Bruno Baumgartner durchschwamm am 19. Juli 2011 als zweiter Schweizer die Straße von Gibraltar.

Bruno Baumgartner

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Open Water | 21. Juni 2011

Test für den Ärmelkanal Bruno Baumgartner meistert die Straße von Gibraltar

Bruno Baumgartner | Als Test für seine geplante Ärmelkanaldurchquerung im September ist Bruno Baumgartner am Wochenende durch die Straße von Gibraltar geschwommen. Die 14,4 Kilometer breite Meerenge verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik. In Spanien gestartet, schwamm der Schweizer vier Stunden und eine Minute, bis er erfolgreich in Marokko an Land ging. Hier berichtet er über das Abenteuer.
Mein Grund für das Schwimmen war ein realistischer Testlauf für das Durchschwimmen des Ärmelkanals im September. Ich wollte und musste das Meerwasser, den Wind, die Wellen und die Verpflegung testen. Aber jetzt, wo ich es hinter mir habe, bin ich derselben Meinung wie andere Schwimmer: Die Straße wird unterschätzt. Durch die sich stetig ändernden Bedingungen ist es ein sehr anspruchsvolles Schwimmen, das Einiges an Durchhaltevermögen fordert.
Die Straße von Gibraltar misst an ihrer schmalsten Stelle 14,4 Kilometer. Diese Strecke kann aber ein Schwimmer nicht schwimmen, weil die Strömung mit etwa fünf Kilometern pro Stunde vom Atlantik her ins Mittelmeer drückt. Darum verläuft der Schwimmkurs mit Start in Tarifa (Spanien) in Richtung Süd-Ost und beträgt etwa 18 bis 22 Kilometer.

Die Meldung vom Präsidenten

Ich erhielt bereits am Tag meiner Ankunft in Spanien eine Meldung von Rafael Gutiérrez Mesa, dem Präsidenten der ACNEG (Asociaciòn Cruce a Nado del Estrecho de Gibraltar). Diese Gesellschaft führt das Schwimmen durch, die frühesten Einträge ihrer Webseite gehen bis ins Jahr 1928 zurück. Die Meldung enthielt den Vorschlag, gleich am Sonntag, den 19. Juni zu schwimmen, obwohl mein Zeitfenster erst zwischen dem 20. und 26. Juni festgelegt war. Erst war ich skeptisch wegen des vorangegangenen Fluges und der Müdigkeit. Doch ein Blick auf mein eigenes Wettertool bestätigte die Wahl von Rafael deutlich: Der Wind würde in den nächsten Tagen stark zunehmen.
Hauptsächlich maßgebend für die Entscheidung zu starten ist der Ostwind, der sogenannte Levante. Er kann sich über Tage aufbauen und dann mehrere Tage anhalten. Was für die Surfer und Kitesurfer ein Segen, ist für Schwimmer ein Fluch. Die Straße ist dann aufgepeitscht, hat viele Wellen und noch stärkere Strömungen als sonst.
Am Abend des 18. Juni um 23 Uhr rief ich Rafael an und sagte zu. Er meinte, wir würden uns am Morgen um 10 Uhr in seinem Büro treffen und ich könne dann immer noch entscheiden, ob ich fit genug sei. Ich müsse mich aber sonst sicher auf drei bis vier Tage Warten einstellen, und dann drohe auch noch Nebel.
Im Büro der ACNEG wurde ich exakt über den Ablauf des Schwimmens instruiert. Ein Boot fährt immer vorne weg. Es verfügt über GPS und Radar, sichert den Verlauf der Strecke und gibt anhand der Geschwindigkeit des Schwimmers den weiteren Kurs vor. Das zweite, kleinere Boot fährt unmittelbar neben dem Schwimmer und versorgt ihn mit Essen und Getränken.

Delfine, Killerwale und Weiße Haie

Die Gefahren in der Straße von Gibraltar sind überschaubar. Sie ist eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt. Täglich wird sie von bis zu 300 riesigen Handelsschiffen gekreuzt, und von Tarifa (Spanien) her überqueren mehrmals täglich 5.000 Tonnen schwere Fähren die Wasserstraße nach Tangier (Marokko). Sie bringen pro Fahrt rund 800 Passagiere und circa 180 Fahrzeuge ans andere Ufer. Zudem gibt es in der Straße nicht weniger als sieben verschiedene Spezies: Vom Delfin über den Pottwal bis hin zum Orca (Killerwal) ist alles vertreten. Wie mir hinterher erzählt wurde, haben mich Delfine eine Weile begleitet, aber aus meiner Perspektive konnte ich sie leider nicht sehen.
Es sollen in der Meerenge auch Haie vorkommen – sogar weiße! Aber als ich Rafael darauf ansprach, lachte er nur. Die seien alle viel zu schüchtern und würden gleich das Weite suchen. Zudem sei noch nie etwas passiert. Dann fügte er lachend hinzu: Vielleicht sei ich ja der Erste ...
Wir bereiteten uns im Hafen von Tarifa vor und fuhren dann rund fünf Minuten zur vorgelagerten „Isla de las Palomas“. Das ist eine tropfenförmige Halbinsel gleich neben dem Hafen. Sie ist der südlichste Punkt der Landmasse und der Startpunkt für die Überquerung. Dort erhielt ich die Aufforderung, mich bereit zu machen. Dann ging es mit einem beherzten Sprung ins Wasser, das an diesem Tag laut meiner Urkunde 17 Grad aufwies. Ich musste noch mal zurück an Land schwimmen und mich dort drei Meter vor einem Felsen positionieren. Der Wellengang war zu stark, um sich auf einen Felsen zu stellen, von wo aus normalerweise gestartet wird. Ich musste die Hand heben, als Zeichen, dass ich bereit bin, und der Kapitän gab mir ein Handzeichen zum Start und betätigte gleichzeitig die Stoppuhr. Der Start erfolgte um 9.37 Uhr.

Euphorie und Geschwindigkeit

Die ersten Meter waren sehr heftig und wellig. Ich dachte schon nach fünf Minuten, dass ich das so wohl nicht schaffen könne und ob das lange so bleiben würde. Doch nach etwa drei Kilometern wurde die Straße plötzlich sehr flach und ruhig und ich konnte lange Zeit mit über vier Kilometern pro Stunde schwimmen und richtig Meter machen. Ich fühlte mich unglaublich gut und schwamm sehr euphorisch und wohl auch etwas zu schnell. Als der Kapitän plötzlich die Beflaggung am Schiff änderte, wusste ich, dass wir jetzt näher an Marokko als an Spanien waren. Beim nächsten Essensstopp, den wir alle 20 Minuten einlegten, wurde mir das bestätigt. Die Essensstopps dauerten jeweils nur etwa 20 bis 30 Sekunden. Der Kapitän wies mich an, sie so kurz wie möglich zu halten, da wir sonst zu stark abtreiben würden.

Die härtesten vier Kilometer meines Lebens

Plötzlich kam Wind auf und die See wurde augenblicklich unruhiger. Ich bekam leichte Schulterschmerzen, weil ich immer noch mit Volldampf durch die Wellen schaufelte. Als mir mein Skipper beim nächsten Stopp mitteilte, es seien nur noch vier Kilometer, war ich euphorisch und dachte, das sei ja nicht mal mehr eine Trainingseinheit! Doch das wurden die härtesten vier Kilometer meines Lebens. Die Strömung war enorm, und das Land rückte und rückte nicht näher. Immer wieder blickte ich auf und hielt kurz an. Der Skipper feuerte mich dann wild an und zeigte mir, ich solle sofort weiterschwimmen. Die Schmerzen in den Schultern wurden unerträglich. Als man mir den letzten Kilometer anzeigte, wollte ich fast aufgeben. Jeder Zug war ein extremer, stechender Schmerz. Die Strömung vor Marokko ließ mich fast nicht an Land kommen. Die letzten 500 Meter fühlten sich an wie zwei Kilometer! Dann endlich, durch die Schmerzen völlig entkräftet, erreichte ich um 13.38 Uhr nach vier Stunden und exakt einer Minute das ersehnte Ufer.

Nummer 303: der zweite Schweizer

Als ich mich dort auf einen Felsen stellte, damit der Kapitän das Zielfoto machen konnte, stürmte ein Marokkaner in einer Art Uniform und mit Funkgerät auf mich zu und textete mich voll. Ich war zu glücklich und groggy und ignorierte ihn einfach. Entkräftet schwamm ich wieder zurück zum Boot. Dort sagte mir der Kapitän, dass seien halt die marokkanischen Behörden, das sei manchmal etwas schwierig! Beim wohlverdienten Bierchen fuhren wir in rund 40 Minuten wieder zurück nach Spanien. Dort durfte ich am nächsten Tag freudestrahlend die Urkunde in Empfang nehmen und Rafael zeigte mir voller Stolz das Bild, dass er von mir gemacht hatte, zusammen mit einer Meldung in der lokalen Tagespresse.
Ich bin jetzt Nummer 303 in der Liste der erfolgreichen Schwimmer und erst zweiter Schweizer.
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