Bruno Baumgartner im Kampf gegen die Kälte nach einer Open-Water-Trainingseinheit.

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Hypothermie
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Open Water | 28. April 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Die Hassliebe der Kälte

Bruno Baumgartner | Wenn Bruno Baumgartner im September versuchen wird, durch den Ärmelkanal zu schwimmen, wird die Wassertemperatur 13 bis 18 °C betragen. In seinem zweiten Blog-Beitrag erzählt der Schweizer, wie er sich darauf vorbereitet und warum seine Beziehung zur Kälte von Hassliebe geprägt ist.
Liebe swim.de-Freunde,
die Kälte ist ein kleines, hässliches Tierchen mit stumpfem, struppigem Fell und gelblichen Augen, das niemand streicheln oder gar zum Kuscheln haben will. Es hat eine kleine Reihe mörderischer, gelblicher Reisszähne, mit denen es erst sanft an deiner Oberfläche knabbert und sich schließlich unaufhaltsam in dein Innerstes frisst. Doch wenn es dort angekommen ist, dann lässt es dich nicht etwa in Ruhe – oh nein! Es nistet sich ein, macht es sich gemütlich und verwandelt deine Knochen nach und nach in blankes Eis. So ähnlich stelle ich mir das zumindest oft vor, wenn ich in kaltem Wasser trainiere und fühle, wie die Wärme unaufhaltsam meinen Körper verlässt.
Warum ich Euch das erzähle? Nun, der Ärmelkanal bietet neben der Hauptattraktion von 34 Kilometern Wasserweg noch eine zweite große Herausforderung - die Kälte. Ein Schwimmer kann sich dort auf Temperaturen von circa 13 bis 18 Grad Celsius einstellen. Wobei 18 Grad nur in wenigen Rekordsommern je erreicht wurden. Den Schwimmern wird empfohlen, so oft wie möglich bei Temperaturen um die 15 Grad Celsius zu trainieren. Die „Channel Swimming Association“, die das Schwimmen überwacht, verlangt zudem einen Nachweis, dass der Schwimmer in der Lage ist, mindestens sechs Stunden lang bei 15 Grad Wassertemperatur zu schwimmen. Ohne diesen Nachweis wird er nicht zur Überquerung zugelassen.
„Ja, aber das geht doch prima mit dem Neoprenanzug!?“, werden einige jetzt sicher sagen. Leider ist das nicht ganz so einfach, denn ein Neoprenanzug ist laut Reglement nicht gestattet. Wer den Kanal nach den offiziellen Regeln durchschwimmen will, darf Badehosen oder Anzüge tragen, die nicht über Knie und Schultern reichen. Zudem dürfen diese keinen thermischen Schutz bieten. Erlaubt sind außerdem eine Badekappe, die Schwimmbrille und das Einfetten des Körpers. Das ist dann auch schon alles. Vermutlich versteht ihr jetzt, warum ich bereits Ende Februar bei rund vier Grad Wassertemperatur meine ersten Versuche mit Neoprenanzug im See absolvierte. Was flanierende Spaziergänger mit ungläubigem Kopfschütteln quittierten, ist keinesfalls meine Lieblingsbeschäftigung. Es ist lediglich die Konfrontation mit dem Unvermeidlichen, das mich 10 bis 12 Stunden lang erwarten wird. Kältetraining ist absolut unerlässlich und ein wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung.
Ich bin eher weniger der Typ, der sich mit autogenem Training beschäftigt. So verzichte ich darauf, in Gedanken dem hässlichen Tierchen mit einer imaginären 57er Magnum den pelzigen Hintern wegzuschießen. Ich vertraue lieber den Mächten der Gewöhnung und Abhärtung. Wer sich schon einmal am Rand der Hypothermie befand, der weiß genau, wie hässlich sich diese spezielle Kälte anfühlt. Nach mehreren Stunden im kalten Wasser ist es wirklich so, als käme die Kälte nicht mehr von außen, sondern würde den Körperkern nach und nach in Eis verwanden. Durch das schnelle Schwimmen und die damit entstehende Bewegungswärme ist das im Wasser einigermaßen auszuhalten. Die schlimme Überraschung setzt dann ein, wenn man das Wasser verlässt. Innerhalb weniger Sekunden setzt das heftigste Zittern ein, das man je erlebt hat. Als ich im letzten Herbst noch bei 12 Grad ohne Neopren im See schwamm, benötigte ich oft fast 30 Minuten um die Schwimmbekleidung aus- und die normalen Kleider anzuziehen. Die Schuhe konnte ich häufig gar nicht mehr zubinden und fuhr deshalb mit offenen Schnürsenkeln nach Hause. Meist dauerte es mehr als eineinhalb Stunden, bis sich der Körper wieder normal anfühlte. 
Für die nächste Schilderung werde ich öfter belächelt. Wenn der Körper zu weit abkühlt, dann reduziert er die Durchblutung der Extremitäten auf ein absolutes Minimum und konzentriert das warme Blut im Kern zur Aufrechterhaltung der lebenswichtigen, inneren Organe. Arme und Beine werden dann langsam taub und fühlen sich wie Fremdkörper an. Doch der Körper hält noch eine weitere höchst unangenehme Überraschung bereit. Er wehrt sich nämlich vehement dagegen, warme Körperflüssigkeiten kampflos aufzugeben. So verkrampft sich die Blase und ein normales Wasserlassen ist plötzlich gar nicht mehr oder nur noch unter Schmerzen möglich. Berichten zufolge müssen nicht wenige Schwimmer aus diesem Grund aufgeben. Durch die nötige Flüssigkeitsaufnahme füllt sich die Blase immer mehr und irgendwann wird der Schmerz einfach unerträglich. Game over! Es entlockt mir selbst ein Lachen, wenn ich das entspannte Urinieren in kaltem Wasser als Teil meines Trainingsprogrammes bezeichne. Doch es ist und bleibt ein Faktor, der nicht unterschätzt werden darf.
Nein, sie ist wahrlich nicht mein Freund – die Kälte. Doch in den nächsten 5 Monaten werden wir wohl oder übel eine Art Hassliebe eingehen und uns arrangieren müssen. In späteren Berichten kommen wir sicher wieder darauf zu sprechen.
Bruno Baumgartner

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