Sein Schwimmer-Alter-Ego und Bruno Baumgartner als "Alltagsmensch".

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Open Water | 30. Mai 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Interview mit meinem Alter-Ego

Bruno Baumgartner | In Bruno Baumgartners Brust schlagen zwei Herzen: das des Schwimmers und das des "Alltagsmenschen". In seinem neusten Blogbeitrag führt der Schweizer Hobbyschwimmer, der im September versuchen wird, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, ein spannendes Interview mit seinem "Schwimmer-Alter-Ego".
Liebe swim.de-Freunde,
obwohl ich recht wenig auf den Einfluss der Sternzeichen gebe, scheine ich doch ein echter Zwilling mit zwei Gesichtern zu sein. In meinem Inneren wohnen ein Schwimmer und ein „Alltagsmensch“ auf engstem Raum zusammen. Man könnte es scherzhaft „Schizophrenie Light“ nennen, denn es ist oft nicht ganz leicht. Während der eine am liebsten rund um die Welt düsen und durch jeden Tümpel schwimmen würde, der nur ansatzweise nach Wasser riecht, mault der andere oft zickig herum, dass das Geld nicht auf den Bäumen wachse und man es erst verdienen müsse. Grund genug, meinem Schwimmer-Alter-Ego ein paar Fragen zu stellen, die er meist am Beckenrand immer und immer wieder hört.
Warum gerade der Ärmelkanal?
Als ich die Idee dazu hatte, wusste ich noch gar nicht, dass der Ärmelkanal auch als „Mutter aller Langstreckenschwimmen“ bezeichnet wird. Einer der ersten Sätze, die ich las, zog mich augenblicklich in den Bann: „Wesentlich mehr Menschen haben den Everest bestiegen, als erfolgreich den Ärmelkanal durchschwommen!“
Es sind wohl mittlerweile um die 1.000 Schwimmer, die es geschafft haben. Aber das spielt keine Rolle. Mir ging es nicht darum, etwas zu tun, was noch niemand zuvor getan hat. Ich wollte mich einer Aufgabe stellen, die aus damaliger Sicht kaum zu bewältigen war. Heute weiß ich wesentlich mehr über das Langstreckenschwimmen und kenne auch härtere Strecken, wie zum Beispiel den North-Channel. Aber das ist vollkommen bedeutungslos. Der Ärmelkanal hat mich gepackt und in seinen Bann gezogen.
Endgültig war es nach dem Film „Kanalschwimmer“ um mich geschehen. Er dokumentiert die Überquerung von drei Schwimmern, unter anderem auch die des deutschen Langstreckenstars Christof Wandratsch. Aber (sorry Christof) am meisten hat mich die Geschichte eines 60-jährigen Brustschwimmers mitgenommen. Er musste nach endlosen Stunden wenige Hundert Meter vor der französischen Küste aus dem Wasser geholt werden, weil er nur noch auf der Stelle schwamm. Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich Rotz und Wasser geheult habe, als er aufgeben musste. Man stelle sich das vor! Nach weit über 30 Kilometern Wasserweg ist das Ufer nur noch einen Steinwurf entfernt. Man sieht die Lichter an der Küste greifbar nah und doch sind sie in diesem Augenblick so unerreichbar wie die Sterne.
Das Ärmelkanalschwimmen ist wohl das geschichtsträchtigste überhaupt. Bereits 1851 entzog sich ein italienischer Soldat durch einen beherzten Sprung von Bord der Gefangennahme durch die Engländer. Er schwamm durch die Nacht in Richtung französische Küste, wo er schließlich von einem Fischerboot aufgenommen wurde.
Die Antwort auf die anfangs gestellte Frage müsste wohl einfach lauten: „Ich habe mich in den Kanal, seine Geschichten, die Legenden und den Mythos verliebt!“ Es gibt keine Alternative – es muss der Englische Kanal sein. Ich will diese Magie selber erleben. Ich will zwischen Schiffen hindurchschwimmen, die so groß wie Schlösser sind! Ich will fühlen, was Hunderte vor mir empfunden haben, deren Hände und Füße plötzlich nach all den Strapazen und der Kälte den Boden von Frankreich berührten. Es ist ein Abenteuer und Abenteuer sind die Nahrung unserer Fantasie.
Kann es sein, dass Du etwas verrückt bist? (Das fragt man mich wirklich!)
Ich weiß nicht recht… Ist man wirklich verrückt, wenn man sich einer Herausforderung stellt, die größer ist als alles was, man bis dahin jemals vor sich hatte? Ist es verrückt, seine Grenzen erleben und überschreiten zu wollen? Ist es verrückt, etwas erleben zu wollen, dass sich wie ein helles Leuchtfeuer im Herzen einbrennen werden wird? Das man sein Leben lang nicht vergisst und das einem in schweren Stunden daran erinnert, dass fast alles möglich ist? Niemand kann einem dieses Gefühl jemals wieder wegnehmen. Egal wie viele das noch nach dir schwimmen werden – egal wie viele es als verrückt bezeichnen. Es bleibt DEIN Abenteuer und DU hast den Mut gefunden, Dich ihm zu stellen. Wenn diese Gedanken verrückt sind – dann bin ich es wohl tatsächlich auch.
Woher nimmst Du die Motivation für tägliches Training?
Ich versuch wirklich täglich zwei bis drei 3 Stunden zu trainieren und das sechsmal pro Woche. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt und viele wollen wissen, wie so etwas geht. Ich habe diesbezüglich einen harten, aber vielleicht auch dummen Weg gewählt. Von einem bestimmten Punkt an habe ich einfach allen Freunden, Verwandten und Bekannten erzählt, was ich vorhabe. Ihnen sagen zu müssen, ich hätte aufgegeben, ist schlicht undenkbar. Mein Blog auf swim.de ist demnach ebenfalls Teil einer geschickten Strategie, um immer mehr Druck zu erzeugen :-)
Nein, im Ernst: Irgendwann gab es einen Punkt, an dem das Training einfach zu einem festen Bestandteil meines Lebens wurde. Ich muss mir heute keinen Grund mehr liefern, um zum Schwimmbad oder zum See zu fahren. Ich denke gar nicht mehr darüber nach. Es ist wie das Zähneputzen am Morgen zu einem Automatismus geworden. Und wir stehen ja auch nicht mit starrem Blick vor dem Badezimmerspiegel und sagen uns: „Heute schaffe ich es wieder, sie zu putzen!“ Natürlich gibt es Durchhänger und Tage, an denen gar nichts geht. Ich bin der Meinung, dass es falsch ist, sich dann um jeden Preis zu quälen. Dann steigt man eben nach ein bis zwei Kilometern aus dem Becken und lässt die Seele in dem Wissen baumeln, dass morgen ein besserer Tag ist.
Hast Du keine Angst?
Doch und zwar große! Ich fürchte mich nicht um Leib und Leben, denn die Gefahren sind im Prinzip überschaubar. Die wohl größte ist die Hypothermie. Wenn man irgendwann so unterkühlt ist, dass der Körper zwar noch funktioniert, aber der Geist nicht mehr klar ist. Man nennt diese Phase der Unterkühlung auch „Kälte-Idiotie“. Hier wird es wirklich gefährlich. Das ist der Zeitpunkt, wo ein Schwimmen auch von der Mannschaft abgebrochen werden sollte.
Meine Frau hat die Aufgabe, mir ab und zu eine einfache Rechenaufgabe zu stellen. Wenn ich diese nicht mehr lösen kann, dann hat sie die strikte Anweisung, mich aus dem Wasser zu holen. Ich hoffe nur, ich sitze dann nicht fluchend auf dem Boot zurück nach Dover und denke die ganze Zeit: „Verflixt, 18 minus 3, das wäre lösbar gewesen! Jetzt darf nie jemand erfahren, dass ich gar nicht unterkühlt war!“ :-)
Was mir wirklich Angst macht, ist die Isolation. Natürlich ist das Boot nur wenige Meter entfernt, aber das spielt irgendwann keine Rolle mehr. Wenn man alleine im Meer oder See schwimmt und in die Dunkelheit unter einem starrt und noch dazu friert, dann erlebt man plötzlich eine Art Entfremdung. Erst ist man neidisch auf die Menschen im Boot, die warme Jacken tragen und vielleicht lachend einen Sandwich verdrücken. Dann kapselt man sich ab und driftet in eine eigene Welt aus Kälte und Schmerz. Ich habe das im See schon im kleinen Rahmen so erlebt. Es ist wie ein Strudel, der einen immer tiefer hineinsaugt. Die Welt scheint sich in einen schönen Bereich auf dem Boot und einen Höllenschlund im Wasser zu spalten. Je erschöpfter man ist, desto weiter driftet man ab und öffnet der Kälte so Tür und Tor. Und wenn der Kopf die Kälte zulässt, dann hat der Körper bald verloren.
Wie bist Du eigentlich zu swim.de gekommen?
Das war gar nicht so einfach. Ich bin zum Casting gegangen und wurde vom Dieter Bohlen des Schwimmens in den Recall gewählt. Schließlich konnte ich mich dank einer äußerst knappen Badehose gegen 36.000 weitere Bewerber durchsetzen :-)
Unsinn, ich würde aus heutiger Sicht sagen, dass ich alles Facebook und vor allem Holger Lüning zu verdanken habe. Der deutsche Triathlon-, Schwimmtrainer und Top-Agegrouper wurde irgendwie auf mich aufmerksam und knüpfte den Kontakt zu spomedis. Schließlich landete ich auf Teneriffa und durfte beim Dreh zur heiß erwarteten DVD „Schneller Schwimmen: Open Water“ dabei sein. In dieser Woche entstand dann die Idee, diesen Versuch auf dem neuen Portal swim.de zu begleiten.
Hier ist sicher ein guter Zeitpunkt, um sowohl Holger Lüning als auch dem Team von swim.de ganz herzlich für das Vertrauen zu danken. Ich finde es unfassbar mutig, dass Ihr in der heutigen Zeit der Superlative einen normalen Schwimmer auf diesem Weg begleitet. Ich hoffe sehr, dass das Interesse der Leser nicht nachlässt, auch wenn weit und breit kein Rekord in Sicht ist. Es wäre ein schöner Beweis dafür, dass auch Geschichten und nicht nur reine Resultate zählen.
Und was machst du, wenn du das Ziel erreicht hast?
Das Schwimmen hat mich mit kräftigen Armen gepackt und lässt mich wohl nicht mehr los. Rund 70 Prozent der Erdoberfläche besteht aus Wasser. Ich bin sicher, dass sich da ein Fleckchen für mich finden lässt. Man mir schon aus psychologischer Sicht geraten, bereits ein neues Ziel ins Auge  zu fassen, um nicht in ein tiefes Loch zu fallen, wenn die Herausforderung nach über zweieinhalb Jahren plötzlich nicht mehr da ist. Und wer weiß, vielleicht werde ich Euch dann auch diese neue Geschichte erzählen dürfen? Bleibt mir gewogen!
Bist demnächst,
Euer Bruno

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