26,4 Kilometer - Ist doch eigentlich gar nicht so weit, oder?

Jessica Leibenguth

Bruno Zürichsee
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Open Water | 16. August 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Es kommt nicht nur auf die Länge an!

Bruno Baumgartner | Der Zürichsee-Marathon gehört zu den traditionsreichsten und familiärsten Freiwasser-Schwimm-Events der Welt. So etwas lässt sich Bruno Baumgartner natürlich nicht entgehen. Begleitet von drei zuvorkommenden Assistentinnen meistert er die läppischen 26,4 Kilometer. Nur auf den letzten 500 Metern beschleichen ihn merkwürdige Gedanken.
Wenn man schon Anfang Saison über 38 Kilometer schwimmt, dann wird man nicht zwingend arrogant, doch das Selbstvertrauen nimmt „leider“ schon exponentiell zu. Als ich vorletzten Sonntagmorgen sechs Uhr morgens am Zürichseeufer stand und auf seine regengeschwängerte Oberfläche blickte, ertappte ich mich kurz bei dem Gedanken daran, dass 26,4 Kilometer ja gar nicht so weit sind. Und selbst wenn dieser Gedanke nur einen winzigen Bruchteil des Geschlechtsaktes zweier in diesem Bereich durchschnittlich begabter Stubenfliegen dauerte, hätte man mich dafür emotionslos ins Gesicht schlagen sollen! Dicht gefolgt von einem freundlichen Nicken und dem herzerwärmenden Satz: „Das ist doch gern geschehen!“

Ehre den Supporterinnen

Jedes Gewässer und jedes Rennen bietet neue Herausforderungen. Und der größte Fehler, den ein Schwimmer machen kann, ist diese auf Grund der reinen Distanz zu unterschätzen. Meine Gedanken schweiften zurück zum letzten Jahr, als ich beim gleichen Rennen die Schmerzen meines Lebens ertragen musste. Doch dieses Mal hatte ich keine Schulterverletzung und alle Ampeln standen auf "Grün". Endlich lernte ich auch meine drei aufgestellten Begleiterinnen, Ricarda, Jessica und Jris, kennen. Bootsführerin Jessica hatte mir am Vortag, kurz vor dem obligatorischen Briefing für die Schwimmer, schon einen mächtigen Schrecken eingejagt. Sie teilte mir mit, dass sie sich gerade mitten auf dem See befände und der Motor des Boots nicht mehr laufen würde. Die Gebissabdrücke im Lenkrad meines Wagens zeigen heute noch deutlich, wie mich diese Nachricht aufgewühlt hat. Doch das war jetzt Schnee von gestern und die drei hatten es mit laufendem Motor in völliger Dunkelheit und Regen ohne größere Probleme von Männedorf nach Rapperswil zum Start geschafft. Die Leistung der Bootsführer wird bei solchen Anlässen viel zu wenig honoriert. Diese Leute stehen oft schon drei Uhr auf, fahren über den halben See zum Startgelände, verbringen dann zwischen sechs und zwölf Stunden bei jedem Wetter und meist ohne Toilette auf dem Wasser, um schließlich am Abend noch weite Strecken zurück nach Hause fahren zu müssen. Und das alles nur, um einem Haufen Verrückter dabei zuzusehen, wie sie sich mit rund 20.000 Armzügen durch einen See quälen, auf dem es unfassbar bequeme Kursschiffe gäbe. Aber wie sagte schon Mutter Theresa: „Ihr müsst nicht immer alles verstehen, was ich tue - aber es wäre nett, wenn ihr es akzeptiert!“ – oder war das Chuck Norris? Manchmal verwechsle ich die beiden.

Wenn die Welt zusammenrückt

Nach einem netten Frühstückchen des Sri Chinmoy Marathon Teams und dem Beladen des Bootes stand ich nun vor dem Gebäude der Badeanstalt und sog die internationale Atmosphäre in mich auf. Es ist herrlich, dem oft hektischen Treiben mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit zusehen zu können. Gesprächsfetzen auf Englisch und Spanisch waren ebenso zu vernehmen, wie breitester Zürcher-Dialekt. Der Zürichsee-Marathon ist wirklich international bekannt und sogar Schwimmer aus Australien reisen jedes Jahr extra dafür an. Es wurden Brillen geputzt, Körper eingefettet und letzte Vorbereitungen getroffen. Und in all dem Getümmel traf ich endlich auch Mathias Kassner, den ich schon am Ärmelkanal in Dover kennenlernen durfte und mit dem ich seitdem in Kontakt stehe. Es ist schön, wie die Welt bei solchen Schwimmevents zusammen rückt und man immer wieder bekannte Gesichter sieht. Der kleine Schwatz tat gut und lenkte mich zumindest ein bisschen ab. Doch schon wenige Minuten später rief man uns ins erstaunlich warme Wasser und leitete die bei Sri Chinmoy übliche Schweigeminute vor dem Start ein. Die Athleten sollen sich dadurch noch einmal mental auf den bevorstehenden Wettkampf einstimmen. Jeder Start ist Anspannung und Entspannung zugleich. Auf der einen Seite startet der lang ersehnte Wettkampf und auf der anderen Seite beginnt eine neue Anspannung mit bangen Fragen wie: „Läuft alles rund? Kann ich meine Ziele erreichen? Werde ich Schmerzen haben?“

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