Schon als kleiner Junge war Bruno Baumgartner vom Freiwasser fasziniert.

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Bruno Baumgartner

Heute triniert der Schweizer für eine Überquerung des Ärmelkanals.

Mariana Sommer / privat

Bruno Baumgartner
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Open Water | 23. Mai 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Faszination Open Water

Bruno Baumgartner | Schon als kleiner Junge war Bruno Baumgartner vom Freiwasser fasziniert. Heute bereitet sich der 41-Jährige auf eine Überquerung des Ärmelkanals im September vor. In seinem neusten Blogbeitrag schreibt der Schweizer von seiner Liebe zum Wasser und warum Algen kein Grund zum Angst haben sind.
Liebe swim.de-Freunde,
heute möchte ich einmal für das Freiwasser, von Freunden der Anglizismen liebevoll auch „Open Water“ genannt, eine Lanze brechen. Keine Angst, ich will niemandem das Schwimmen im Becken vermiesen. Aber Hand aufs Herz – hättet Ihr als Baby die Wahl gehabt, neun Monate lang in der natürlichen Umgebung des Fruchtwassers Eurer Mutter oder in einem 30 x 30 Zentimeter großen rechteckigen Betongefäß gefüllt mit Chlorwasser zu verbringen – wie hättet Ihr entschieden? Es freut mich, dass Ihr diesem unfassbar unsinnigen Vergleich zustimmt und die natürliche Variante gewählt hättet.
Meine Affinität zum Open Water entstand wohl in frühester Kindheit, als ich noch gar nicht ohne Hilfe schwimmen konnte. In den Sommerferien fuhren wir fast immer nach Frankreich oder Spanien ans Meer. Dabei wurde mit mir so einiges angestellt, was heutigen Eltern Angstschweiß auf die Stirn und Tränen in die Augen treiben würde. Nur mit Schwimmflügeln und hellem Blondschopf bewaffnet nahm man mich mit ins Meer und warf mich über oft meterhohe Wellen kurzerhand hinweg. Von diesem Spiel konnte ich gar nicht genug kriegen. Als Jahre später 5 Meter hohe Wellen auf die Küste von Frankreich zurollten, waren mein Vater und ich zum Leidwesen der Strandaufsicht fast die einzigen im Wasser.
Oft vermisse ich heute den natürlichen und unbeschwerten Umgang mit diesem herrlichen Element. Ab und zu frage ich Wettkampfschwimmer nach einer möglichen Teilnahme an einem Open-Water-Event. Die Antwort ist fast immer dieselbe: „Ach nein, das ist nichts für mich.“ Fragt man nach, warum das so sei, erhält man die herrlich aussagekräftige Antwort: „Ach, mir ist das Becken lieber.“ Das ist natürlich ein schwer wiederlegbares und sehr gut gestütztes Argument. Oft ist es die Tiefe oder das Unbekannte, das auch sehr gute Schwimmer davon abhält, ins Freiwasser zu gehen.
Bei vielen Wettkämpfen lese ich in der Ausschreibung Angaben über die Tiefe des Kurses. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wozu diese Information gut sein soll? Mich interessiert das nur dann, wenn ich Angst haben muss, mir beim Schwimmen die Knie oder Schlimmeres aufzuschürfen. Ob nun 20 oder 2.000 Meter unter uns liegen, macht höchstens auf psychologischer Ebene einen Unterschied, denn wir sehen ja nicht bis zum Grund. Im See beträgt die Sicht wegen der vielen Schwebeteilchen oft nur 2 bis 3 Meter oder weniger. Vermutlich entsteht diese Angst in der Kindheit. Wer von uns hat nicht immer wieder die Warnung vor dem „tiefen“ Wasser gehört? Und später sollen wir genau das tun, wovor man uns immer gewarnt hat? Ist das nicht gefährlich? Man sagt, Wasser habe keine Balken, und das bestätigt sich leider allzu oft, wenn Menschen ertrinken. Liest man jedoch die traurigen Statistiken, so stellt man fest, dass die Tiefe des Wassers kaum eine relevante Rolle zu spielen scheint.
Oft sind mangelnde Vorsicht, Alkohol, Dummheit oder einfach Schicksal weit entscheidendere Faktoren. Ich kann gar nicht zählen, wie oft mich schon jemand fragte: „Was ist, wenn Du im See einen Krampf bekommst?“ (Was ich übrigens früher mehrmals hatte.) Ich diskutierte diesbezüglich schon mit jemandem von der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft. Ich erhielt die Antwort, dass sich ein guter Schwimmer dann auf den Rücken dreht, flach atmet um nicht unterzutauchen und einfach abwartet und dehnt, bis der Krampf vorbei ist.
Hier einige wichtige Tipps für das Verhalten im Freiwasser: Informiert Euch über das Gewässer! Schwimmt wenn möglich mit einem Begleitboot oder in der Gruppe! Sagt jemandem, wo Ihr seid! Tragt immer eine Badekappe mit einer auf weite Distanz gut sichtbaren, hellen Farbe! Und vielleicht am aller, aller wichtigsten – schwimmt Euren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechende Gewässer und Strecken! Gesunder Menschenverstand ist dabei ein gerne gesehener Begleiter.
Gerade bei Frauen ist es oft der Einstieg in ein Gewässer, der Probleme bereitet. Da braucht es nur eine klitzekleine, glitschige Alge, die das Bein berührt, und Jesus ist beim „Übers Wasser laufen“ in bester Gesellschaft. Bitte, liebe Männer, helft ihnen einen Einstieg zu finden, dessen Untergrund aus Sand oder Steinen besteht. Und bitte, liebe Frauen: „Algen sind nur Pflanzen, die unter Wasser wachsen!“ Ein kleines, psychologisches Spiel kann Euch vieleicht helfen. Stellt Euch einfach vor, Ihr helft Eurer besten Freundin bei der Gartenarbeit und diese kommt plötzlich schreiend und mit vor der Brust verkrampften Armen zu Euch gerannt. Auf die Frage, was denn passiert sei, antwortet sie mit geweiteten Augen: „Eine Geranie hat mich gerade am Bein berührt!“ Mit diesem Gedanken lauft Ihr dann ohne Probleme und mit einem breiten Grinsen heroisch in das Gewässer hinein.
Wem die Temperatur des Wassers zu schaffen macht, der sollte sich am besten einen speziellen Schwimmneoprenanzug zulegen. Letzten Sommer traf mich fast der Schlag, als mich eine Mutter fragte, ob ich kurz den Neoprenanzug ihrer Tochter beurteilen könne. Sie wolle nächste Woche nämlich an einem Triathlon die 3-Kilometer-Schwimmstrecke bewältigen. Das Mädchen trug einen Surfanzug, der noch dazu drei Nummern zu groß für sie war.  Was soll man dazu noch sagen?
Der Neoprenanzug ist, wie wir alle wissen, der heilige Gral der Triathleten. Man soll schon Rituale beobachtet haben, in denen er götzengleich angebetet wurde: „Gepriesen sei dein Auftrieb, geheiligt werde dein Kälteschutz in alle Ewigkeit!“ Das schlägt jetzt nicht etwa in Propaganda gegen den Neoprenanzug um. Ich benutze ihn selber ab und zu bei gewissen Wettkämpfen, wo das Tragen freigestellt ist. Es wäre doch Unfug, dem Gegner den signifikanten Geschwindigkeitsvorteil von bis zu 10 Sekunden pro 100 Meter zu schenken. Aber auch eingefleischten Neoprenschwimmern möchte ich den Rat geben, die Wurstpelle einfach mal zu Hause zu lassen. Tauscht die künstlich erzeugte, gute Wasserlage doch wieder einmal mit dem herrlichen Gefühl, wenn kühles Wasser über jeden Muskel Eures Körpers streicht und Ihr nicht mehr wie ein Korken auf dem Wasser treibt. Das Trainieren ohne Neoprenanzug wird Euch im nächsten Wettkampf doppelt und dreifach zu Gute kommen und der Neo gibt Euch nur noch dieses kleine Quäntchen extra Speed.
Sind alle Ängste einmal überwunden, dann wartet auf Euch ein wundervolles Erlebnis. Ihr werdet feststellen, dass Wasser nicht gleich Wasser ist. Es kann sich anders anfühlen, anders aussehen und sogar anders riechen. Eine kleine Motivation könnte folgende Information sein: Gechlortes Wasser ist absolut geruchlos. Der typische Chlorgeruch in Schwimmbädern entsteht erst dadurch, dass sich das Chlor im Wasser mit menschlichen Ausscheidungen bindet. Je stärker also der Chlorgeruch, desto… das überlasse ich jetzt einfach mal Eurer Fantasie.
Wasser im See oder Meer kann wie eine Geliebte sein - sanft und liebevoll in der einen, temperamentvoll und launisch in der anderen Sekunde. Aber gerade das macht es so faszinierend und anziehend. Du kannst heute 3 Kilometer in 39 Minuten schwimmen und benötigst eine Woche später für exakt dieselbe Strecke vielleicht über 46 Minuten. Oft erzeugt schon ein sanfter Wind eine Oberflächenströmung, die dir helfen oder gegen Dich arbeiten kann. Open-Water-Schwimmen ist vielleicht von der Art her etwas vergleichbar mit dem Bergsteigen. Eins sein mit der Natur in Kombination mit einem Element, das die Sinne betört und dich schwerelos dahingleiten lässt. Keine Droge der Welt kommt dagegen an!
Die Faszination erschließt sich einem aber nicht aus Erzählungen anderer – man muss sie selber fühlen und erleben. Ich hoffe, ich konnte heute den einen oder anderen dazu bewegen, sich dieser faszinierenden Sportart etwas zu nähern.
Bis demnächst,
Euer Bruno

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