Bruno Baumgartner blickt nach seinem Abenteuer im Ärmelkanal bereits wieder voraus.

Miriam Müller / spomedis

Bruno Baumgartner in Dover
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Open Water | 26. September 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Frankreich wird warten

Bruno Baumgartner | Wie ein "durchgekautes Menschenkind" habe er sich gefühlt, als er nach vier Stunden dem 15 Grad kalten Wasser des Ärmelkanals entstiegen sei. Im ersten Blog nach seiner Heimreise berichtet Bruno Baumgartner von seinem Kampf gegen die Wellen, einer ungebrochenen Leidenschaft – und einem Land, das auf ihn wartet.
Liebe swim.de-Freunde,
hektisches Packen am Morgen…. Durchgehen der internen Checkliste…. Ersatzbrille, Ersatzkappe, Vaseline… Ja, alles da!
Knapp eine halbe Stunde später standen alle Protagonisten angespannt auf der Pier und warteten auf die Ankunft der „Sea Leopard“, die uns mit ihrer Mannschaft über den Kanal begleiten sollte. Trotz angestrengter Versuche, die innere Ruhe zu bewahren, fühlte ich mich seltsam. Beinahe so, als würde mir gleich etwas genommen und nicht gegeben werden.
Endlich legte sie am Bootssteg an, und wir begrüßten Stuart Gleeson und seine Crew. Stuart schien mir an diesem Tag nicht ganz so fröhlich zu sein wie an dem Tag, als ich ihn kennengelernt hatte. Sein Lächeln wirkte verkrampft. Ich schob es auf das frühe Aufstehen, das auch bei mir oft zu Entgleisungen im Bereich der Gesichtsmuskulatur führen konnte.

Der Pass in der Nachttisch-Schublade

Nach dem Verladen des Materials und abgeschlossener Sicherheitsinstruktion erschien auch Chef-Observer Steve Franks. Er brummelte etwas in seinen Bart und bestieg das Boot, ohne uns große Beachtung zu schenken. Und bald schon sagte jemand den folgeschweren Satz zu uns: „Habt ihr alle Eure Pässe?“
Man denkt an vieles, wenn man den Kanal durchschwimmen will, aber nicht zwingend daran, dass man sich im Falle einer Kontrolle auch würde ausweisen müssen. Das Fahrstuhlgefühl in meinem Magen war überwältigend, denn die klare Antwort, die ich nicht auszusprechen wagte, lautete schlicht und einfach: „Nein!“ Mein Pass lag wohlbehütet in der Nachttisch-Schublade des Hotelzimmers.
Ich konnte es Stuart und Steve Franks vom Gesicht ablesen: „Es ist doch immer dasselbe!“ – sie hatten das wohl schon mehr als einmal erlebt. Knappe 10 Minuten später bestiegen wir schwitzend und „ausgewiesen“ wieder das Boot und legten kurz darauf ab.

"Das wird kein Kindergeburtstag!"

Als mein Herzrasen endlich nachgelassen hatte, umrundete unser Boot die schützende Hafenmauer und gleich darauf begann es von neuem. Heftige Wellen packten das Boot und schaukelten es durch. Besorgt blickten wir einander an und einzig Nina sprach leise aus, was ich selber nicht zu denken wagte: „Das wird wohl kein Kindergeburtstag!“
Aber ich war zu aufgeregt, um noch Fragen zu stellen oder mir echte Sorgen zu machen. Ich war fest davon überzeugt, dass sich der Wellengang wohl weiter draußen legen würde, so wie ich es schon in Gibraltar erlebt hatte. Stuart meinte, dass das wohl so sein könne – aber nicht zwingend müsse.
Und spätestens hier musste ich an die Worte meines Freundes Armin Wunder denken, der mir einmal schrieb, dass ein sogenannter „Erster Slot“ nicht zwingend gut sein muss. Es bedeutet eigentlich, dass man der erste Schwimmer ist, der bei diesem Kapitän am ersten „schwimmbaren“ Tag starten kann. Natürlich beruhigt sich der Kanal nach einer Schlechtwetterphase nicht augenblicklich. Das Meer ist wie eine wütende Frau, deren Zorn nicht einfach erlischt. Er verblasst langsam und eine vollkommene Ruhe gibt es nie. Selbst kleineste Reize können ihr Feuer wieder zum Lodern bringen und ihre Hitze verschlingt dich wie einen kleinen, dürren Ast. Müßig darüber nachzudenken!
Wir waren auf dem Weg und die restlichen 1.300 Pfund hatten ihren Besitzer gewechselt. Schon auf der kurzen Fahrt zum Start am Strand „Samphire Hoe“ musste ich mich unglaublich konzentrieren, um keinen Fehler zu machen. Ich weiß aus bitterer Erfahrung, dass es nur eine einzige Welle braucht, um die schlimme Spirale der Seekrankheit bei mir einzuleiten. Einmal nach unten blicken und dabei durchgeschüttelt zu werden, kann bereits die Initialzündung sein.

"Lass es draußen ruhiger sein!"

Ich wurde aufgefordert, mich bereit zu machen und versuchte meine Kleider auszuziehen. Es war praktisch unmöglich, sich auf den Beinen zu halten. Das Boot schaukelte dermaßen hin und her, dass ich von der Seite gestützt werden musste. „Bitte lass es draußen ruhiger sein!“, war der Satz, der jetzt immer und immer wieder durch meinen Kopf rauschte, wie ein kilometerlanger Güterzug durch einen Tunnel.
Wie in Trance ließ ich mich einfetten und starrte dabei immer auf einen fixen Punkt in der Ferne. Mein Magen zeigte zum Glück immer noch keine Anzeichen von Übelkeit. Dann die Kamera vor meinem Gesicht… Letzte Worte, die Sinn machen sollten… Ein Rundumblick… Verabschieden.
Steve erklärt mir, dass ich ins Wasser springen und an Land schwimmen müsse. Wenn ich dort trockenen Fußes stehen würde, gäbe er mir das Startzeichen, und erst dann dürfe ich das Wasser wieder betreten. Ich nickte ohne zu wissen wozu. Aber ich hatte das wohl Hundert Mal gehört und gelesen.
Jetzt liefen nur noch Automatismen ab. Ich sprang über Bord und tauchte in das kalte Wasser ein, dessen Temperatur ich in diesem Moment als sehr angenehm empfand. Ein kurzer Moment der Ruhe überkam mich. Luftblasen stiegen empor und die Welt tat das, was sie öfters tun sollte – sie wurde still. Ich fühlte mich wohl unter Wasser, ruhig und geborgen. Nichts konnte mir etwas anhaben – weder Wind noch Wellen.
Der Moment dehnte sich zur Ewigkeit und es schienen Minuten zu vergehen, bis mein Kopf die Wasseroberfläche wieder durchstieß und sich meine Lunge mit Sauerstoff füllte. Ich kraulte gemächlich an Land – es gab keinen Grund zur Eile. Eine hohe Welle stellte mich praktisch von alleine auf die Beine, und ich fühlte zum letzten Mal für viele Stunden den körnigen Sand unter meinen Fußsohlen.

"Nutze die Wellen und lass dich tragen"

Ich hob die Hand, um dem Observer meine Bereitschaft zu zeigen und hörte das heisere Kreischen seiner Trillerpfeife. „Beinahe wie im Turnunterricht!“, dachte ich noch für mich, und dann umschloss der Kanal mich auch schon mit seinem klammernden, fordernden Griff.
Der Wellengang war stark, und ich suchte schon in den ersten Metern angestrengt nach einem Takt. Die Frequenz der anrollenden Wellen machte es praktisch unmöglich, diesen zu finden. „Stell dich auf keinen Fall gegen ihn…“, flüsterte eine innere Stimme. „Du kannst nur verlieren! Nutze die Wellen zu deinen Gunsten und bleib ruhig! Lass dich einfach tragen…“
Allmählich beruhigte sich mein Atem und ich versuchte das Gefühl zu genießen, den letzten Rest meiner Reise angetreten zu haben. Ich war weit gekommen und hatte viel erlebt in den vergangen zweieinhalb Jahren. Zu Beginn hatte ich keine zwei Längen im 25-Meter-Becken kraulen können, und heute sollten es nun 33 bis 40 Kilometer werden. Weiter als ich jemals zuvor geschwommen war.

"Ist das machbar?"

Ich redete mir ein, es wäre schon ruhiger geworden. Doch schon bei der ersten Verpflegungspause hatte ich Mühe, überhaupt die Flasche ergreifen und daraus trinken zu können. Ich versuchte diesen kleinen, gemeinen Gedanken in den Hintergrund zu drängen, der immer und immer wieder dieselbe Frage aufwarf: „Ist das so überhaupt machbar? Komme ich wirklich vom Fleck?“
Die „White Cliffs“ von Dover schienen noch immer greifbar nahe zu sein. Und irgendwann in diesem Abschnitt nahm das Unheil seinen Lauf. Ich tat einen Atemzug, und mein ganzer Mund füllte sich augenblicklich mit Salzwasser. Es war kein Würgen und Spucken mehr möglich. Die salzige Plörre ergoss sich meine Speiseröhre hinunter, direkt in den Magen. Ich wartete kurz auf eine Reaktion, doch es schien alles in Ordnung zu sein. Keine Rückmeldung von „Down under“! Aber der Grundstein für die folgende Spirale war wohl da schon gelegt.

Das Mentos in der Cola-Flasche

Bei der Einnahme des zweiten Gels passierte es. Ich drehte mich von den Wellen ab und drückte mir das Energiekonzentrat in den Mund. Ich weiss noch, wie es mir geschmacklich in Kombination mit dem Salzwasser extrem widerstand, und in diesem Moment klatschte mir eine Welle direkt ins Gesicht. Sie spülte mir durch den offenen Mund und in die Nasenlöcher hinein, und ich schluckte das ganze Gel-Salzwassergemisch einfach zwangsläufig hinunter. Es war, als hätte man ein Mentos in eine Cola-Flasche geworfen, und mein Mageninhalt explodierte in den Kanal hinaus.
Ich machte mir noch keine wirklichen Sorgen, denn danach fühlte sich alles noch relativ gut an. Erst als sich die folgenden Schlucke Kohlehydratgetränk ebenfalls wieder mit den Weiten des Meeres vermischten, dämmerte mir, was hier gerade passierte: Der Wellengang, den ich eben nur beim Schwimmen und dem Finden eines Taktes als extrem unangenehm empfand, hatte jetzt auch meinen Magen voll ins Visier genommen.
Ich fühlte scheinbar jeden Tropfen seines Inhaltes hin und her rollen. Auch bei weiteren Versuchen der Nahrungsaufnahme blieb das Resultat ein und dasselbe. Alles kam wieder hoch. Und am schlimmsten war plötzlich die Kälte. Man kann kaltem Wasser widerstehen, wenn man sich einhundertprozentig wohl und kräftig fühlt. Doch wenn der Magen Probleme hat, stehen Tür und Tor sperrangelweit offen. Die Kälte klopft noch nicht einmal an. Sie steht plötzlich in der Küche, bereitet sich einen Tee zu, setzt sich wie selbstverständlich auf das Sofa, legt die Füße hoch und verrichtet ihr unheilvolles Werk.

Das Ende vom Lied

Binnen Minuten begannen meine Beine stark zu zittern, und das war dann auch schon das Ende vom Lied. Eigentlich weiß man um das Aus und zieht es dann noch künstlich in die Länge, um sich und anderen besser in die Augen sehen zu können. Doch ich hatte mit meiner Frau auch immer die Vereinbarung, dass es zu Ende ist, wenn es zu Ende ist. Kein Ausdehnen bis zur letzten, möglichen Sekunde.
Vor einigen Jahren ertrank ein Schweizer Triathlet wenige Kilometer vor der Französischen Küste. Noch einmal schwamm ich wieder an und konnte das Zittern meiner Beine kaum von einem richtigen Beinschlag unterscheiden. Ich änderte die Richtung und schlug mit der flachen Hand gegen das Boot.
Aufgeben ist nie ein heroischer Moment. Man kann es schönreden und mit Vernunft rechtfertigen, doch diese eine Sekunde schlägt eine Kerbe ins Herz, deren Ausmaß man erst später erkennt. Ich wusste, dass ich an diesem Tag niemals nach Frankreich kommen würde und entschloss mich, es zu beenden.
Ich war erschüttert über die Geschwindigkeit, mit der mein Körper vom Kanal und der Kälte wie von einer gierigen Hyäne ausgeweidet wurde. Es war kein langsamer und sanfter, sondern ein schneller und tiefer Fall.

Ein durchgekautes Menschenkind

Auf dem Boot stellte ich fast augenblicklich das Ausmaß der „Zerstörung“ fest und rannte zur Reling wie ein Verdurstender zur Wasserstelle. Der Kanal spülte alles von mir und meinem Versuch emotionslos auf die wellige See hinaus. Ich verstand, dass ich für ihn nur ein weiteres, unbedeutendes Menschenkind gewesen war, das er durchgekaut und wie einen geschmacklosen Kaugummi ausgespuckt hatte.
Man legte Decken um mich und bettete mich vor der Kabine auf einem kleinen Aufbau. Ich erhielt einen Eimer, den ich bis zur Rückkehr in den Hafen auch rege benutzte. Ich unterschied mich in diesem Augenblick wohl nicht wirklich von den vielen anderen, die es geschafft oder auch nicht geschafft hatten. Denn so lässt er einen zurück: unterkühlt, ausgemergelt und mit dem Wissen, dass man seine Gnade nur erbitten und nicht erzwingen kann.
Schlussendlich spielt es keine Rolle, ob man nun die schnellste erste Hälfte des Jahres geschwommen ist. Es ist belanglos, ob der nächste Tag besser gewesen wäre. Es bringt nichts, sich in Diskussionen zu verlieren, was man anders hätte machen sollen.

"Frankreich wartet auf dich"

Die in den USA lebende Neuseeländerin Kimberly Chambers sagte es mir am nächsten Tag mit Tränen in den Augen: „Du musst Dir Frankreich vorstellen, wie ein Weihnachtsgeschenk. Es ist jetzt immer noch da und wartet dort drüben auf dich!“
Ich kenne Menschen, die versuchten 13 Jahre lang, den Kanal zu durchqueren. Ich weiß nicht, ob ich selber diese Geduld und Leidenschaft so lange aufrechterhalten könnte. Doch eines ist klar – der Kanal ist und bleibt in meinem Kopf – und wir werden uns wieder sehen.

Nur ein vorläufiges Ende?

Es ist eine Leidenschaft, die man nicht erklären kann. Ich habe mir viele Worte für den Ausgang überlegt und dabei immer an beide Möglichkeiten gedacht. Hier endet diese Geschichte nun vorläufig. Es gibt leider kein: „Morgen versuchen wir es gleich nochmal!“ Es gibt jetzt nur das Warten auf das nächste Jahr und die nächste Schwimmsaison, wenn sich die „Verrückten“ wieder im Hafen von Dover versammeln, um ihren gemeinsamen Traum zu leben – und wer weiss, vielleicht werde ich ja einer von ihnen sein.
Ich blicke zurück und doch nach vorne. Es gibt kein Bereuen, kein Verzagen. Wir verlieren nur, wenn wir nicht wagen. Wir leben mit unserem Körper, doch träumen und fühlen mit unserer Seele. Freiheit und Glück werden uns nicht geschenkt – doch wir können sie finden, wenn wir aufbrechen um sie zu suchen. Wir teilen eine Passion, die mehr Menschen zuteil werden sollte. Wir schweben schwerelos in dem Element, aus dem das Leben selbst einst entstiegen ist und das uns schon im Mutterleib beschützend umhüllt hat.
Wo auch immer ihr auf dieser Welt gerade seid – ich wünsche Euch allzeit schnelles Wasser und: „Never stop dreaming!“
Ich hoffe unsere Wege kreuzen sich im WWW – dem Word Wide Water,
Euer Bruno

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