An der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit: Bruno Baumgartner alleine im Ärmelkanal.

Gérard Nguyen / channelswimming.ch

An der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit: Bruno Baumgartner alleine im Ärmelkanal.
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Open Water | 16. April 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Die Grenzen der Leistungsfähigkeit

Bruno Baumgartner | Bruno Baumgartner kennt den frustrierenden Punkt, an dem die anfänglichen großen sportlichen Fortschritte plötzlich ausbleiben. Auch der Ärmelkanal-Schwimmer zweifelt dann an seinen Trainingsmethoden und hinterfragt die eigenen Leistungsgrenzen. Sein neuster Blogbeitrag ist eine Reise ins Innere, um in Zukunft ans Äußerste gehen zu können.
Liebe swim.de-Freunde,
wenn man nicht gerade ein Supersportler ist, der sich mit den zehn Besten der Welt misst, dann plagt die Mehrheit von uns eine grosse Frage: „Was kann ich erreichen?“ Die meisten von uns kennen mittlerweile ihren Grad an Fitness und wissen wohl innerhalb einer Wettkampfsaison wo sie stehen. Vor allem bei Neulingen in einer Sportart gibt es aber einen Zeitpunkt, der gewürzt mit etwas Ehrgeiz, sehr schnell zur Krise führen kann. Nach den anfänglichen, riesigen Fortschritten kommt plötzlich ein zäher Sumpf, in dem sich kleinste Erfolge und gelegentliche Rückschritte die Hand geben. Es ist der Moment, wo man über Ernährung, Mentaltraining und Voodoo nachzudenken beginnt. Geistig etwas weniger gefestigte Zeitgenossen greifen hier vielleicht sogar zu leistungssteigernden Substanzen. Trainieren um so gut wie möglich zu werden, das ist die Devise! Aber unsere persönliche Leistungsfähigkeit wird durch pure Genetik bestimmt und Fakt ist schlicht und einfach, dass der ambitionierte Breiten- und oft auch Leistungssportler kaum wissen kann, wozu er genau fähig wäre. Denn ein Menschenleben ist viel zu kurz, um jede mögliche Trainings- und Ernährungsvariante auszuprobieren. So trainieren wir auf eine Grenze hin, die wir nicht kennen und wissen nicht, ob wir uns bei 65 oder 98 Prozent unserer maximalen Leistungsfähigkeit befinden.

Von der Amöbe zum Sportler

Wir hatten das Glück, irgendwie von der gemeinen Schlamm-Amöbe, die sich im Dreck einer „jungen“ Erde suhlte, zu aufrecht gehenden Menschen zu entwickeln. Wir begannen auf zwei Beinen zu laufen, und sowohl unser Skelett, als auch die stützende Muskulatur veränderten sich im Verlauf der Jahrtausende drastisch. Heute sind wir zu effizienten Sportmaschinen mutiert, die 100 Meter in weniger als 9,60 Sekunden laufen oder dieselbe Strecke unter 47 Sekunden schwimmen. Doch neben reiner körperlicher Evolution haben uns auch unsere Motive so weit gebracht. In Zeiten, als uns noch mit scharfen Zähnen und Klauen ausgestattete Viecher durch den Wald jagten, war es nämlich gar nicht unbedingt nötig, der absolut schnellste Läufer zu sein. Es reichte durchaus, wenn man schneller als sein Nachbar war und dieser sich mangels körperlicher Überlegenheit als Snack für übellaunige „Prädatoren“ zur Verfügung stellte. Für heutige Sportler ein eher sekundäres Ziel. Alleine der Gedanke daran, dass irgendwo auf der Welt gerade jemand seinen geliebten Rekord brechen könnte, würde ihn wohl dazu bringen, sich freiwillig vor den nächsten Säbelzahntiger zu werfen.
Allerdings kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass Sport exakt dort seine Wurzeln hat. Viel lieber sind uns da Erklärungen von menschlichem Edelmut, der uns weiß machen will, dass wir uns durch das noble Messen miteinander als Gesamtheit weiterentwickeln und so zu einer besseren Gesellschaft werden. Eben jenes haben Männer, die nach einer durchzechten Nacht ihre Schwanzlänge vergleichen, sicher auch im Sinn.

Sport oder Krieg?

„Krieg unterscheidet sich von Sport nur durch zwei wesentliche Fakten: Der Gewinner überlebt in den meisten Fällen und die Mehrheit der Teilnehmer ist der Ansicht, dass das zweitens mehr Spass macht!“ Ich habe eine einst sehr provokative Aussage von Georg Orwell aufgegriffen und noch etwas drastischer formuliert um stärker zu polarisieren. Aber wer die Geschichte des Sports bis in die kretisch-mykenische Epoche zurückverfolgt, der wird doch immer wieder über das brachiale Wort „Wettkampf“ stolpern, ob es nun seiner „Blümchen wachs auf der grünen Wiese Gesinnung“ gefallen mag oder nicht.
Die zweite Silbe des Wortes erinnert stark an jene andere Lieblingsbeschäftigung der Menschheit – den Krieg. Fast durch alle Epochen hindurch finden Sport oder Leibesertüchtigung, wie er vielfach genannt wurde, immer wieder eine auffallende Nähe zu Militär und Kampf. Vor allem das frühe Römertum von 500 – 200 v. Chr. gibt der körperlichen Ertüchtigung eine zentrale Rolle. Die zweckorientierte Vermittlung von Härte, Ausdauer und Kraft verfolgte nur ein einziges Ziel – den Sieg durch Überlegenheit im Kampf.  Wer schon einmal die teils leidenden Blicke eines Athleten gesehen hat, der die Ziellinie als Viertere oder Fünfter überquert, der wird tief im Herzen vermuten, dass noble Gesinnung und nackte Realität wohl nicht immer Hand in Hand gehen.
Aber wie ist das nun zu verstehen? Würden wir in unserem Innersten gerne ein Schwert in den Händen halten und dem unterlegenen Gegner höhnisch lachend einen Fuß auf die Brust stemmen? Nein, davon sind wir doch einiges entfernt und zwischenzeitlich etwas zivilisierter. Wir leben mit neuen Erkenntnissen und sozialen Strukturen, aber alten biologischen Merkmalen. Die Evolution hat zwar unsere Geisteshaltung wachsen lassen, aber sie hat einen uralten und instinktgetrieben Teil unseres Gehirns ebenfalls am Leben gelassen. So sagt uns die moderne Gesinnung, dass wir nach einem Sieg dem „Verlierer“ die Hände schütteln, ihn umarmen und seine tolle Leistung loben sollen. Doch ganz tief in uns bleibt da dieser alte und dunkle Teil, der flüstert: „Du hast gewonnen, du bist der Stärkere, du bist überlegen und nur du hast überlebt“! Zum Glück gibt es heute keine Säbelzahntiger mehr, die sich  den Zweiten im Wettlauf schnappen. Auch fehlen fette, kleine Römer in wallender Toga, die ihre Daumen missmutig nach unten senken, während sie Wein aus Kelchen schlürfen und sich von syrischen Sklavinnen in Regionen verwöhnen lassen, die ich aus Rücksicht auf jüngere Leser gar nicht weiter erörtern will.

Schneller, höher, weiter

Es kommt mir nicht leicht zwischen den schamroten Backen hervor, aber auch ich habe mich längst mit dem Virus infiziert. Es muss doch einfach noch schneller und noch weiter gehen?! An Menschen, die einem das Geheimnis verraten wollen, mangelt es wahrlich nicht. Meist wandert der wohlbehütete Schatz im Tausch gegen schnöde „Euronen“ über den Ladentisch, ohne die unterschwellige Frage nach der Grenze wirklich zu beantworten. Ist sie überhaupt beantwort- und messbar? Was wäre, wenn man bei den Weltmeisterschaften über 50 Meter Freistil das Becken mit Meerwasser füllt und fünf Sekunden nach dem Start einem seit Wochen ausgehungerten Bull Shark den Weg ins Becken und somit zu einem üppigen Mal öffnen würde? Läge der neue Weltrekord dann vielleicht bei 18 Sekunden? Nebst der Tatsache, dass dies den Wettkampf (da ist es schon wieder) ungleich attraktiver machen würde, könnte es völlig neue Erkenntnisse in Bezug auf die menschliche Leistungsgrenze liefern. Denn vermutlich lässt sich diese einzig und alleine auf solch brachiale Art wirklich erkunden. Wenn der Ausgang des Wettkampfes kein weißblaues Schleifchen mit dem Aufdruck zweiter Platz, sondern das Durchlaufen des Verdauungsapparates eines der ältesten Jäger der Welt ist.  Ich bin sicher, eine fast 15-prozentige Leistungssteigerung würde die Trainingslehre radikal verändern.
Bei den Recherchen zu diesem Blog wurde mir gesagt, dass es bereits bestimmte Arten des Mentaltrainings geben würde, die es zum Ziel hätten, eben jene Gefühle und Kräfte ähnlich der Todesangst künstlich herbeizurufen. Ist es vorstellbar, dass wirklich jemand ernsthaft und aufrichtig das Gefühl verspüren möchte, er würde von den rasiermesserscharfen Zähnen eines Hais zerfetzt, um sich so als Erster durchs Ziel zu katapultieren? Nach der Krebserkrankung von Lance Armstrong gab es viele Gerüchte um die Verabreichung von Testosteron, das unter anderem für die Muskelbildung verantwortlich ist und eine leistungssteigernde Wirkung hat. Armstrong beteuerte  immer wieder, dass er sich erst Testosteron spritzen lassen würde, wenn seine Profikarriere zu Ende sei. An Hodenkrebs erkrankte Sportler dürfen scheinbar tatsächlich solche Hormonspritzen nehmen, wenn sie vor dem Wettkampf dem Veranstalter mitteilen, dass sie sich in Behandlung befinden. Nach Ansicht bestimmter Ärzte kann intramuskulär verabreichtes Testosteron dazu führen, dass der Testosteron-Spiegel im Körper während einer ganzen Tour de France konstant im oberen Drittel des Normalbereiches liegen würde. Werte die andere Fahrer dagegen nur sporadisch erreichen (Quelle: Spiegel Online 04.07.2005). Gerüchten zu Folge sollen sich nun Fahrer damit befasst haben, sich einen oder gar beide Hoden amputieren zu lassen, damit sie sich offiziell Testosteron spritzen lassen könnten. Gesetzt dem Fall, dass dies tatsächlich der kranken Wahrheit entspricht, ist der Gedanke an den Bull Shark wohl das weitaus kleinere Übel.

Wo stehe ich?

Ich fühle mich zurzeit ohnmächtig und weiß nicht, wo ich stehe oder was ich noch erreichen kann. Es ist als würde man in der Wüste auf eine Bergkette zulaufen, die niemals näher kommt. Und obwohl man stets einen Fuß vor den anderen setzt und im Innersten weiß, dass man eine Strecke hinter sich lässt, bleibt das Ziel doch nur ein Schatten hinter dem Hitzeflimmern am Horizont. Wie geht man damit um, wenn sich Erfolg und Weiterkommen nur noch in kaum messbaren Mikroschritten bewegen? Würde ich mich anders ernähren, wenn ich wüsste, wie viel es bringt? Würde ich meinen gelegentlichen Big Mac auf dem Altar des Erfolges opfern? Ja, vermutlich würde ich das tun!  Doch - und jetzt höre ich schon die unmutigen Aufschreie von Ernährungsberatern und Sportgurus aller Zünfte – so lange mir niemand sagen kann, wo ICH stehe und was es bei MIR bringen würde, genieße ich doch lieber dieses gelegentliche, herrlich fettige Gefühl des Junkfoods in meinem Wanst, als dass ich mich wie ein übermotiviertes Kaninchen durch Berge von gesundem Grünfutter nage.
Ich weiß, ich bin im Verlauf dieses Blogs leicht abgedriftet, zumal ich doch einfach nur gerne wüsste, wo meine eigene Grenze liegt. Doch oft sind es gerade diese Gedanken, die sehr interessant sind und denen man einfach nachgehen muss. Die Frage nach der persönlichen Leistungsgrenze kann nicht einfach isoliert betrachtet werden. Sie muss Hand in Hand mit der ehrlichen und offenen Suche nach der Motivation einhergehen. Warum tun wir was wir tun? Warum wollen wir besser und schneller sein als andere? Welche Motive sind „edel“ und welche nur glänzend verpackte Hundehaufen mit bunten Schleifchen darum? Wer den Mut hat, sich selbst solche Fragen zu stellen, der wird schnell feststellen, dass er in Abgründe blickt, die dunkler und tiefer sind, als man es als moderner und nobler Mensch gerne glauben möchte. Schwer vorstellbar, dass all die wundervollen Adjektive, die für den Sport verwendet werden, plötzlich Macht, Gier, Geltungsdrang, Überlegenheit und Geld gegenüber stehen könnten? Ist was es ist, denn nicht was es ist, nur weil wir neue Worte und Ausdrucksformen dafür gefunden haben? Vielleicht erklärt ein offener Blick auf unsere Wurzeln so manches Verhalten und so viele Wünsche.
Ihr kennt mich und wisst, dass ein moralgeschwängerter Abgang nicht Sinn und Zweck dieser Zeilen ist. Ich bin selbst ein Betroffener und versuche mir nur einen weiten und offenen Blickwinkel dafür zu bewahren, warum ich bin wie ich bin oder warum ich danach strebe, besser und schneller zu werden. Also pflüge ich jeden Tag Kilometer für Kilometer durchs Wasser in der Hoffnung, dass sich meine Muskeln irgendwann in Stahlkabel verwandeln, die mich ohne das kleinste Zeichen von Ermüdung durchs Wasser ziehen. Und ich vermute, dass sich Tausende von Schwimmern, Läufern und anderen Sportlern auf der Welt wohl genau das Gleiche wünschen und zudem hoffen, dass ihre Motive die richtigen sind.

Bis bald,
Euer Bruno

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