26,4 Kilometer legte Bruno Baumgartner im Zürichsee zurück.

Michael Jeker / X4CROSS

26,4 Kilometer legte Bruno Baumgartner im Zürichsee zurück.
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Open Water | 10. August 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Extreme 26,4 Kilometer im Zürichsee

Bruno Baumgartner | Als Test für seine geplante Ärmelkanalüberquerung im September ging Bruno Baumgartner vor rund einer Woche beim Marathon-Schwimmen im Zürichsee an den Start. 26,4 Kilometer und viele Schmerzen später war er um wichtige Erfahrungen reicher – diese teilt der Schweizer in seinem neusten Blogbeitrag.
Liebe swim.de Freunde,
es gibt Augenblicke im Leben, die man verflucht und die man am liebsten durch den großen „Du-kannst-nicht-Teil-meines-Lebens-sein-Schredder“ jagen würde! Einen solchen Moment hatte ich letzten Freitag im Training, als mir bei einem Sprint plötzlich ein stechender Schmerz wie ein Feuerstrahl durch die linke Schulter jagte und mich augenblicklich zum Stillstand brachte. Es war nicht einer jener Mikro-Susi-Schmerzen, die man mit einer großen Träne in den Kulleraugen und einem gehauchten „hat-Aua-gemacht“ quittiert. Es war vielmehr einer jener Einschüsse, der einen automatisch an diese traumatischen CSI-Szenen erinnert, wo man als Zuschauer plötzlich im Körperinneren des Opfers sieht, welchen Schaden ein eindringendes Projektil oder Messer anrichtet.

Etwa so sah ich vor meinem geistigen Auge eine Sehne reißen, einen Knorpel spalten – oder was auch immer bei einer solchen Misere passieren mag. Nur mit einem Arm ruderte ich zurück zum Beckenrand, und fast augenblicklich wurde mir schlecht. Nur noch eineinhalb Tage bis zum entscheidenden 26,4 Kilometer langen Zürichsee-Marathon – und der Traum schien gerade geplatzt zu sein.

Weißkittel-Verweigerung

Ich versuchte es mit sanften Dehn- und Lockerungsübungen, konnte aber unmöglich weiter schwimmen. Ich muss zugeben, ich habe es nicht so mit Ärzten und bin zum Glück auch selten krank. Seit ich Sport treibe, ist es noch schlimmer geworden. Wie wohl jeder Sportler fürchte ich mich vor dem üblen Satz, der unheilvoll und scheinbar mit Donnerhall aus dem Mund des „Weißgekittelten“ dringt: „Sie müssen sich mindestens x Tage schonen!“ Die Diagnose höre ich meist gar nicht erst. Diese scheint von einer Art atmosphärischem Rauschen überdeckt zu sein. Erst bei „…Sie müssen sich…“, klinkt sich mein Gehirn langsam wieder ein. Ich erträume mir dann den guten alten „Dr. McCoy – alias Pille“ aus dem originalen Raumschiff Enterprise und sein Medkit, mit dem er eben mal über den Körper des Patienten hin- und herfährt und so einen Phasertreffer heilt.

Im Wissen, dass das wohl ein Traum bleiben würde, rief ich einen guten Freund an, und der organisierte mir knappe vier Stunden später einen Notfalltermin bei einem top Chiropraktiker, der unter anderem auch Spieler des Schweizer Fussballclubs YB betreut. Dieser schloss zuerst ganz schlimme Dinge aus und vermutete eine Zerrung im rein muskulären Bereich. Anschließend wurde ich gelasert, getapet, unter Strom gesetzt und medikamentös eingestellt. Als ich die Praxis gegen 17.00 Uhr schließlich wieder verließ, fühlte ich mich verunsichert und schwach. Bis dahin hatte mich mein Körper noch nie so „im Stich“ gelassen – und ausgerechnet vor dem zweitwichtigsten Event des Jahres gab er den Geist auf? Aber ich musste mich mit der Tatsache abfinden. Wir hatten alles getan, um den Start am Sonntag zu ermöglichen, und erst der Kontakt mit dem Wasser würde zeigen, was die Behandlung kurzfristig gebracht hatte. Es mag zwar keine Wunder geben, aber auch kein Verbot, auf eines zu hoffen.

Trügerischer Tagesbeginn

Als am Sonntag der Wecker um 4:30 Uhr klingelte, hätte ich ihn am liebsten aus dem Fenster geschmissen. Hinter mir lag eine fast schlaflose Nacht in einem viel zu warmen Zürcher Hotelzimmer. Wortkarg machten sich meine Frau und ich auf den Weg zum Startplatz, wo wir uns mit meinem lieben Freund und Supporter Michael Jeker trafen. Er wollte mich gerne an diesem Event für den Verein X4CROSS begleiten, bei dem ich auch stolzes Ehrenmitglied bin. Es regnete zwar leicht, aber ein Blick auf den Zürichsee ließ weder Wind noch Wellen erkennen. Spiegelglatt lag er da, als wolle er die Schwimmer in Sicherheit wiegen.

Zürichsee Marathon
Begehrte Startnummer
©Michael Jeker / X4CROSS
Begehrte Startnummer
Wenig später hatten wir unseren Bootsführer gefunden und ihm die am Tag zuvor bereits abgeholten Nummern aus der Starter-Tasche überreicht. Und dann war er wieder einmal da, dieser knisternde Augenblick kurz vor dem Start. Viele Schwimmer zogen sich bereits aus und fetteten sich ein oder machten Aufwärmübungen, während ich immer noch bekleidet und mit nicht nur leicht zusammengekniffenen Lippen verzweifelt eine Toilette suchte. Irgendein Wirkstoff im Entzündungshemmer hatte schon am Tag vorher alle Nahrung im Schnelldurchlauf in Biomasse verwandelt, deren Viskosität ich hier nicht näher beschreiben möchte.

Eile in der Not

Um das Fischreich im Zürichsee oder nachfolgende Schwimmer nicht zu belasten, musste ich sechs Minuten vor dem Start eine Lösung finden. Emanzipation ist eine feine Sache! Aber dass sich vor dem Männerklo plötzlich eine Schlange bildet, während das Damenklo unbenutzt und quasi seiner Daseinsberechtigung enthoben vor sich hin wartet, geht definitiv zu weit. Die Angst vor einem schrillen „Raus hier du Wüstling“ war schnell überwunden und das Problem im wahrsten Sinn des Wortes „gelöst“.

Ihr denkt, diese Schilderung sei unpassend oder unwichtig? Versucht mal zu schwimmen und dabei Eure „Nahrungsverwertungsendausscheidungstraktverschlussklappe“ im Griff zu halten. Ich bin einmal so ein 1.1-Kilometer-Rennen geschwommen und will das kein zweites Mal erleben! :-)

Rasch in der Garderobe die Schwimmkleider anziehen, und schon folgte in der Hektik auch gleich der Klassiker aller Anfängerfehler. Ich hatte meine Hals- und Achselpartie ohne Handschuhe mit Vaseline eingerieben und stand jetzt mit fettigen Händen aber ohne Schwimmbrille und Kappe da. Natürlich weiß ich, dass das umgekehrt ablaufen muss, denn wenn man Fett an die Schwimmbrille schmiert, sieht man die folgenden Kilometer einfach alles durch einen trüben Schleier. Mit Hilfe meiner Frau schaffte ich es trotzdem irgendwie beides anzuziehen, und nur kurz darauf wies der Starter uns auch schon an, ins Wasser zu gehen.

Start in Rapperswil

Zürichsee Marathon
Startbereich in Rapperswil
©Michael Jeker / X4CROSS
Startbereich in Rapperswil
Viele der Soloschwimmer hatten sich richtig dick mit Fett als Kälteschutz eingeschmiert, und ich fragte mich, ob mich die Wassertemperatur erschrecken würde? Doch zu meiner Verwunderung fühlte es sich sehr gut und warm an. Aber das könnte sich eventuell nach 10 Kilometern durchaus ändern.
Nach einer bangen Minute des Countdowns erklang endlich um 07:00 Uhr das Startsignal, und alle starteten, ganz im Gegensatz zu einem Drei-Kilometer-Rennen, relativ gemütlich. Als ich meine ersten Armzüge machte, erwartete ich schon diesen stechenden Schmerz in der Schulter. Doch zu meiner großen Freude und Verwunderung blieb er völlig aus.

Die Boote warteten etwa 100 Meter vor dem Hafen und hatten die Aufgabe, ihren Schwimmer anhand der Nummer auf der Kappe zu suchen. Wir mussten dagegen einzig und alleine auf die erste Landzunge zuschwimmen und uns finden lassen.

Bammel um das Begleitboot

Zürichsee Marathon
Bruno und sein Team
©privat
Bruno und sein Team
Erst schwamm ich noch in einer kleinen Gruppe, die sich aber langsam auflöste, weil jeder Schwimmer nach und nach sein Boot fand. Doch plötzlich war ich alleine – ohne Boot. Ich machte mir keine wirklichen Sorgen, denn schließlich konnte es für die Bootsführer nicht einfach sein, in diesem Gewusel den richtigen Schwimmer zu finden. Zu Gunsten der Zeit verzichtete ich auf eine aktive Suche und schwamm einfach ruhig meinen Kurs auf die sechs Kilometer entfernte Landzunge bei der Ortschaft Kehlhof zu. Doch nach 30 Minuten wurde ich langsam unruhig. Bald wäre schon der erste Verpflegungsstopp fällig. Was, wenn ein Motorschaden das Boot am Losfahren gehindert hatte? Aber sicher wäre inzwischen eines der Schiedsrichterboote zu mir gestoßen, um mich aus dem Wasser zu fischen!?

Das Wasser fühlte sich samtig weich und glatt an. Es wäre schade gewesen, diese ruhigen Meter mit einer Suche zu verschwenden. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte sich endlich ein Motorboot links neben mich, und ich erkannte Michael mit etwas sorgenvoller Miene. Wir gaben uns kurze Zeichen, dass alles o.k. sei, und dann war das Team auf Kurs.

Eine Schwimmersalami zwischen Brotscheiben aus Wasser

Doch nach eineinhalb Stunden und einigen Essensstopps bezogen die Elemente Stellung gegen uns. Heftige Regengüsse, Wind, Strömung und Wellen machten uns das Leben schwer. Ich fühlte mich wie eine Scheibe Schwimmersalami zwischen zwei Brotscheiben aus Wasser im Sandwich der Elemente. Wasser von unten und ein Wasservorhang von oben – das Atmen wurde schwierig, und ich musste die Rotation deutlich verstärken, um nicht auch noch mehr Wasser im Körperinnern anzureichern.

Die Mannschaft auf dem Boot hatte inzwischen zum Schutz eine Art Pavillon  aufgebaut, und ich fragte mich, wer von uns wohl den übleren Job erwischt hatte. Ich hatte mit Michael vereinbart, dass er mir erst dann sagen sollte, dass die Hälfte geschafft sei, wenn diese schon vorüber wäre. Leider wusste ich vom Studium der Karte, dass dieser Punkt in etwa der Fährübergang bei Meilen sein würde. Dieser liegt ziemlich exakt bei Kilometer 14. Immer wieder blickte ich nach vorne, aber Meilen schien immer noch meilenweit entfernt. „Welch ironisches Wortspiel!“, dachte ich müde.

Schmerz statt Flow

Immer wieder veränderte ich meinen Schwimmstil, weil sich jetzt doch langsam ein alter Bekannter zu unserer illustren Runde hinzu gesellte – der Schmerz. Normalerweise schwimmt man sich durch den Rhythmus in eine Art „Flow“ und klinkt sich mit den Gedanken irgendwie aus. Doch ich hatte das Gefühl, dass diese Gleichmäßigkeit sich Stück für Stück tiefer ein meine Gelenke, Sehnen und Muskeln einfressen würde. Daher wechselte ich die Frequenz, die Art des Armzuges und baute sogar Elemente aus dem Techniktraining mit ein. Doch in der Folge blieb der entspannende „Flow“ völlig aus, und mein Kopf schlug Purzelbäume vor lauter Monotonie.

Ich sah vor uns ein paar Boote und sagte dem Bootsführer, er solle mich auf diese zu navigieren. Dabei war es mir vollkommen egal, ob es Staffelschwimmer oder Schwimmer derselben Altersklasse waren. Ich wollte mit dieser „Verfolgungsjagd“ einzig und alleine eine Beschäftigung für meinen Kopf haben. Das klappte eine Weile recht gut und ich glaube wir ließen so drei Boote hinter uns. Das vierte war dann definitiv zu schnell für mich, und ich musste schweren Herzens erneut einen (nicht auf der Doping-Liste stehenden) Entzündungshemmer nachwerfen, um nicht halb verrückt zu werden.

Beischlaf mit dem Teufel

Als ich den Film Kanalschwimmer sah und hörte, wie Christof Wandratsch wütend eine Tablette verlangte, dachte ich noch, dass ich so etwas nie tun würde. Aber eins war mir absolut sonnenklar – ohne den Zürichsee als mentale Stütze im Gepäck zu haben, müsste ich in einem Monat überhaupt nicht nach Dover reisen. Ich brauchte diese Bestätigung unbedingt! Ansonsten wären zweieinhalb Jahre harte Arbeit wohl im Eimer gewesen. Über Sinn, Unsinn und dass das sicher viele tun, brauchen wir hier nicht zu diskutieren. Auch wenn der Arzt sie dir verordnet hat und die Mittel legal sind, es bleibt ein „Beischlaf mit dem Teufel“, vollkommen rein verlässt du die Laken dabei nicht.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das einfach weglassen soll? Aber ich war bis dahin immer ehrlich zu Euch – und sehe keinen Grund, das zu ändern! Ich hoffe inständig, ich komme nie wieder in diese Situation. :-)

Schulter-Inferno und Tränen

Als die Hälfte endlich geschafft war, ging plötzlich gar nichts mehr. Das Feuer in meinem Herzen war durch 14 Kilometer Wasser gelöscht worden. Nach etwas Brustschwimmen zur Lockerung stoppte ich plötzlich unplanmäßig, und augenblicklich wüteten heftige Krämpfe parallel zum Schulter-Inferno in beiden Unterarmen. Ich blickte zum Boot und sah lauter besorgte Gesichter. Wisst ihr: Eine verspiegelte Schwimmbrille hat viele wichtige Funktionen, die der Hersteller minutiös geplant und umgesetzt hat – doch eine winzige Kleinigkeit erfüllt sie völlig nebenbei. Sie verdeckt den Blick auf Tränen der Wut, Trauer und Scham darüber, dass man gleich die Hand heben und aufgeben wird.

Ich würde Euch jetzt gerne von einem heroischen Augenblick berichten, in dem ich eine donnernde innere Stimme hörte, die mich weiter vorantrieb, doch nichts dergleichen geschah. Ohne Motivation und ohne Hoffnung schwamm ich plötzlich einfach weiter. Ich rechnete fest damit, dass die zuckende Muskulatur mir  nach wenigen Metern Einhalt gebieten würde und ich so wenigstens anführen könnte, es noch versucht zu haben. Doch Zug für Zug ging vorüber – und die Krämpfe wurden schwächer und verschwanden schließlich ganz.

Ich fühlte ein unglaublich hohes Energielevel in mir, und ich glaube, in diesem Moment habe ich das Leiden akzeptiert und erkannt, dass meine Schwäche doch einzig und alleine von der Verletzung im Training herrührte. Es gibt wohl nichts Frustrierenderes, als wenn du Power ohne Ende hast, sie aber schmerzbedingt nicht auf das Wasser übertragen kannst.

Tempo bei Sonnenschein

Zürichsee Marathon
Wichtige Verpflegung
©Michael Jeker / X4CROSS
Wichtige Verpflegung
Essenspause um Essenspause ging vorüber, und die Gedanken ans Aufgeben wichen wie Nebelschwaden den Sonnenstrahlen. Irgendwie kam der Rhythmus wieder zurück und mit ihm das Tempo. Und gegen Zürich hin begann sogar unterstützend die Sonne etwas zu scheinen. Mehrmals driftete ich viel zu weit gegen das Ufer zu und Michael musste mich immer wieder zum Boot heran winken. Ich dagegen war der festen Überzeugung, das Boot würde sich von mir entfernen.

Und so kam es dann auch, dass wir uns kurz vor dem Ziel viele herzliche Sätze zubrüllten, deren exakten Wortlaut ich hier aus Rücksicht auf die jüngeren Leser nicht wiedergeben möchte. Plötzlich tauchte knapp hinter mir auch noch ein Boot auf, und ich geriet in Panik. So kurz vor dem Ziel wollte ich nicht noch einen Platz verschenken. Tatsächlich fand ich noch die Kraft für eine Tempoverschärfung und steuerte schnurgerade auf das Ziel mit den bunten Luftballons zu. So dachte ich zumindest, denn Michael faltete mich gehörig zusammen und meinte ich solle „...piep“ nochmal endlich näher zum Boot kommen, während ich gehässig zurückbrüllte, wo denn „ver…piep“ nochmal dieses „sch…piep“ Ziel sei!?

Ein Leben nach dem Schmerz

Zürichsee Marathon
Umarmung im Ziel
©Michael Jeker / X4CROSS
Umarmung im Zielbereich
Es ist kaum vorstellbar, wie weit 200 Meter nach acht Stunden schwimmen noch sein können. Doch irgendwann stieg ich eine Treppe hoch und stand auf einem Steg. Jemand hängte mir eine Medaille und einen „Blumenkranz“ um den Hals, und ich war mir nicht sicher, ob ich das wirklich erlebte oder halluzinierte. Ich umarmte eine Frau, die sich anfühlte wie die meine, gab ein Interview ohne zu wissen, was ich sagte und machte ein Gruppenfoto mit Michael und den beiden Bootsführern, ohne meine eigene Anwesenheit wirklich zu fühlen.

Mit acht Stunden und acht Minuten erreichte ich Rang vier bei den Masters – und das war wohl mitunter das Nebensächlichste der Welt. Ich hatte heute inmitten des Zürichsees eine neue Lektion gelernt: Es gibt ein Leben nach dem Schmerz. Ich stieg verletzt in den See und gestärkt wieder hinaus.

Trotzdem fühle ich mich heute verletzlicher als je zuvor.  Diesen Blog widme ich den drei Menschen, die mich durch einen Ozean aus Schmerz begleitet haben: den beiden Bootsführern Markus und Roland und meinem lieben Freund Michael. Ohne Euch hätte ich das nie geschafft – Danke!!!

Bist demnächst,

Euer Bruno

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