Schwimmen in den Sonnenaufgang - für Bruno Baumgartner ein unvergessliches Erlebnis.

Gérard Nguyen

Schwimmen in den Sonnenaufgang
Bilder 1/1
Open Water | 11. Juli 2012

Brunos Blog Bruno Baumgartner: 38 km durch die grüne Hölle

Bruno Baumgartner | Für Bruno Baumgartner war es kein Spaziergang, die 38 Kilometer durch den Neuenburgersee zu schwimmen. In seinem neuen Blog berichtet der Ärmelkanalschwimmer von verschlafenden Bootsführern, Schulterschmerzen, Sodbrennen und nicht funktionierenden Navigationsgeräten. Doch angekommen ist er trotzdem.
Liebe swim.de Freunde,
es gibt Albträume, in denen man rückwärts eine Treppe hinunterfällt oder solche, in denen einem ein schwarzes Ungeheuer nackt durch das Unterholz jagt und schließlich von hinten … aber lassen wir das. Und dann gibt es jene Albträume, die einem eine trügerische, schon fast verspielte Sicherheit vermitteln. Diese zerbröselt erst im Verlaufe der Zeit nach und nach zu Staub und zeigt ihr hässliches Gesicht.

Eine verschlafene Stimme im Hörer

Als wir morgens um 4.30 Uhr in Yverderon-les-Bains eintrafen und unser Boot noch nicht zu sehen war, ahnte ich von den kommenden Entwicklungen noch nichts. Gut gelaunt wählte ich die Nummer des Bootführers und hörte nach geschätzten 30 Mal Klingeln seine verschlafene Stimme im Hörer: „Was? Seid ihr schon da?“ Leider stimmte sein Wecker nicht ganz mit der restlichen, mitteleuropäischen Zeit überein. Aber so etwas wirft mich schon längst nicht mehr aus der Bahn und knappe zehn Minuten später war er auch schon vor Ort und wir verluden Sack und Pack auf das Boot.

Ich scherzte zu diesem Zeitpunkt noch und meinte: „Wenn das das Schlimmste ist, was uns heute passiert, dann ist die Welt in Ordnung!“ Als uns Skipper Beni ans Ende des Schiffskanals zum Startort fuhr, merkte ich schnell, dass ich auf dem Boot nicht vorhandenen Platz beanspruchte. Ich beschloss, das Boot so schnell wie möglich zu verlassen.

Ausziehen – Badekappe auf – Brille auf – GPS-Uhr anziehen – das alles war eigentlich ein eingespieltes Ritual. Doch als ich über Bord sprang, wusste ich noch in derselben Sekunde, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte. Aber es wollte mir nicht einfallen, was es war. Der Gedanke blieb latent im Unterbewusstsein hängen, als ich die Uhr startete und in den stockdunklen Kanal eintauchte. Ein Novum für mich! Ich war bis anhin noch nie bei fast völliger Dunkelheit gestartet. Es war zugegeben unheimlich und ich betete fast etwas, dass ich keinen Kontakt mit irgendwelchem Unterwasser Gewächs haben würde.

Ein goldener Feuerball am Horizont

Der See lag spiegelglatt vor uns und im Osten verhieß ein goldener Schimmer den nahenden Sonnenaufgang. Die ersten Kilometer waren einfach herrlich und zerstreuten alle Restsorgen. Ich war felsenfest überzeugt, dass dies ein perfekter Schwimmtag werden würde. Und dann erhob sich dieser goldene Feuerball am Horizont und tauchte den See in ein magisches Licht. Es war kitschiger und zugleich schöner als in jedem Film, den ich bisher gesehen hatte. Und ich schwamm direkt in diesen herrlichen Sonnenaufgang hinein. Mehrmals überlegte ich mir anzuhalten, um dieses Schauspiel einfach zu genießen.

Doch wir waren kaum eine Stunde unterwegs und ich wusste, dass noch mindestens neun oder zehn weitere folgen würden. Und schon in dieser frühen Phase begann das Unheil seinen Lauf zu nehmen. Ich fühlte mich plötzlich schwach und zittrig, als wäre ich unterzuckert. Die Kraft ließ merklich nach und das Schwimmen fiel mir nach noch nicht einmal zwei Stunden schwerer und schwerer. Panik kam in mir auf. Ich hielt außerplanmässig an und verlange von meiner Frau das Energiegel, das erst in einer halben Stunde geplant war. Und schon 20 Minuten später ging es mir tatsächlich wieder besser und die Krise war überwunden.

Vaseline vergessen

Etwa in diesem Moment wurde es mir schlagartig klar – ich habe schon mehrmals gesagt, dass ich euch nichts vorlügen oder etwas beschönigen werde und dazu stehe ich auch – folgendes ließe sich gut unter den Teppich kehren und verschweigen: Ich hatte in der Eile vergessen, Achselhöhlen, Schultern und Nacken mit Vaseline einzureiben. Im Gegensatz zu anderen Schwimmern fette ich nicht meinen ganzen Körper ein, weil ich diesbezüglich Mike Oram glaube, der jahrelang Schwimmer erfolgreich über den Englischen Kanal gebracht hat.

Einfetten hilft hervorragend gegen die Reibung, hat aber als Kälteschutz lediglich eine psychologische Wirkung. Und hier mögen einige Schwimmer aufschreien und verneinen – das ist kein Problem. Jeder soll es machen, wie er will. Schließlich kann auch eine Placebo-Wirkung sehr wertvoll sein. Ich streiche mir mit Vaseline lediglich die gegen Reibung exponierten Stellen ein. Und eben das hatte ich vergessen. Ein unverzeihlicher Anfängerfehler, der das Ego fast mehr schmerzen ließ, als später meine Achselhöhlen.

Und mit dieser Erkenntnis kamen auch die Komplikationen. Plötzlich kam Wellengang auf und ich merkte deutlich, wie das Wasser von Minute zu Minute unruhiger wurde. Bei einem Verpflegungsstopp (bei dem das Boot natürlich nicht berührt werden darf), meinte Skipper Beni, dass das Wetter uns wohl einen Strich durch die Rechnung machen würde. Der Wind komme aus der ganz anderen Richtung als ursprünglich prognostiziert. Deutlich konnte man die Oberflächenströmung auf dem See erkennen, die uns jetzt entgegenwirkte.

Außerplanmässiger Halt

Innerhalb von wenigen Sekunden trieb das Boot geschätzte 20 Meter von mir weg und ich ahnte Schlimmes. In der Folge schwamm ich mehre Stunden gegen diese Strömung an und wusste plötzlich, dass mir diese ein Erreichen des Ziels fast unmöglich machen würde. Ich legte einen außerplanmässigen Halt ein und fragte Skipper Beni, ob wir versuchen sollten, näher am Ufer ruhigeres Wasser zu finden. Er hielt dies für eine gute Idee und so wichen wir von der „Ideallinie“ ab und steuerten diagonal gegen das rechte Seeufer zu.

Nach etwa 1,5 Stunden beruhigte sich der See tatsächlich und ich konnte endlich wieder fühlbar Meter zurücklegen. Doch wie ich anfangs sagte, hatte der Albtraum erst seine zarten Fühler ausgestreckt. Als zweites nahm er sich meinen Rücken vor und verpasste mir dort heftige Schmerzen. Bei jedem Halt rollte ich mich kurz zu einer Kugel zusammen und schaffte es so den Schmerz immer im erträglichen Mass zu halten. Doch wenige Kilometer später gesellte sich die linke Schulter hinzu, die alsbald durch die Reibung von einem stechenden Brennen in den Achselhöhlen dezent untermalt wurde.

Termine finden

Swim Onlineshop