Sonnenschein in Dover, 17,5 Grad Wassertemperatur - die Bedingungen für Bruno Baumgartners zweiten Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, scheinen gut zu sein.

Bruno Baumgartner

Dover Ärmelkanal
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Open Water | 20. September 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Nächster Halt Dover – willkommen zurück!

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner ist in Dover angekommen, um in den nächsten Tagen zum zweiten Mal zu versuchen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Genau vor einem Jahr hatte er das schon einmal versucht – und die Erinnerungen daran sind noch sehr präsent.
Liebe swim.de Freunde,
die riesige Fähre mit dem klingenden Namen „Spirit of Britain“ stampfte langsam auf die Mitte des Englischen Kanals zu. Tief ihn ihrem Inneren zitterten, brummten und surrten gewaltige Schiffsdiesel und die Fahrt selbst kam mir eher wie ein Vorwärtsvibrieren als ein Gleiten auf dem Wasser vor. Es fiel mir schwer, den warmen Passagierbereich zu verlassen und mich auf das Außendeck zu begeben, wo gefühlte 500 deutsche Kinder einen riesigen Radau veranstalteten.

„Wie geil ist das denn?!“

Sie waren wohl mit dem Bus nach London unterwegs und ich hatte jetzt das Vergnügen ihrer Gesellschaft und der nicht ganz so treffsicheren Umgangssprache. Als ein junges Mädchen mit Zahnspange beim Anblick der „White Cliffs of Dover“ zum siebten Mal laut kreischte: „Wie geil ist das denn?!“, hätte ich sie am liebsten dezent über Bord geschubst.

Ich spielte das Vorhaben in Gedanken einige Male durch und versuchte, den zu erwartenden Grad an Zufriedenheit mit der Strafe abzuwägen, die mich für dieses Vergehen erwartet hätte. Vielleicht würde ich ja auf einen Richter treffen, der selbst einmal hatte ähnlichen, jugendlich verbalen Durchfall über einen längeren Zeitraum ertragen müssen.

Ich sah in Gedanken, wie er in der schwarzen Robe seinen kleinen Holzhammer auf den Tisch donnerte und seine Lippen süffisant die Worte: „Nicht schuldig!“ formulierten, während er mir verständnisvoll zuzwinkerte. Aber darauf durfte ich wohl nicht hoffen und wandte mich wieder dem offenen Meer zu, während die Kleine hinter mir das achte Mal denselben Satz durch die verdrahteten Zähne quiekte.

Riesige Wolkenmassen

Wie so oft im Englischen Kanal verschluckten riesige Wolkenmassen alles wärmende Sonnenlicht und ließen das Wasser dunkel und unfreundlich erschein. Schon der reine Anblick vermieste einem jeden Gedanken an ein kleines Schwimmabenteuer und ich fragte mich, wie kalt es wohl hier draußen sein mochte. Immer näher stampfte die „Spirit of Britain“ dem Fährhafen von Dover entgegen und bereits jetzt machten sich einige Passagiere auf, um möglichst die Ersten zu sein, die das Autodeck wieder betreten durften.

Kennt ihr diese Menschen auch, die immer und überall die Ersten sein wollen? Die sich beim Boarding auf dem Flughafen ganz zuvorderst anstellen, als würde ihr Teil des Flugzeuges früher am Ziel ankommen? Ich wollte so lange wie möglich den Blick auf den Kanal genießen. Hier von Deck aus konnte man sowohl England, als auch Frankreich hinter uns, perfekt erkennen.

Hinter Dunst und Nebel verborgen

Ein wesentlicher Vorteil, der einem Schwimmer leider nicht gegeben ist. Meist sieht er nur die weißen Klippen hinter sich, wenn er kurz zurückblickt. Ich weiß, es ist alles nur Psychologie und Kopfsache, aber sichtbare Ziele sind für den Menschen einfach leichter zu erreichen als jene, die hinter Dunst und Nebel verborgen sind. Ich bemerkte, wie mich ein altbekanntest Gefühl beschlich, als ich die „White Horses“ (das sind Wellen mit weißen Schaumkronen) auf dem Wasser sah.

Ich konnte fühlen, wie sich die Angst zurück in mein Herz schlich und beinahe unbemerkt von mir Besitz ergriffen hätte. Ich erinnerte mich an die Übelkeit durch das Salzwasser und die Wellen und auch an die Kälte, die mich plötzlich wie ein Mantel aus Eis umhüllt hatte. Was, wenn sich dieses Jahr alles einfach nur wiederholen würde? Der Wind auf dem Schiffsdeck tat sein Übriges und ich begann zu frieren.

Gedanken an Wolken und Kälte

Vielleicht lag es auch nur an der Tatsache, dass ich seit über 14 Stunden auf den Beinen war und mich einfach nur noch hinlegen wollte. Doch die Wolken, die Kälte und die Dunkelheit des Wassers trieben mich unter Deck. Die Gedanken an damals ließen sich fast nicht mehr ertragen. Ich war froh, als wir endlich anlegten und ich in einem viel zu warmen Taxi auf dem Weg in mein Hotel saß.

Auch dieses Mal hielt sich der Gedanke an Hunderte von Geisterfahrern hartnäckig und ich war froh, als der Fahrer sicher vor meinem Hotel anhielt. Ich hatte an diesem Tag unbedingt noch schwimmen wollen, aber es war bereits nach 18 Uhr und die Erinnerungen auf der Fähre hatten mich nicht eben in diesem Vorhaben bestärkt.

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