Weltmeister und Weltcupsieger im Open-Water-Schwimmen: Thomas Lurz

Silke Insel / spomedis

Weltmeister und Weltcupsieger im Open-Water-Schwimmen: Thomas Lurz
Bilder 1/1
Open Water | 18. April 2011

Thomas Lurz im Interview "10 Kilometer Schwimmen zum Frühstück"

Frank Wechsel | Thomas Lurz hat im Open-Water-Schwimmen alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Weltcupsieger, Weltmeister, Schwimmer des Jahres. Nur die Olympische Goldmedaille fehlt dem Würzburger noch in seiner Sammlung. Wie er trainiert, um diese im kommenden Jahr im Londoner Hyde Park zu holen, erzählt er im swim.de-Interview.
Open Water bei Olympia
Im August 2008 wurden auf der olympischen Ruderstrecke von Peking erstmals Medaillen im Open-Water-Schwimmen vergeben. Gold holten Maarten van der Weijden (NED) und Larisa Ilchenko Russia (RUS), Thomas Lurz wurde Dritter. Die Entscheidungen der nächsten Spiele fallen am 9. und 10. August 2012 im Serpentine Lake des Londoner Hyde Parks.
Das Open-Water-Schwimmen ist noch eine junge Sportart auf dem olympische Parkett. Die meisten Open-Water-Schwimmer haben durchaus Erfolge im Pool vorzuweisen - worin sehen Sie die Faszination des Freiwasserschwimmens?
Je länger die Strecke wird, desto besser ist das für mich. Auch ich war vorher ja im Pool aktiv und mehrmals Deutscher Meister über die 1.500 Meter. Auf der Strecke habe ich es auch bis zu den Olympischen Spielen in Athen geschafft. Aber dann ist das Freiwasserschwimmen olympisch geworden und ich habe für mich größere Chancen auf der 10-Kilometer-Strecke gesehen. Im Freiwasser kommen mir einige Dinge entgegen. So gibt es dort zum Beispiel keine Wenden.
Wenden liegen Ihnen nicht?
Na ja, im Vergleich zur Weltspitze auf den 1.500 Metern kommt es mir schon entgegen, keine Wenden zu haben ...
Gab es bei Ihnen einen konkreten Anlass oder ein Aha-Erlebnis, nach dem Sie gesagt haben: Jetzt bin ich Open-Water-Schwimmer?
Ich bin schon immer viel im Freigewässer geschwommen, schon 2001 bei der Weltmeisterschaft in Fukuoka war ich im Open-Water-Wettbewerb dabei. Das hat mir schon immer gut gefallen, doch erst 2005 fiel die Entscheidung, dass diese Disziplin olympisch wird. Bis dahin habe ich meine Zukunft auf der olympischen 1.500-Meter-Strecke im Pool gesehen. Das Freiwasserschwimmen war mir schon immer sympathisch, da ich dort einfach besser war. Anders herum hat mir das Freiwasserschwimmen aber auch viel geholfen, mich im Becken weiterzuentwickeln.
Viele Schwimmer scheitern schon an der ersten Hürde und sagen: Ein Gewässer, wo ich den Grund nicht sehen kann - da gehe ich nicht rein!
Ja, die Bedingungen sind schon ganz andere: Salzwasser, schlechte Sicht, dreckiges Wasser, sauberes Wasser, Wellen, Wind und solche Geschichten schrecken viele ab. Im Freiwasser ist es manchmal schon hart, ein Rennen überhaupt durchzuschwimmen, weil die Anforderungen viel extremer sind. Da werden neben der Leistungsfähigkeit ganz andere Dinge wichtig. Viele Schwimmer haben, obwohl sie schwimmen können, Angst davor: Man schwimmt in der Natur - manchmal auch mit ihren Bewohnern. Im Meer muss man oft mit Quallen und Haien rechnen, aber das muss dich in einem Rennen kalt lassen. Der Freiwasserschwimmer muss sehr ehrgeizig, diszipliniert und kämpferisch eingestellt sein, sonst funktioniert es nicht. Open-Water-Schwimmen ist eine sehr harte Sportart!
Wo trainieren Sie?
Ich trainiere ausschließlich im Schwimmbecken! In Deutschland haben wir über das Jahr nur wenige Möglichkeiten, draußen zu traineren - wenn es hier warm genug wäre, sind wir meistens zu den Wettkämpfen im Ausland unterwegs. Ich habe über die Jahre viele Erfahrungen bei Wettkämpfen gesammelt, jeder Wettkampf ist anders als der davor. Ich entwickle mich von Rennen zu Rennen weiter, nicht im Training.
Wie sieht ein typischer Trainingstag im Alltag des Thomas Lurz aus?
Um 7 Uhr früh beginnt mein erstes Training, so um die zwei Stunden, also zwischen sieben und zehn Kilometer. Dann gehe ich nach Hause zum Frühstück und ruhe mich aus. Um 15 Uhr beginnt das Trockenprogramm, eine oder eineinhalb Stunden mit Kraftübungen oder Ergometertraining. Von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr folgt die zweite Schwimmeinheit, wieder sieben bis zehn Kilometer.
Thomas Lurz: Mein Lieblingstraining
Gesamtdistanz: 9,8 Kilometer
100 m Einschwimmen
1.200 m Lagen, alle 50 m wechseln
10 x 50 m Kraul (1 x Übung, 1 x Kopf hoch, 2 x 5er-Zug
3 x 800 m Kraul aerob, Start alle 9:45 min
6 x 400 m Kraul aerob, Start alle 4:55 min
10 x 200 m Kraul aerob, Start alle 2:35 min
10 x 100 m Kraul aerob, Start alle 1:20 min
200 m Ausschwimmen
Aber im Trainingslager unter südlicher Sonne geht es dann ins Freiwasser?
Auch dann trainiere ich eigentlich ausschließlich im Pool, weil ich mein Training dort einfach besser steuern kann. Dort kann ich objektiv meine Zeiten und Distanzen einschätzen. Das ist draußen im Freiwasser ja eher schwierig. Für Neulinge und Breitensportler macht es natürlich Sinn, ab und zu im Freiwasser zu traineren, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Aber mit meinen zehn Jahren Erfahrung brauche ich das nicht mehr, ich habe sämtliche Bedingungen bei Wettkämpfen mitgemacht.
Wie motivieren Sie sich für die gewaltigen Umfänge im Pool?
Das Schwimmen ist zu meinem Beruf geworden, seitdem ich mein Studium 2007 beendet habe. Die Motivation nehme ich aus den Zielen, die ich intensiv verfolge - das größte ist, 2012 bei den Olympischen Spielen in London die Goldmedaille zu gewinnen. Das ist das einzige, was ich in meiner Sportart bisher noch nicht geschafft habe. Aber um dieses Ziel zu erreichen, muss ich professionell daran arbeiten. Da erübrigt sich die Frage nach der Motivation. Wenn das Training Spaß macht, beißt man sich auch gern durch.
Es gibt ja ein paar Hilfsmittel, mit denen man lange Trainingseinheiten etwas bunter gestalten kann. Haben Sie einen wasserfesten MP3-Player?
Ich habe einen, den ich aber nur gelegentlich nutze. Der Player wäre ideal für das Freiwasserschwimmen, wo er gut hält - im Beckenschwimmen ist es für Leistungsschwimmer schwierig, da die Strömung beim Abstoß zu groß ist. Außerdem lenkt mich Musik zu sehr ab, ich verliere da eher die Konzentration. Die Lieblingsmusik ist toll, aber zur Motivation gehört weitaus mehr.

Motiviert Sie vielleicht die Aussicht auf Ihre Lieblingsspeisen nach dem Training? Auf Ihrer Website geben Sie dazu Pasta, Hähnchen, Hamburger, Pizza und Süßigkeiten an. Fisch fehlt auf dieser Liste ...
Doch, Fisch esse ich sehr gern. Ich angele auch selbst. Fisch ist ja auch sehr gesund und grundsätzlich ernähre ich mich auch gesund. Aber ich gehe auch gern mal in den Imbiss. Nach meiner Schwimmerkarriere würde ich gern mein eigenes McDonalds-Restaurant aufmachen. Natürlich müssen die kulinarischen Ausflüge in Maßen stattfinden. Nach einem 10-Kilometer-Rennen ist der Fastfood-Burger aber gar nicht so schlecht - man kann relativ schnell viel Energie zu sich nehmen, und mir schmeckt's - vor allem, wenn ich vorher die ganze Zeit nur Kohlenhydratpulver und Energiegels zu mir genommen habe.
FINA 10 km World Cup 2011
  • 17.04. Santos (BRA)
  • 30.04. Cancun (MEX)
  • 18.07. Setubal (POR)
  • 24.07. Roberval (CAN)
  • 13.08. Lac-Mégantic (CAN)
  • 25.09. Shantou (CHN)
  • 02.10. Hong Kong (CHN)
Inwieweit bereiten Sie sich auf die einzelnen Locations des Weltcups vor? Beschäftigen Sie sich viel mit den örtlichen Bedingungen?
Ja, genau das macht den Sport so interessant: Schwimmbecken sind überall auf der Welt standardisiert. Im Freiwasser ist jede Weltcup-Station und jedes Rennen ganz anders. Es gibt sehr, sehr schöne Locations, aber auch sehr grenzwertige. Ich kenne die Orte aber und weiß mittlerweile, was bei welcher Station auf mich zukommt.

Mit grenzwertigen Locations meinen Sie sicher auch den Ort des letztjährigen Weltcup-Finals in Dubai, als der US-Topschwimmer Francis Crippen plötzlich aus dem Blickfeld verschwand und erst später tot aus dem warmen Meer geborgen werden konnte. Ist Freiwasserschwimmen gefährlich?
Das Ereignis in Dubai hat uns alle geschockt. Freiwasserschwimmen ist grundsätzlich aber nicht gefährlicher als andere Sportarten. Wir brauchen aber Rahmenbedingungen, die die Sicherheit für uns Sportler garantieren! Da wir uns in der Natur bewegen, wird Freiwasserschwimmen immer eine sehr harte Sportart bleiben. Wassertemperaturen von über 30 Grad sprengen aber den Rahmen! Bei zehn Kilometern sind wir zwei Stunden unterwegs, da ist das einfach zu warm. Auch Marathonläufe starten in heißen Gebieten ja nicht um die Mittagszeit.

Wie oft war bei Ihnen in letzter Zeit Gedanke da: Mensch, das hätte auch mich treffen können?
Francis Crippen (1984-2010)
Der US-Amerikaner Francis Crippen war zweimal amerikanischer Meister über 800 Meter, bevor er ins Freiwasser wechselte. 2009 gewann er bei der WM in Rom die Bronzemedaille über 10 km hinter Thomas Lurz und Andrew Gemell (USA). Beim Weltcupfinale 2010 in den Vereinigten Arabischen Emiraten erreichte er nicht das Ziel. Zwei Stunden nach dem Rennen wurde er tot aus dem Meer geborgen. Crippen war im über 30 Grad warmen Wasser an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben.
Man denkt natürlich darüber nach: Wenn es mir in dem Rennen schlecht gegangen wäre - wäre ich dann ausgestiegen oder nicht? Ich bin für mich zu keinem Ergebnis gekommen. Die Veranstalter sollten dafür sorgen, dass immer genug Boote und Rettungsschwimmer in der Nähe sind, die das Feld genau beobachten. Es gibt zur neuen Saison einige Regeländerungen - die Wassertemperatur wurde darin aber noch nicht aufgenommen. Ich hoffe hier aber auf die Zukunft!

Die Leistungsdichte in der Weltspitze ist enorm hoch, oft werden Rennen im Endspurt entschieden. Stehen Sie sich auch vor und nach den Rennen so nahe?
Früher waren wir wie eine Familie, aber seitdem Freiwasserschwimmen olympisch ist, wächst die Sportart schnell. Die Teilnehmerfelder werden größer, man kennt nicht mehr jeden einzelnen Athleten ganz genau, auch wenn die Kontakte insgesamt sehr gut sind. Es herrscht ein fairer Umgang miteinander.

Registrieren Sie unterwegs, welcher Konkurrent sich gerade wo befindet?
Ja, das gehört zur Taktik dazu und ich beherrsche das ganz gut. Der Grund, warum unsere Rennen im Endspurt entschieden werden, ist ganz einfach: Wir können im Sog des Vordermanns schwimmen. Die Leistungsdichte ist so hoch, dass es unmöglich ist, den anderen unterwegs schon wegzuschwimmen. Die Rennen entscheiden sich immer auf den letzten 1.000 oder 500 Metern und dann im Endspurt. Das ist ganz ähnlich wie bei den langen Radrennen.

Kann man dieses Wasserschattenschwimmen im Pool gut trainieren?
Ja, das kann man. Man muss ja einfach nur hinterherschwimmen. Im Schwimmbecken ist das natürlich einfacher, da das Wasser klar ist und man alles sieht. Im Freiwasser muss man oft nach vorn einatmen und schauen, wo die anderen sind - oder den Sog erfühlen.

Bei Ihrem hohen Grundtempo wechseln Sie dann sicher alle 500 Meter den Sparringpartner ...
Eine gute Trainingsgruppe ist mir tatsächlich sehr wichtig. Hier in Würzburg haben wir eine solche, mit Jan Wolfgarten als 1.500-Meter-Europameister auf der Kurzbahn als Trainingspartner klappt das sehr gut. Das ist gerade auf den Langstrecken sehr wichtig, man kann das nicht alles allein trainieren.

Wie trainieren Sie darauf hin, auch nach einer enormen Ausdauerleistung noch die Spurtstärke aufbringen zu können?
In erster Linie müssen wir natürlich die Umfänge trainieren. Die vielen Trainingskilometer müssen im Körper einfach drin sein, um die ersten neun Kilometer so zu verkraften, dass man auf dem letzten noch schneller schwimmen kann. Da summieren sich irgendwann auch die Trainingsjahre, die man auf dem Buckel hat. Im Langstreckenschwimmen ist es nur selten der Fall, dass von heute auf morgen jemand vorbeikommt und gleich alles gewinnt.

Sie geben die Olympischen Spiele 2012 als Ihr großes Ziel an. Wie werden Sie den Weg dorthin gestalten?
Das erste Ziel ist natürlich die Qualifikation für London. Die findet bei uns zum Teil schon in diesem Jahr statt: Mit einer Top-10-Platzierung bei der Weltmeisterschaft in Shanghai ist man dabei. Danach muss ich weitersehen, wie ich den weiteren Weg gestalte.

Im Olympiajahr werden Sie 33 Jahre alt. Haben Sie Ziele, die über die Spiele hinausgehen? Muss man als Langstreckenschwimmer zum Beispiel einmal im Leben den Ärmelkanal geschafft haben?
Nein, muss man eigentlich nicht. Die olympische 10-Kilometer-Distanz und die Extremstrecken wie den Ärmelkanal muss man ganz klar unterscheiden. Der Ärmelkanal ist von den äußeren Bedingungen extrem hart, weil das Wasser einfach so furchtbar kalt ist. Sieben Stunden bei 14 bis 16 Grad Wassertemperatur gehen an die Grenzen. Man kann das auch nicht wirklich trainieren, das einfachste wäre, einfach ein bisschen zuzunehmen. Auch die Distanz ist mit 34 Kilometern Luftlinie deutlich länger. Dafür müsste man ganz anders trainieren - aber das würde mir auf meinen zehn Kilometern zum Nachteil gereichen, weil man so viel an Grundgeschwindigkeit verliert.

Termine finden

Swim Onlineshop