sein. Dann eine unruhige Nacht und am nächsten Tag gleich losschwimmen? Ich habe mit dieser Begründung dankend abgelehnt, denn mein offizielles Zeitfenster für die Durchquerung der Straße von Gibraltar lag zwischen Montag und dem darauffolgenden Sonntag. Ich hoffte nun schwer, dass sich das Wetter in dieser Zeit einigermaßen ruhig halten würde.
Ein Freund von mir musste vor etwa einem Monat den letztmöglichen Tag für seine Überquerung wählen.  Die ungünstigen Wind- und Strömungsverhältnisse dehnten seinen Versuch so auf über sieben Stunden aus. Auf dieses Abenteuer würde ich gerne verzichten, denn es braucht mental schon eine unglaubliche Kraft, um zwei Stunden am gleichen Fleck zu schwimmen, nur um eine Gegenströmung zu kompensieren.
Ich hatte die  Nacht vor dem Abflug sehr schlecht geschlafen und viel über die Querung und wie sie wohl verlaufen wird nachgedacht. Ob ich versuchen sollte, im Flugzeug etwas zu schlafen? Ein Unterfangen, das jedem ernsthaften Chiropraktiker die Freudentränen und Dollarzeichen in die Augen treiben würde. Plätze in dieser Preiskategorie sind zum Leiden und nicht zu Schlafen gemacht.
Nach einer traumhaft sanften Landung suchte ich wie wild nach meiner Mietwagenfirma. Auf dem ausgedruckten Papier stand etwas von Shuttle Bus, doch die nette Dame an der Auskunft meint nachdrücklich, man würde vor dem Ausgang schon auf mich warten. Nach einer halben Stunde Fluchen und Herumrennen erbarmte sich schließlich einer der tatsächlich wartenden Vermieter und erklärt mir in perfektem Deutsch, wo ich hin müsse. Kaum eine halbe Stunde später hatte ich tatsächlich meinen kleinen Mitsubishi Colt unter dem Hintern und düste in Richtung Cádiz davon.
Ich hatte genau drei Ansprüche an den Wagen: 1. er musste fahren, 2. Klimaanlage und 3. er sollte unglaublich günstig sein. Alles erfüllte der Wagen absolut hervorragend. Aber beim Betätigen des Gaspedals änderte sich lediglich der Ton des Fahrzeuges. Um eine Beschleunigung von null auf 100 Kilometer pro Stunde im Sekundenbereich zu erreichen, hätte man wohl exakt während des Beschleunigens eine Datumsgrenze überfahren müssen, die einem um eine  Stunde zurück in die Vergangenheit brachte. Und die Klimaanlage ließ sich dagegen bequem in drei Stufen regulieren – sehr kalt, extrem kalt und schließlich: saukalt.

Premiere ohne Generalprobe

Es war schon recht spät und die Sonne ging unter. Um 22.30 Uhr erreichte ich mein Hotel 14 Kilometer ausserhalb von Tarifa, das ich noch am selben Morgen gebucht hatte. Als ich endlich geduscht und mit Internetsignal versorgt auf dem Bett lag, stockte mir der Atem. Im Posteingang befand sich schon wieder ein Mail vom Veranstalter und darin legte er mir erneut den morgigen Sonntag ans Herz und wies mich an, ihn unmittelbar nach der Ankunft zu kontaktieren.
Schließlich hingen wir um genau 23.30 Uhr an der Strippe und er erklärte mir das Problem. Es würde Wind aufkommen und sich vermutlich einige Tage lang halten. Alles deute darauf hin, dass Sonntag der perfekte Tag für das Durchschwimmen der Straße von Gibraltar sei. Sonst müsse ich vermutlich bis Donnerstag warten, und auch dann sei es nicht sicher, ob es ein guter Tag werden würde.
Ich musste mich hinsetzen und tief durchatmen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Müde von der Reise auf einem Bett sitzend, dessen seitliche Ausdehnungen gelinde gesagt äußerst begrenzt waren und ohne auch nur einen Meter im Meer geschwommen zu sein. Ohne Generaltprobe gleich nahtlos zur Premiere übergehen? Machte das Sinn? Aber was, wenn ich so den perfekten Tag verschenkte?
Zaghaft sagte ich Rafael, dem Organisator, zu. Er fühlte meine Unsicherheit und gab mir die Möglichkeit, mich am nächsten Morgen um 10.00 Uhr in seinem Büro zu entscheiden, ob ich starten wolle oder nicht. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass dies nicht die ruhigste Nacht meines Lebens war. Die spanische Hitze machte mir zu schaffen, das Bett war in jeder Himmelsrichtung zu schmal, und tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf. Irgendwann schlief ich ein und wachte am Morgen völlig verschwitzt und nicht minder mürrisch auf. Erst eine Dusche brachte die Lebensgeister und klaren Gedanken wieder zurück, und nach einem hektischen Frühstück machte ich mich auf den Weg nach Tarifa.

Waschmaschine im Schleudergang

Entgegen ihrem Namen startet die Gibraltar-Querung nämlich nicht im englischen Überseegebiet Gibraltar, sondern im nahegelegenen Tarifa. Tarifa ist die südlichste Stadt des spanischen Festlandes. Nirgendwo liegen Afrika und Europa näher beieinander als hier. Das beherrschende Element dieser eher kargen, typisch spanischen Gegend ist zweifellos der Wind. Schon ein Blick auf die gewaltigen Windanlagen zur Energiegewinnung im nahen Hinterland spricht Bände. In Tarifa gibt es zwei verschiedene Winde : den Westwind „Poniente“ und den Ostwind „Levante“. Für Schwimmer sicher bedeutungsvoller ist aber der Levante. Er baut sich über mehrere Tage auf und kann bis zu neun Windstärken erreichen. Er verwandelt die Straße von Gibraltar in eine Waschmaschine im Schleudergang, und an ein Schwimmen ist nicht mehr zu denken. Man spricht hier viel über den Wind. Ob er kommt und wie stark er sein wird. Doch nur eines ist wirklich sicher: dass er kommt!
Tarifa wurde in den siebziger Jahren durch die starken und konstanten Winde erst bei Wind- und später auch bei Kitesurfern zur Tourismusdestination. Sie reisen aus aller Welt an und werden von den Einheimischen auch „locos por el viento“,  „die nach dem Wind Verrückten“ genannt. Wer also in Tarifa ein Paradies für Open-Water-Schwimmer erwartet, der wird schwer enttäuscht. Die Strände sind geprägt von Hunderten von Segeln aller Art, und der verwunderte Zuschauer fragt sich nicht nur ab und zu, warum es praktisch zu keinem nennenswerten Zusammenstoß kommt. Selbst wer einen ruhigen Strandabschnitt zum Trainieren findet, wird innerhalb von wenigen Minuten entweder sandgestrahlt oder von der aufgepeitschten See in seine Schranken verwiesen. Wer also die Straße von Gibraltar durchschwimmen will, der schafft dies nur, wenn der Levante eine kleine Ruhepause einlegt.
Tarifa ist übrigens ein wirklich schönes Fleckchen, das sich eine erstaunliche Urtümlichkeit bewahren konnte. Das Bestreben der Spanier, jeden noch so winzigen Flecken Erde in Strandnähe mit Reihenhäusern und Hotels zu bebauen, scheint hier glücklicherweise auf erfrischend unfruchtbaren Boden gefallen zu sein. Wer in Spanien etwas Ruhe und Idylle sucht, dem kann ich dieses kleine Städtchen wirklich nur empfehlen. Allerdings sollte er eine stabile „Windverbauung“ mit an den Strand nehmen.

War das ein Zeichen?

Aber weg vom Reiseführernähkästchen und zurück um Kernthema. Das eigentliche Schwimmen wird von der ACNEG (Asociación de Cruce a Nado del Estrecho de Gibraltar oder The Gibraltar Strait Swimming Association) durchgeführt. Die Eintragungen auf der Webseite führen bis ins Jahr 1928 zur britischen Schwimmerin Mercedes Gleize zurück, die die Straße von Gibraltar als erster Mensch erfolgreich durchschwommen haben soll. All das und vieles mehr ging mir durch den Kopf, als ich gedankenversunken auf der Küstenstraße entlang fuhr.
Doch plötzlich schrecke ich auf, denn vor mir auf der Landstraße schien definitiv etwas Schlimmes passiert zu sein. Männer mit Leuchtwesten regelten heftig winkend den Verkehr und wiesen mich schon von weitem auf den Seitenstreifen. Schließlich sah ich, was ich gar nicht sehen wollte. Zwei völlig zerstörte Fahrzeuge blockierten die Fahrspur und alles deutete auf einen frontalen Zusammenstoß hin. Ich hatte noch nie in meinem Leben zwei derart verschrottete Autos gesehen. Ich wollte nicht hinsehen und schon gar nicht gaffen, konnte aber auch nicht blind durch die Hindernisse und Splitter fahren. Fast augenblicklich wurde mir übel, denn diese Trümmer sprachen eine deutliche Sprache. „Das kann niemand überlebt haben“, dachte ich und fuhr nach den Zeichen der Helfer am Unfallort noch langsamer. Ein Mann lag neben dem Auto und wurde von einem Helfer gestützt. Ich sah, wie er benommen sprach und immer wieder verwirrt den Kopf schüttelte. Vom Fahrer des zweiten Wagens war nichts zu sehen und dann war diese alptraumhafte Szene auch schon vorbei.
Geschockt fuhr ich weiter und der Kloß im Hals wollte nicht kleiner werden. War das ein Zeichen? Eines jener schlechten Vorzeichen, auf die man besser hören sollte? Wäre ich im Hotel zwei bis drei Minuten früher losgefahren, dann wäre einer der Fahrer vielleicht…? Aber auf solche Gedanken darf man sich einfach nicht einlassen. Ich war nicht früher losgefahren und hatte keinen Unfall gehabt! Trotzdem gingen mir die Bilder nicht aus dem Kopf und die von Tarifa herkommenden Rettungs- und Polizeifahrzeuge erinnerten mich immer wieder daran. Später in der Stadt sah ich auch noch einen Rettungshubschrauber in Richtung der Unglücksstelle fliegen. Als ich endlich im Büro der ACNEG stand, war mir flau im Magen und ein Gedankensturm wütete in meinem Kopf.
Ich hasse diese TV-Sendungen, die immer dann abbrechen, wenn man gerne wüsste, wie es weiter geht. Doch wegen der Länge dieses Beitrages, müsst Ihr Euch leider auch bis zum nächsten Blog noch ein wenig gedulden. Dann erzähle ich Euch von Schiffen, die so groß sind wie Schlösser, von wild gestikulierenden Marokkanern mit Funkgeräten und von Schmerzen, die fast alles zunichte gemacht hätten.
Also bleibt mir gewogen,
Euer Bruno

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