Trainierte eine Woche lang im T3 auf Teneriffa: Ärmelkanal-Schwimmer Bruno Baumgartner aus der Schweiz.

Michael Jeker / T3 Swiss

Trainierte eine Woche lang im T3 auf Teneriffa: Ärmelkanal-Schwimmer Bruno Baumgartner aus der Schweiz.
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Open Water | 13. Februar 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner auf Teneriffa

Bruno Baumgartner | Eine Woche lang zog Bruno Baumgartner im "T3" auf Teneriffa seine Bahnen. Warum er auf einen Ausflug ins Open Water diesmal verzichtete und welche Weltklasseschwimmer sich auf der Nebenbahn die Ehre gaben – darüber berichtet der Ärmelkanal-Schwimmer in seinem neusten Blogbeitrag.
Liebe swim.de-Freunde,
Bruno Baumgartner
Bei seinem ersten Versuch im August 2011 gelang es dem Schweizer nicht, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Im September 2012 wird der 42-Jährige einen zweiten Versuch wagen.
nach einer wunderschönen Trainingswoche bin ich mit einer hässlichen Schreibblockade aus Teneriffa zurückgekehrt. Eigentlich wollte ich diesen Blog bereits im Flugzeug fertigstellen und ihn zu Hause gleich zeitnah abschicken. Nichts ist schlimmer für einen Schreiberling, als wenn sich Tasten und Finger wie zwei starke, gleichpolige Magneten abstoßen. Zu allem Überfluss gibt es gegen eine Schreibblockade auch nur ein einziges, hilfreiches Rezept: Schreiben!

Training auf Teneriffa

Nach quälend langen und arbeitsreichen Neujahrswochen flog ich endlich mit meinem guten Freund Michael Jeker und seiner Familie in das ersehnte Trainingslager nach Teneriffa. Nachdem die Situation im örtlichen Hallenbad öfters zu fast kriegsähnlichen Zuständen eskaliert war, bangte ich auf eines der schönsten Becken, die ich je gesehen hatte. Bereits zum dritten Mal würde ich das Vergnügen haben, im "T3" und dem angrenzenden, kristallklaren Freiwasser zu trainieren. Seit dem DVD-Dreh zu „Schneller Schwimmen: Open Water“ zog es mich jedes Jahr wieder an diesen für Schwimmer und Triathleten paradiesisch anmutenden Ort zurück.
Doch leider hatte die Erde in der Folge ihrer Entstehung einige fundamentale Fehler begangen und Teneriffa schlappe vier Flugstunden von der Schweiz entfernt platziert. 30 Minuten mit dem Fahrrad oder zwei Stunden zu Fuß – das wäre mal eine Ansage gewesen! Die meisten von Euch wissen ja schon, dass Fliegen so ziemlich mein Prüfstein Nummer eins ist. Das stammt wohl noch von einem Flug nach Mauritius, als ich ohnmächtig wurde und schließlich bei einer Zwischenlandung in Paris völlig entkräftet mit dem Rollstuhl aus dem Flugzeug gebracht werden musste.
Seither habe ich so einiges an Horrorflügen erlebt. Ein absolutes Highlight war dabei, als ich mit einer schweren Lebensmittelvergiftung von Istanbul zurück in die Schweiz flog. Ich hatte die ganze Nacht zwischen Badewanne und Klo verbracht und möchte Euch die pikanten und teils akrobatischen Einzelheiten dazu lieber vorenthalten. Als mich der Taxifahrer morgens um 5 Uhr abholte, kroch ich beinahe aus dem Hotelzimmer. Wer schon mit dem Taxi in Istanbul unterwegs war, der weiß, dass es wesentlich wahrscheinlicher ist, dabei ums Leben zu kommen, als bei einem Fallschirmsprung ohne Fallschirm. Der Fahrer fuhr wie ein Henker, und erst als ich plötzlich das Fenster öffnete und er mein kreidebleiches Gesicht sah, entschloss er sich, bei den Bodenwellen zu einer Temporeduktion. Wohl weniger aus Sorge um meine Gesundheit, als wegen der drohenden Verunreinigung seines Taxis, das vollgereihert einige Tage wie ein Mülleimer riechen würde. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich diesen Flug überlebt habe. Die einzige Nahrung war ein Becher Cola, den ich beim Landeanflug in Farbe und Konsistenz unverändert mit Hilfe des umgekehrten Verdauungsweges wieder dem Kreislauf der Natur zuführte.

Einmal durchstarten, bitte!

Aber die unumstrittene Krönung bleibt immer noch der erste Flug nach Teneriffa 2010. In Basel hatten wir wegen eines Schneesturms anfänglich gar nicht starten können. Später wünschte ich mir, der Sturm wäre stärker gewesen und der Flug wäre abgesagt worden. Auf Teneriffa tobte nämlich einer der schlimmsten Stürme in der Geschichte der Insel und die Behörden hatten den Flughafen im Norden bereits geschlossen. Da alle Flüge nach Teneriffa Süd umgeleitet wurden, kam es in dem von Turbulenzen geschwängerten Luftraum zu Warteschleifen. Etwa eine halbe Stunde lang ertrug ich das ruckartige Auf und Ab tapfer. Doch dann wurde mir schlagartig so schlecht, dass ich mich vornüber beugte und mit dem Kopf gegen den Vordersitz gestemmt schweratmend verharrte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, klammerte mich nur noch an die Papiertüte und versuchte meine Mitmenschen nicht mit Dingen zu beglücken, die mein Magen erst zur Hälfte verdaut hatte. Als das Flugzeug nach gefühlten Stunden endlich zum Landeanflug ansetzte, musste der Pilot wenige Meter über Grund durchstarten. Wer schon einmal die Freuden des Durchstartens erlebt hat der weiß, dass sich die inneren Organe praktisch allesamt neue Positionen im Körper suchen. Es folgte ein erneutes, durchgeschütteltes Kreisen und als wir endlich gelandet und ausgestiegen waren, legte ich mich in der Ankunftshallte einfach auf die erste Bank und verharrte dort mindestens ein halbe Stunde regungslos.
Ihr seht also, meine schlechten Erfahrungen sind durchaus fundiert. Doch dieser Flug nach Teneriffa verlief erstaunlich ereignislos, wobei ereignislos durchaus mit „gut“ gleichgesetzt werden konnte.

"Rentner meets Swimmer"

Ungefähr eine Stunde nach der Landung fuhren wir auch schon mit dem Mietwagen in La Caleta ein. Das ehemalige Fischerdorf liegt etwa 20 Kilometer westlich vom Flughafen. Im Gegensatz zu Playa de las Américas oder Playa de Fanabe hat es sich zumindest eine gewisse Ursprünglichkeit bewahrt. Zwar wurden die sanft zum Meer hin abfallenden Hänge auch hier mit einigen Apartmenthäusern bebaut, aber in keinem Verhältnis zu Las Américas, wo Hotels und Apartmenthäuser wie eine Art Pilzbefall die einst schöne Landschaft überwucherten.
In La Caleta findet man in Strandnähe noch einige Fleckchen, die einen erahnen lassen, wie friedlich es dort einst gewesen sein muss. Doch wie gesagt, wer es etwas ruhiger mag, der ist im Hotel Jardin Caleta sehr gut bedient. Unter dem Motto „Rentner meets swimmer“ geht es dort vor allem zu den Essenzeiten heiß her. Da stemmen sich rüstige Rentner oft über eine halbe Stunde vor Öffnung des Speisesaals gegen die Barrikaden und skandieren zum Sturm auf die Fressalien, als würde ihr weiteres Überleben einzig von der nächsten Mahlzeit abhängen. Während jedoch die Figur der meisten eher vermittelt, dass sie wohl problemlos zwischen einigen Wochen, ja sogar Monaten vom horizontal angestauten Notvorrat zehren könnten.
Aber ansonsten ist das Jardin Caleta ein sehr friedlicher Ort, wo sich Sportler und Feriengäste zu gleichen Teilen wohl fühlen. Doch das eigentliche Highlight in La Caleta ist das T3 (Tenerife Top Training) Trainingszentrum. Es ist diese herrliche Anlage, die mich jedes Jahr wieder auf die Vulkaninsel zieht. Sie wurde im November 2008 eröffnet und richtet ihr Angebot neben Schwimmern auch an Triathleten, Beachvolleyballer, Fussballspieler und sogar Rugby-Mannschaften. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass mich von diesem breitgefächerten Angebot fast ausschließlich das wunderschöne 50-Meter-Becken interessiert. Hier mit maximal zwei Personen auf der Bahn, bei 21 Grad Luft- und 25 Grad Wassertemperatur zu trainieren, während die anderen sich zu Hause in der 25-Meter-Pfütze die Köpfe einschlagen, ist schon eine echte Offenbarung! :-)

Lieber Becken als Nesselgift

Zwar gibt es im T3 auch ein sehr schönes 25-Meter-Becken, doch dieses meide ich meist wie der Teufel das Weihwasser. Ich bin in dieser Woche meistens zwei Einheiten pro Tag ausschließlich im Becken geschwommen und so auf eine Gesamtdistanz von rund 45 Kilometern gekommen. Ihr fragt Euch sicher, warum ein Freiwasserschwimmer in Teneriffa nur im Becken trainiert? Nun, die Erklärung ist klein, glitschig und leider auch giftig. Kurz nach unserer Ankunft mussten wir erfahren, dass wieder einmal die Quallen die Strände der Kanaren unsicher machten. Ich hatte im letzten Jahr eine äußerst schmerzhafte Begegnung mit einer Portugiesischen Galeere gemacht, die mir ein hübsches Andenken am linken Arm hinterließ. Das Nesselgift dieses harmlos aussehenden Tierchens kann neben einem allergischen Schock auch zu Atem- und Herzstillstand führen.
Nachdem ich die Information erhalten hatte, dass bereits 14 Badegäste ins Spital hatten eingeliefert werden müssen, war meine Euphorie für das offene Meer etwas gedämpft. Ich beließ es daher bei einem kurzen Bad, um wenigstens die Kiemen etwas angefeuchtet zu haben. Diesbezüglich Vernunft walten zu lassen, ist für mich wohl eine der größten Herausforderungen überhaupt. Vernunft ist ein kleines Mädchen mit langen, blonden Zöpfen und rosa Kleidchen, das nicht in das Auto des unbekannten „Schokoladenonkels“ einsteigt. Aber für Besessene wie mich, ist die Unvernunft ein vollbusiges, schwarzhaariges Luder mit endlos langen Beinen und einem knallroten Kirschmund, das einem mit lasziven Blicken zuckersüß zuflüstert: „Na komm schon Du Susi! Was hast Du denn Angst vor so einem kleinen Glibberhaufen? Beiß ihm den Schirm ab und häng dir die Tentakel wie eine Trophäe um den Hals!“ Es war schwer, doch die Erinnerung an einen Schmerz, der sich etwa so anfühlte, als würde einem jemand konzentrierte Schwefelsäure über die Haut gießen ist schuld daran, dass ich jetzt ein rosa Kleidchen trage! :-)

Prominente Trainingspartner: Federica und Ian

Federica Pellegrini
Die 23-jährige Italienerin hält die Weltrekorde über 200 und 400 Meter Freistil auf der 50-Meter-Langbahn (1:52,98 Minuten und 3:59,15 Minuten) sowie über 200 Meter Freistil auf der 25-Meter-Kurzbahn (1:51,17 Minuten).
Trotzdem war es eine herrliche Woche, in der ich außerdem eine Bahn neben der schnellsten Frau der Welt über 400 Meter Freistil trainieren durfte. Ja, plötzlich war Federica Pellegrini im T3. Die Italienerin schwamm 2009 in Rom als erste Frau der Welt die 400 Meter Freistil unter vier Minuten! Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, erfuhr ich kurz nach meiner Rückkehrt, dass ich meinen persönlichen Helden Ian Thorpe nur um zwei Tage verpasst hatte. Ach wie gern wäre ich nur einige Längen neben diesem Ausnahmeathleten geschwommen, dem ich so viel zu verdanken habe. Seine Videos haben mich immer wieder inspiriert und motiviert. Einziger Trost ist, dass Michael, der noch drei Tage länger dort blieb, ihm von mir viel Glück für die bevorstehende Olympiaqualifikation wünschen konnte und ich mich jetzt auf ein schönes T-Shirt mit persönlichem Autogramm freuen kann.

Diese Woche in Teneriffa hat mir tolle neue Freunde gebracht und wieder einmal deutlich gezeigt, wofür mein Herz schlägt. Die „reale Welt“ verkommt mehr und mehr zum leidigen Pflichtprogramm, das die Leidenschaft finanzieren und mich ganz nebenbei auch noch ernähren muss. Wie singt Chris Martin von Coldplay in einem meiner absoluten Lieblingstitel so schön: „When you get what you want, but not what you need…“ Doch ich bin überzeugt, dass der kommende Frühling diese trüben Wintergedanken schon bald aus meinem Kopf fegen wird. Denn dann warten schon viele spannende Herausforderungen im Open-Water auf mich. And this will „Fix me“ too!
Bis bald

Euer Bruno

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