Der Strand von Dover ist Startpunkt für Kanalschwimmer aus aller Welt – und so gut besucht wie manch ein Schwimmbad.

Bruno Baumgartner / privat

Der Strand von Dover ist Startpunkt für Kanalschwimmer aus aller Welt – und so gut besucht wie manch ein Schwimmbad.
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Open Water | 12. September 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Endlich in Dover

Bruno Baumgartner | Nach zwei Jahren Vorbereitung ist Bruno Baumgartner am Samstag dort angekommen, wo er sein wollte: in Dover. Sein Herausforderer, der Ärmelkanal, zeigt ihm zur Begrüßung die 15 Grad kalte Schulter – grünbraun und garstig. In seinem neusten Blogbeitrag berichtet der Schweizer Hobbyschwimmer von einer abenteuerlichen Anreise, einer überschaubaren Unterkunft und der Hoffnung auf wohlgesonnenes Wetter.
Liebe swim.de Freunde,
Brunos Abenteuer live auf swim
 
Seit Samstag bereitet sich Bruno Baumgartner in der britischen Hafenstadt Dover auf sein großes Abenteuer vor: das Durchschwimmen des Ärmelkanals von Dover nach Calais (Frankreich), circa 34 Kilometer. Hierfür wurde dem Hobbyschwimmer von der Channel Swimming Association (CSA) ein Zeitpunkt zwischen dem 18. bis 24. September zugeteilt – abhängig vom Wetter. swim wird den 42-Jährigen bei seinem Abenteuer begleiten und live berichten.
wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das findet hier fast keine Gültigkeit, denn meine Reise war ausnahmsweise sehr ruhig und praktisch ereignislos. Sogar mein ach so verhasstes Fliegen zeigte sich diesmal von der Schokoladenseite.

Von Saftschubsen und Flugbegleiterinnen

Selbst beim Personal der Fluggesellschaft „Leichtdüsenjäger“ waren diesmal nicht „Saftschubsen“, sondern echte, freundliche Flugbegleiterinnen im Einsatz. Natürlich finde ich diesen Begriff ebenso unfassbar abschätzig wie ihr jetzt gerade, aber leider ist es Fakt, dass in dieser Berufsgattung beides existiert.
Durch eine Art evolutionären Prozess und gefühlten 100 Millionen Sicherheitsvorführungen werden gewisse Flugbegleiter leider tatsächlich zu „Saftschubsen“ und verdienen diese Bezeichnung zu Recht. Man erkennt sie sofort an dem maskenartig aufgesetzten Lächeln, dass sie etwas zu früh abschalten, wenn sie sich vom Passagier abwenden. Ihre wohl größte Leistung ist es, sich vor lauter Unmut über die geäußerten Wünsche des Passagiers nicht auf dessen Schuhe zu übergeben. Jeder Handgriff scheint sie fast unüberwindbare Anstrengung zu kosten und man ist geneigt, ihr helfend die Broschüre: „Berufe  können Spaß machen, müssen aber nicht!“, in die Hand zu drücken und ihr freundlich zu sagen: „Sie dürfen dreimal raten, was auf sie zutrifft!“Aber an diesem Tag wurden wir freundlich lachend bedient, und man fühlte sich einfach wohl.
Kurz vor dem Englischen Kanal wälzte ich kurioses Gedankengut über eine mögliche Notwasserung. Ich sah mich in der Fantasie als einzigen mit Badehose, Schwimmkappe und Brille bewaffnet mit einem breiten Grinsen auf den Notausgang zulaufen. Der entsetzten Flugbegleiterin würde ich nur sagen: „Machen sie sich keine Sorgen – das hatte ich sowieso vor!“ :-)  Aber nichts geschah und wir landeten sicher und relativ sanft in London Gatwick.

Wo bitte geht es nach Dover?

Dort offenbarte sich ein weit größeres Problem. Wie findet man den richtigen Zug nach Dover? Tja ich spreche zwar eigentlich recht gut Englisch, doch wenn das Ganze durch eine Glasscheibe getrennt über eine Lautsprecheranlage abläuft und der Mann dahinter nuschelt wie ein Ire nach dem fünfzehnten Guinness, dann gestaltet sich das alles doch etwas schwieriger. Irgendwann sagte ich nur noch „Ja“ und der Mann schüttelte öfters verwundert den Kopf oder frage noch einmal etwas, was ich wieder nicht verstand.
Schließlich schob er eine Fahrkarte unter dem Glas hindurch und verlangte dafür fast ebenso viel, wie ich für den Flug von Basel nach London bezahlt hatte. Kommt es eigentlich sonst noch jemandem komisch vor, dass man mittlerweile für einen Apfel und ein Ei um die halbe Welt düsen kann, aber für eine Zugfahrt von kaum zwei Stunden eine Hypothek auf sein Haus aufnehmen muss?
Der Mann nuschelte etwas, was ich nicht verstand, und ich fragte ihn nach dem Bahnsteig, was er wiederum nicht verstand. Darauf verabschiedete ich mich mit etwas, das er nicht verstand und betrachtete diese Schlacht als gewonnen!
Nach einem lockeren Fragemarathon saß ich irgendwann im Zug nach London Victoria und fand dort schließlich auch den richtigen Anschluss nach Dover. Die Reise dauerte unfassbare zwei Stunden, und ich lernte in dieser kurzen Zeit recht viel über die Bevölkerung, in dem ich die Passagiere beobachtete.

Ein Brathähnchen in der Pampa

Je näher wir Dover kamen, desto grüner und ländlicher wurde es draußen, und im Gegensatz zu London schien hier die Sonne prall vom Himmel. Was hatte man mir da bloß von schlechtem Wetter erzählt?
Hinter dem Fenster des Zugabteils wurde man praktisch wie ein Brathähnchen gegrillt. Ich fragte mich, ob ich wohl auf der falschen Insel gelandet war? Nein, da stand immer noch Dover Priory als letzte Station auf der Anzeigetafel und nicht Palma de Mallorca.
Die Aussicht aus dem Fenster veränderte sich zusehends, und ich möchte ungerne den Begriff „Pampa“ in den Mund nehmen, doch irgendwie hatte ich von der Hafenstadt mit Eurotunnel und Fähranschluss etwas anderes erwartet.
Endlich angekommen marschierte ich mit zwei schweren Taschen direkt zum nächsten Taxistand. Und bitte glaubt mir: Was jetzt geschah, ist keine Erfindung. Voller Vorfreude auf Kundschaft verlud der Fahrer meine Taschen und fragte mich währenddessen nach dem Fahrziel. Ich klaubte mühsam meine Unterlagen aus der Tasche und konnte ihm endlich den Namen „St. Albans Guest House“ angeben. Er sah mich mit einer Mischung aus Verwunderung und Missgunst an und fragte höflich, ob ich nicht lieber laufen wolle? Auf mein verdutztes „Why?“ zeigte er nur mit dem Finger auf die gegenüberliegende Straßenseite und meinte lakonisch: „Weil es gleich dort drüben ist!“
Eigentlich sieht man diese Szene sonst doch nur in schlechten Filmen! Verlegen lud ich die Taschen wieder aus und machte mich schnell mit dem Vorsatz vom Acker, bei der nächsten Reise die Karte etwas besser zu studieren.
Auf mein wiederholtest Klingeln öffnete aber beim erwähntem Guest House niemand die Tür, und ich fragte in meiner Verzweiflung beim nahegelegenen Mitbewerber nach. Der freundliche Herr meinte nur, ach die würden wohl so um 16.00 Uhr öffnen. Es war 15.00 Uhr, mir war unsäglich heiß, meine Arme hatten inzwischen vom Tragen die Länge von Orang-Utan-Armen angenommen, und ich sehnte mich nach einer kühlen Dusche.
Leise fluchtend begab ich mich in den nahegelegenen Pub und sah dort zu meinem größten Erstaunen etwas übergewichtige Damen zu Club Sound Rhythmen elfengleich über das Parkett schweben. Mit meinem Equipment fiel ich sicher gar nicht auf, und als ich an Stelle des obligaten Pub-Bierchens auch noch einen Kaffee bestellte, war ich wohl endgültig als irgendein Dahergelaufener vom Kontinent geoutet.

Achtzig Zentimeter Bewegungsfreiheit

Als ich nach einer Stunde erneut klingelte, gewährte mir eine nette, englische Dame sofort Einlass und identifizierte mich schon nach zwei, drei Sätzen als Schwimmer. „Oh die Stadt ist voll von Euch!“, meinte sie lachend und ergänzte, dass sie wohl auch alle auf besseres Wetter warten würden. Zurzeit sei es wirklich miserabel und sie wisse nicht, ob ich denn überhaupt schwimmen können werde.
Dermaßen „ermutigt“ bezog ich meine Channelswimming-Suite, die sich auf opulenten 12 Quadratmetern über fast ein Zehntel der Etage erstreckt. Wer von Euch schon puren Luxus erlebt hat, der würde hier vor Neid erblassen. Die begehbare Fläche des Zimmers beschränkt sich nämlich auf einen knapp 80 Zentimeter breiten Streifen rund um das Bett herum. Der angepriesene Flat Screen TV entpuppt sich dagegen als geringfügig größer als die Digitalanzeige meiner Armbanduhr.
Ich könnte Euch jetzt eine schöne Geschichte erzählen, dass sich der geneigte Channelswimmer abhärten muss und sich nicht durch überflüssigen Luxus ablenken darf. Nur so könne er die mentale Stärke und Bereitschaft für seine Aufgabe erhalten! :-) In Tat und Wahrheit ist das Zimmer aber mit 25 Britischen Pfund pro Tag eines der günstigsten in ganz Dover und hat zudem auch noch außerordentlich gute Kritiken im Internet erhalten. Daneben sah ich viele Zimmer um die 50 bis 75 Pfund mit sehr schlechten Kritiken.
Zudem liegt bei mir ein heimeliger Berberteppich auf dem ganzen Boden und es macht einen heiden Spaß, mit nackten Füßchen vom Bett aufs Nachtischchen weiter aufs Beistelltischchen und schließlich ins Bad zu hüpfen, nur um die Fußpilz verwöhnten Schwimmerfüßchen nicht noch weiteren Umweltbelastungen auszusetzen.

Der Kanal: kalt, grünbraun und garstig

Gegen 17.00 Uhr war ich endlich dort, wo ich sein wollte: Vor mir lag der Hafen von Dover, mit seinen riesigen Begrenzungsmauern und den beiden Öffnungen für den Schiffsverkehr. Er erinnerte mich augenblicklich an den Aquatic Park in San Franzisco, nur dass er sehr viel größer war.
Als ich mich endlich ausgezogen hatte und bis zu den Knien im Wasser stand, entdeckte ich noch eine weitere Gemeinsamkeit – die Kälte. Ich kann nicht sagen, ob sich Salzwasser aus irgendeinem üblen physikalischen Grund auf der Haut kälter anfühlt als Süßwasser? Aber ich musste  mich sehr zusammen reißen, um nicht gleich wieder kreischend aus dem Wasser zu hüpfen.
Schon fast wiederwillig tauchte ich ein und erschrak aufgrund der Farbe des Wassers. Es war irgendwie grünbraun und machte keinen wirklich einladenden Eindruck. Die Sicht war gleich null, und eine Qualle oder sonstiges Getier hätte man wohl erst gesehen, wenn sie einem ins Gesicht geklatscht wären.
Das war er also, der Kanal! Kalt, grünbraun und garstig – was für eine Begrüßung. Die plötzlich aufkommenden Wolken taten ebenfalls ihr Bestes dazu, keinen heimeligen Gesamteindruck entstehen zu lassen. So schwamm ich lediglich eine Stunde und war froh, dass ich beim Verlassen des Wassers nicht zu frieren begann.

Von verzweifelten Versuchen

Am Strand traf ich den Deutschen Schwimmer Matthias, der den Kanal eigentlich in einer Staffel hatte bezwingen wollen. Leider hatte das Wetter der letzten Tage alles zunichte gemacht, und laut Aussage seines Kapitäns, würde es für die Gruppe keine Chance mehr geben. Die anderen Mitglieder des Teams waren daher bereits wieder abgereist. Matthias gab mir freundlicherweise einen kurzen Überblick zur Situation am Hafen und ich war für alle Informationen sehr dankbar. Schließlich hatte ich noch keine Ahnung, wie und wo man überall schwimmen durfte oder sollte.
Seine weiteren Schilderungen ließen meinen Atem stocken. Scheinbar hatten verzweifelte Schwimmer in dieser Woche den Versuch unternommen, den Kanal in der Nacht zu durchqueren! Sie sollen teilweise um 19.00 Uhr gestartet sein, nur um eine letzte mögliche Chance zu ergreifen. Er erzählte mir, dass sie teilweise mit Neoprenanzügen und Flossen gestartet seien, was eine „offiziell anerkannte“ Überquerung eigentlich von vornherein ausschließt. Aber da die Schwimmer zum Teil aus Australien angereist waren, ergriffen sie die einzige, noch halbwegs realistische Möglichkeit für eine Überquerung.
Laut Berichten hätten drei von ihnen bereits nach einer halben Stunde abgebrochen, und der letzte soll zweieinhalb Stunden durchgehalten haben. Das lässt wohl ahnen, wie es dort draußen ausgehen haben muss.
Ich verabschiedete mich mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Matthias hatte soeben meinen ultimativen Albtraum erlebt, indem er noch nicht einmal hatte starten können! Was wäre wenn, ist immer eine schlechte Frage, denn meistens kommt es anders und zweitens als man denkt… doch… was wäre wenn?

Bis zum nächsten Update direkt aus Dover,

Euer Bruno
PS: Bei rauhem Wetter musste auch der US-Amerikaner David Morken in der vergangenen Woche nach zweieinhalb Stunden seinen Versuch, den Ärmelkanal zu bewzwingen, abbrechen. Dieses Video zeigt eindrucksvoll, wie garstig der Kanal zu uns Schwimmern sein kann:

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