Bruno Baumgartner: Auch er scheiterte im vergangenen Jahr, den Ärmelkanal zu durchschwimmen.

Sergio Marchese

Bruno Baumgartner
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Open Water | 28. Juni 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Das Absaufen der Extremschwimmer

Bruno Baumgartner | Als Extremschwimmer beobachtet Bruno Baumgartner natürlich auch die Projekte von anderen Freiwasser-Schwimmern. Heute bloggt er über die gescheiterten Weltrekordversuche seiner Schwimmkollegen – und geht mit den Medien hart ins Gericht.
Liebe swim.de Freunde,
autsch, jetzt wird es deftig! Jetzt bekommen sie alle ihr Fett weg. Nein, liebe Schwimmfreunde – aber ihr kennt doch alle die Macht der provozierenden Überschriften? Groß und fett prangen sie vor allem auf den Zeitungen und Zeitschriften, deren Leser ihre Umwelt eher visuell als in Textform wahrnehmen. Das dürfe in Deutschland mit ziemlicher Sicherheit die „Bild“ und bei uns in der Schweiz der „Blick“ sein.
Schon wer die Titelseiten der beiden online Ausgaben vergleicht, wird schnell feststellen, dass die Wortwahl markig einfach ist und man auf korrekten Satzbau oder gar Anflüge von Grammatik eher weniger Wert legt. Die Schwere der gewählten Worte grenzt oft an die Durchschlagskraft von Panzergranaten und wer sich den Unmut eines dieser Blätter zuzieht, findet sich schnell einmal mehrere Meter tief in den Boden gestampft.

Blaues Wunder im Freiwasser

Gerade Ernst Bromeis erlebte diesbezüglich sein „Blaues Wunder“, wie es einige Tageszeitungen spöttisch ausdrückten. Etwas weniger kreative Schreiberlinge nannten es gar einen R(h)einfall. Es mag sein, dass die Kampagne diesbezüglich einige steile Wortvorlagen lieferte. Aber muss man denn alles immer aufnehmen, was dem drögen Intellekt an minimalistischen Impulsen geboten wird? Zumal sich kaum einer der Bleistift-Kauer und Worthülsenproduzenten überhaupt nur ansatzweise vorstellen kann, welche psychischen und physischen Strapazen sich hinter einem solchen Projekt verbergen!? Vom warmen Schreibtisch aus lässt es sich leicht schreiben, er habe nach NUR 400 Kilometern aufgegeben. Vor allem wenn man selber die kleine Zehe erst dann in die Dusche hält, nachdem man fünf Minuten heißes Wasser hat laufen lassen.

Aber etwas Schadenfreude ist halt eine schöne Sache und lenkt auch gern mal von eigenen Unzulänglichkeiten ab. Unklar bleibt sicher, warum eine große Mehrheit des Publikums die Aktion von Ernst eher aus sportlichem Blickwinkel und nicht als Botschaft für die Wichtigkeit und Schönheit des Wassers betrachten wollte? Etwas ungläubig ringt er hier im Blickinterview nach Worten.

Auch der „falsch“ gewählte Zeitpunkt wurde oft und gern diskutiert. Man munkelt, dass Sponsoren diesen frühen Start verlangt hätten. Das scheint ein stimmiges Argument zu sein. Zumal eine Kampagne von „Schweiz Tourismus“ für das „Wasserland Schweiz“ ja sicher vor der Ferienzeit stattfinden muss, um potenzielle Touristen zu gewinnen und nicht erst dann, wenn diese in vollem Gange ist. Zudem muss einfach erwähnt werden, dass die Gewässer dieses Jahr sehr viel kälter sind, als es im Durchschnitt der letzten Jahre der Fall war.

Vernunft oder Medienpräsenz?

Projekte dieser Größenordnung setzen natürlich eine langfristige und umfangreiche Planung voraus. Das ist zum einen sehr schön, weil man so Medien und Publikum auf einen exakten Zeitraum einstimmen kann. Doch auf der anderen Seite nimmt es den Extremschwimmern praktisch jede Möglichkeit, Vernunft walten zu lassen und ein Event abzusagen oder zu verschieben.

Obwohl ich mich keineswegs in die Reihen dieser aussergewöhnlichen Sportler eingliedern möchte, habe ich im September 2011 wohl quasi das „Absaufen der Extremschwimmer“ eingeläutet, als ich den Ärmelkanal eher auszutrinken, als zu durchqueren versuchte. Auch bei mir waren fünf Personen extra nach Dover gereist, um mich zu unterstützen und medial zu begleiten. Das ist natürlich in punkto Aufmerksamkeit niemals mit dem Projekt von Ernst Bromeis zu vergleichen. Aber es zeigt doch ganz klar, dass ein Absagen oder Verschieben nicht mehr ganz so einfach ist.

Eher still und heimlich folgte Superstar Christof Wandratsch diesem Beispiel und verfehlte im Molokai Channel bei Hawaii knapp das Ziel. Starke Strömungen hatten ihn zu weit seitlich abgetrieben. Die Distanz hätte er längstens erreicht, doch gegen so starke Meeresströmungen gibt es selbst für Titanen kein Ankommen. „Man“ spricht dann von „Scheitern“, ohne eigentlich im Geringsten eine Ahnung von der Materie zu haben. Leider missglückte wenig später auch sein Versuch, den von mir aus gesehen schwierigsten Kanal der Welt zu durchqueren –  den „Irish Channel“. Kälte und Regen zwangen ihn zum Aufgeben.

Ohne Mediengetöse

Doch Christof Wandrasch funktioniert hier etwas anders. Sein Ocean Seven Projekt würde längstens die Aufmerksamkeit einer Bodensee- oder der Rheindurchquerung verdienen. Dennoch finden seine Versuche praktisch ohne Mediengetöse und mit wenig Pauken und Trompeten statt. Ich glaube, Christof ist sehr wohl bewusst, welchen Druck und auch welche Konsequenzen es haben kann, wenn man zu sehr im Fokus steht. Zwar wird jeder Sieg dadurch doppelt so schön, aber jede „Niederlage“ auch viermal so schlimm, wie es Ernst Bromeis erfahren musste.

Und dann griffen die Medien auch dankbar den „Weltrekordversuch“ von Bruno „Orca“ Dobelmann auf, den Bodensee als erster Mensch ohne Neoprenanzug durchschwimmen zu wollen. Auch hier schusterte der Schweizer Blick einige Highlights des investigativen Journalismus zusammen und titelte frech und provokativ: „Dicker Extremsportler zeigt‘s dem Rhein-Schwimmer“. Die PR-Maschinerie von Bruno Dobelmann brannte ein wahres Feuerwerk ab und platzierte den Versuch des wohlbeleibten Deutschen mit viel Geschick und Können in praktisch allen Medien. Insbesondere der inflationäre Umgang mit dem Wort Weltrekord, dessen exakte Bedeutung wohl kaum einem Journalisten klar zu sein scheint, wurde dankbar aufgegriffen. In gewohnt charismatischer Art stampfte er bei Bodman ins Wasser und verkündete versammelten Journalisten, dass keiner der „durchtrainierten Spargel-Tarzane“, die auf der Bahn gut seien, sich jetzt hier ins Wasser begeben würde.

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