Für seinen Sieg in der Alstersklasse 25 bis 55 Jahre durfte Bruno Baumgartner mit diesem lustigen Pokal im Gepäck die Heimreise antreten.

Bruno Baumgartner

Für seinen Sieg in der Alstersklasse 25 bis 55 Jahre durfte Bruno Baumgartner mit diesem Pokal im Gepäck die Heimreise antreten.
Bilder 1/1
Open Water | 22. Juli 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Die Lindauer Seedurchquerung

Bruno Baumgartner | Im September will Bruno Baumgartner den Ärmelkanal durchschwimmen. Im Juli hat er an der 9. Lindauer Seedurchquerung teilgenommen – aus reiner Leidenschaft am Freiwasserschwimmen. Die Faszination dieser Veranstaltung teilt der 42-Jährige in seinem neusten Blog-Eintrag.
Liebe swim.de-Freunde,
wenn man Langstrecken um die 10 bis 40 Kilometer schwimmen will, dann erscheinen einem oft die „kürzeren“ Strecken von zwei bis vier Kilometer fast wie Sprintdistanzen. Kaum Zeit zum Warmlaufen – und dann ist es auch schon vorbei. Das ist nicht etwa abwertend gemeint. Es sind einfach völlig unterschiedliche Belastungen,  denn die meisten Normalsterblichen setzen das Tempo für 10 Kilometer wesentlich tiefer an, als für zwei Kilometer.

Eine Dosis Adrenalin

Doch von Zeit zu Zeit brauche ich einfach diese Dosis Adrenalin. Und ich meine nicht eine dieser homöopathischen Dosen. Kennt Ihr dieses Fahrstuhlgefühl, das man fühlt, wenn man gerade die Lieblingskatze des Nachbarn beim Ausparken aus der  Garage mit einem Pirelli-Muster versehen hat? Oder wenn man aufs Übelste seinen Chef beschimpft und feststellt, dass er die ganze Zeit hinter einem stand und mitgehört hat? Es fühlt sich an, als würde eine Rakete in den Eingeweiden starten, um schließlich im Kopf zu einem bunten Strauß aus Licht und Wärme zu explodieren.  Ja, und exakt dieses Gefühl kann einem ein Open-Water-Schwimmstart geben!
Also meldete ich mich zur 9. Lindauer Seedurchquerung (2,3 Kilometer) an, um dieses Schlackern zwischen den Ohren wieder einmal zu fühlen. Der Tag begann recht gut, denn dank meiner um fünf Minuten nachgehenden Uhr verpasste ich den Bus und durfte mich nach wohl knapp 23 Jahren zum zweiten Mal in meinem Leben an der Herausforderung „Autostopp“ versuchen. Zum Glück erbarmte sich eine Nachbarin und ich erreichte noch rechtzeitig meinen Zug in Thun. Auf dem Land zu leben hat große Vorteile. Doch wenn man gewisse Regionen dieser Erde erreichen will, stellt man schnell fest, dass die verkehrstechnische Lage nicht zu eben jenen Vorteilen gehört.

Anreise ohne Elefantenritt

Gerade Lindau entpuppte sich in Punkto Erreichbarkeit für mich als eine Art „Kisangani“ Deutschlands. Die längste aus Bus, Zug und Schiff zusammengestellte Reiseroute wäre inklusive aller Wartezeiten auf sage und schreibe auf eine Dauer von sechseinhalb Stunden gekommen. Einziger Vorteil gegenüber Kisangani wäre vermutlich das Wegfallen des Elefantenrittes gewesen.
Schließlich entschied ich mich gegen das Schiff und für eine reine Zugfahrt, was die Reisezeit auf etwas über fünf Stunden begrenzte. Geschlagene drei Stunden davon musste ich einer Landsmännin zuhören, die im Abteil hinter mir auf „Schwenglisch“ (das ist eine Mischung aus Schweizerdeutsch und Englisch), ein amerikanisches Paar zu textete. Nach zwei Stunden konnte ich nur noch an Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ denken und warum sich Fenster in modernen ICE-Zügen nicht mehr öffnen lassen!? Vermutlich hatten die Zugdesigner ähnliche Fahrten hinter sich und wollten durch dieses technische Hindernis jede Art von suizidal geprägtem Gedankengut im Keim ersticken.
Kurz nach 15.00 Uhr erreichte ich endlich das ersehnte Ziel und quartierte mich in meinem Hotel ein. Männer sind diesbezüglich ja sehr pragmatisch orientiert. Während Frau erst 24 Töpfchen und 13 Fläschchen im Bad und gefühlte 98 Kleidungsstücke im Schrank verstaut, schmeißen wir unsere Tasche erstmal in irgendeine Ecke und uns selbst in die Badehose. Dann scharren wir mit den Hufen und warten, meist die Fernbedienung malträtierend, bis unsere Liebsten vier Stunden später denselben Punkt im Raum-Zeit-Gefüge erreicht haben. Da ich aber alleine war, konnte ich gleich lospreschen und war fünf Minuten später auch schon am Hafen.

Kampf mit dem Treibholz

Ich konnte kaum glauben, was ich dort sah. Ich hatte schon Treibholz in einem See gesehen – aber noch niemals zuvor solche Mengen. Ich ging weiter und suchte einen sicheren Ort für den Einstieg, den ich am Ende der Hafenmauer schließlich auch fand. Ein Schild mit der dezenten Aufschrift „Baden verboten – Ausnahme TSV-Lindau“ wurde von mir böswillig ignoriert. So etwas tue ich normalerweise nicht, doch als Liebhaber der deutschen Sprache musste ich einfach den Unterschied zwischen Baden und Schwimmen in diesem Fall als ausreichend betrachten, um mich nicht angesprochen zu fühlen. Zudem durfte ja der Schwimmclub scheinbar ins Wasser, also konnte das nicht so tragisch sein.
Schon beim Einstieg musste ich mich zuerst durch drei Meter Treibholz durchkämpfen, bis ich schließlich freies Wasser vor mir hatte und mich auf den Weg in das 2,3 Kilometer entfernte Startgelände machen konnte. Unterwegs traf ich immer wieder auf riesige Äste und Holzstücke und fragte mich, inwiefern dies wohl den morgigen Wettkampf beeinflussen würde. Es galt viel Schiffsverkehr zu beachten und natürlich wollte ich nicht mein ganzes Pulver schon am Vortag verschießen.
Nach lockeren 40 Minuten Schwimmen erreichte ich das schöne Strandbad Eichwald, wo am nächsten Morgen um 08.00 Uhr der Start in Richtung Römerbad Lindau erfolgen sollte. Auch hier versperrte ein zwei bis drei Meter breiter Teppich aus Treibholz den Ausstieg aus dem See. Nach etwas Sonnenbaden und Beobachten der Strömung ging ich wieder hinaus auf den langen Bootssteg, um den Rückweg anzutreten. Dort sprach mich der Bademeister an, und wir wechselten einige Worte über das Seeschwimmen und vor allem das Treibholz. Er sagte mir, dass er so etwas in dieser Menge noch nie hier gesehen hätte und er stark vermute, dass der Anlass morgen abgesagt würde.
Noch während wir sprachen, brachte der Wind einen regelrechten Holzteppich immer näher an den Strand heran. Viele Schwimmer verließen rasch das Wasser, und ich machte mich auf den Weg. Um wenige Meter konnte ich dem Hauptteppich noch entrinnen und mich mit Wasserballkraul und Brustschwimmen durch die Ausläufer des Holzfeldes kämpfen. Der Rückweg war gelinde gesagt anstrengend, denn dauernd donnerte wieder ein Holzstück gegen meinen Schädel. Ein schnelles Schwimmen war ausgeschlossen.

Kanada in Deutschland

Endlich zurück im Hotel war ich schrecklich frustriert, denn es schien unmöglich, unter diesen Bedingungen einen Wettkampf abzuhalten. Ich schlief an diesem Abend spät und mürrisch ein und hoffte, dass sich die Lage bis am Morgen entspannen würde. Nach einer unruhigen Nacht brachte mich ein Taxi gegen 06.30 Uhr zum Startplatz. Schon während der Fahrt konnte ich einige Blicke auf den See werfen und traute meinen Augen kaum. Jemand hatte über Nacht die Länder vertauscht und aus Deutschland war Kanada geworden! Holzflächen von mehreren 100 Meter Länge und vielleicht 40 Meter Breite versperrten den Weg zur Insel Lindau. Es sah beinahe so aus, als könne man streckenweise praktisch übers Wasser gehen. Selbst der Tenor der Einheimischen war eindeutig – in diesem Ausmaß hatten sie das noch  nie erlebt.
Die Organisatoren wirkten anfangs etwas ratlos und diskutierten verschiedene Varianten durch. Selbst ein spezielles Räumschiff musste nach kurzem Einsatz vor den Holzmassen kapitulieren. Ich machte mich innerlich schon auf den Heimweg, denn die Lage schien vollkommen aussichtslos zu sein. Doch plötzlich hatten die Organisatoren zum Glück die zündende Idee, mit den vorhandenen Bojen einen 1,8 Kilometer langen Ersatz-Dreieckskurs vor dem Strandbad Eichwald aufzubauen. Über die Lautsprecheranlage informierte man uns über die bevorstehenden Änderungen und die neue Startzeit von 09.00 Uhr.

Rituale vorm Start

Jetzt folgten die Automatismen: Anmelden, Material prüfen, Umziehen, Aufwärmen, den neuen Kurs studieren und eventuelle Navigationspunkte einprägen – und gebannt auf den Start warten. Um 09.15 Uhr war es schließlich soweit: Die Gruppe der Vereinsschwimmer, zu denen ich zum ersten Mal auch gehörte, durfte nach einer Instruktion durch den Schiedsrichter ins Wasser. Hier ist das Szenario immer dasselbe. Jeder versucht den besten Startplatz in der direktesten Linie zum ersten Orientierungspunkt zu ergattern. Oft kommt es einem wie ein Sprintwettkampf über 100 Meter und nicht wie eine Langdistanz vor. Bei diesem neuen Kurs war es aber verständlich, denn wir mussten rechts an einem  Schild vorbei, das eine Untiefe kennzeichnete. Links von dem Schild befand sich nämlich ein gespanntes Seil mit diversen Bojen daran.
Jeder hat so seine Macken vor dem Start. Noch sieben Mal die Schwimmbrille für den optimalen Sitz zurechtzupfen ist die meine. Schließlich nach nervenaufreibenden Sekunden – das Startzeichen. Oh, Ihr müsst das einfach einmal selber erleben! Alles quirlt und schäumt um Euch herum, wie in einem Piranha-Becken. Hände und Füße sprudeln überall. Man wird angerempelt, geschlagen und manchmal sogar überschwommen. Plötzlich fehlt einem die Luft, und wenn man zu atmen versucht, spritz einem der Schwimmer gleich neben einem Wasser in den Mund. Sprinten, Husten, Keuchen, Wasser schlucken, Kämpfen, Navigieren: alles zur selben Zeit. Aber es ist ein großartiger Augenblick, den man nie vergisst. Es ist fast wie in der Formel 1, bis zur ersten Kurve. Erst dann lockert sich das Feld langsam auf. Ich war froh, als ich endlich die Tafel umschwommen hatte, denn dort löste sich der Knoten auf und es gab endlich Platz.
Doch exakt an dieser Stelle ist für mich immer der kritischste Punkt des ganzen Rennens. Hier gilt es, den Übergang vom Sprint in das „Renntempo“ zu finden, das man dann auch bis zum Ende durchziehen kann. Und trotz einiger Erfahrung habe ich es diesmal wieder voll vergeigt. Der Engpass an diesem Schild war einfach zu übel, um ihn in der Gruppe zu verbringen. Bis zur ersten Boje lief ich völlig neben dem Takt. Laut dem Veranstalter befand sich diese in einer Distanz von 700 Metern zum Startpunkt, aber mir kam es wesentlich länger vor. Erst auf dem Weg zur zweiten, 900 Meter weit entfernten Boje, kam ich einigermaßen in mein Tempo.

Die Motivation-Zero-Zone

Doch wie fast bei jedem Rennen hatte sich vor mir die absolute Spitzengruppe abgesetzt und von hinten fehlte der Druck von den Verfolgern. Ich schwamm wie so oft in dieser Lücke, die ich mittlerweile die „Motivation-Zero-Zone“ nenne, denn hier ist die Gefahr sehr groß, sich etwas gehen zu lassen und nicht mehr alles zu geben.
Dann auf halbem Weg zur zweiten Boje registriere ich plötzlich das hektische Winken einer Bootsmannschaft. Ich blickte kurz auf und merkte, dass der Wind das Holzfeld wesentlich näher an die Strecke getrieben hatte und ich gerade dabei war, mitten in einen Ausläufer zu schwimmen. Und gerade als ich wieder aus dem Treibholz hinaus schwamm, bekam ich einen heftigen Schlag gegen das linke Brillenglas, das fast augenblicklich zur Hälfte mit Wasser voll lief.
Unter Wasser zu fluchen ist eine Fertigkeit, die ich mir inzwischen ziemlich gut angeeignet habe. Trotzdem half es nicht, und ich musste rasch halten, um die Brille zu spülen. Brille runter – spülen - wieder draufdrücken und schnell weiter, mit einem dicken, schwarzen Balken vor dem linken Auge. Beim Spülen hatte sich ausgerechnet ein Halm Seegras innen am Glas festgeklebt – na prima.

Sieg in der Altersklasse

In circa 150 Meter Entfernung sah ich eine kleine Gruppe Schwimmer, die in einem ziemlich flachen Winkel auf die zweite Boje zuschwammen, während ich schnurgerade auf sie zusteuerte. Ach, wenn der Kurs doch nur länger gewesen wäre, dann hätte ich mit meinem eben erst warm gelaufenen Dieselaggregat sicher noch weiter aufholen und punkten können. Normalerweis kann ich mir den Wettkampf so einteilen, dass ich die letzten 200 Meter noch sprinten kann. Aber daran war in Lindau nicht zu denken. Ich hatte mich am Start einfach zu sehr verausgabt. So erreichte ich das Ziel nach 27:11,96 Minuten völlig ausgepowert und fand vor lauter Erschöpfung kaum die Ziellinie. Trotz des Startfiaskos reichte das schließlich für den Platz eins und einen schönen Pokal bei den Vereinsschwimmern in der Altersklasse 25 bis 55 Jahre, den ich bei einer tollen Siegerehrung im Römerbad entgegen nehmen konnte.

Lindau ist allemal eine Reise wert, und ich kann nur jedem diese Seeüberquerung wärmstens ans Herz legen. Ein großer Dank gilt den Organisatoren, die in einer fast aussichtslosen Situation Ruhe bewahrt und mit dem Ersatzkurs sicher das Beste aus der Situation gemacht haben. Es war ein wirklich schönes Event, und ich freue mich auf jeden Fall schon darauf, im nächsten Jahr die eigentliche Strecke zwischen Strandbad Eichwald und der Insel Lindau zusammen mit vielen bekannten Gesichtern anzutreten.
 
Bis bald,
Euer Bruno

Termine finden

Swim Onlineshop