Bruno Baumgartner bei der Umrundung von Alcatraz.

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Bruno Baumgartner bei der Umrundung von Alcatraz in der Bucht von San Francisco.

Bruno Baumgartner vor der Golden Gate Bridge.

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Bruno Baumgartner vor der Golden Gate Bridge.

Bruno Baumgartner in der Bucht von San Francisco.

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Bruno Baumgartner in der Bucht von San Francisco.
Bilder 1/1
Open Water | 5. Mai 2011

Brunos Blog Bruno Baumgartner: Escape from Alcatraz

Bruno Baumgartner | Im altehrwürdigen Dolphin Swimming Club in San Francisco erblickte Bruno Baumgartner eine Tafel mit der Inschrift "Successful English Channel Swims". Da war die Idee, im Sommer 2011 den Ärmelkanal zu durchschwimmen, bereits geboren. Doch davor stand noch die Umrundung der legendären Gefängnisinsel Alcatraz, über die der Schweizer in seinem neusten Blogbeitrag berichtet.
Liebe swim.de-Freunde,
ich will nicht zu sehr in der Vergangenheit schwelgen, aber von der Umrundung von Alcatraz im Oktober 2010 möchte ich trotzdem berichten. Ich denke, es ist für jeden Open-Water-Schwimmer einfach ein tolles Erlebnis. Anläßlich des RCP Tiburon Mile Open Water Swim flogen meine Frau und ich nach San Francisco. Fliegen ist bei mir etwa so beliebt wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Trotzdem nahm ich die Reise in Kauf, denn das Schwimmen fasziniert mich, seit ich das erste Mal drüber gelesen habe.
Das Rennen mit Größen wie Thomas Lurz oder Chip Pietersen war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte und endete für mich mit dem unfassbaren 3. Platz in meiner Altersgruppe. Doch ich hatte mir für diesen Kurztrip noch ein weiteres Ziel gesteckt. Wenn ich schon in San Francisco war, dann wollte ich unbedingt den faszinierenden Mythos von Alcatraz ergründen. Ich musste wissen, was es mit den tückischen Strömungen, der Kälte und der damit einhergehenden Ausbruchsicherheit auf sich hatte. Dass es durchaus möglich ist, von der Insel unbeschadet ans Festland zu schwimmen, wird jedes Jahr am Escape from Alcatraz Triathlon oder am Alcatraz Sharkfest™ Swim von vielen Athleten bewiesen. Also wollte ich versuchen, die Insel zu umrunden, um anschliessend wieder am exakt selben Ort am Festland anzukommen.
Als Startpunkt für das Vorhaben wählte ich den Aquatic Park. Dieser fast kreisrunde, abgeschirmte Hafenbereich liegt gleich neben der berühmten Fisherman’s Wharf. Hier trainieren unter anderem auch San Franciscos Triathleten. Am rechten Endes des Parks befindet sich der altehrwürdige Dolphin Schwimmclub. Für 6.50$ erhält man dort mittwochs und freitags auch als Gast Zutritt. Bereits die Türklingel hat ihren ureigenen Charme. Es ist ein schlichter, eiserner Griff der aus der Wand ragt. Man muss ihn drehen, um im Inneren des Gebäudes eine alte Messingglocke zu läuten. Mit etwas Glück öffnet dann ein Mitglied die Tür und gibt einem eine kleine Einweisung.
Es war ein magischer Augenblick, als ich zum ersten Mal die alten Stufen zu den Umkleideräumen hochstieg. Dutzende von schwarz-weißen Bildern an der Wand zeugen von den Erfolgen längst vergangener Tage. Man sieht Bademode auf den Bildern, die weit in die 40er oder sogar 30er Jahre zurückgeht. Doch wie viel Geschichte sich in diesen Räumen angesammelt hat, erkennt man erst, wenn man den Aufenthaltsraum im Obergeschoss betritt. An den Wänden mit dunkler Holztäfelung findet man Trophäen aus allen Regionen und Epochen. Jede Pore dieses Clubs atmet Geschichte aus. Unwillkürlich packte mich eine tiefe Ehrfurcht beim Betrachten der vielen Bilder, Wimpel und Pokale. Eine dunkle Tafel mit Messingschildern erregte schnell meine besondere Aufmerksamkeit. Sie trug die gravierte Inschrift „Successful English Channel Swims". Im Jahr 2009 hatten alleine drei Mitglieder des Clubs den Kanal erfolgreich durchquert.
Auch die Umkleidekabine des Clubs hat ihre ganz eigene Ausstrahlung. Wer hygienische Kacheln und saubere Kleiderkästchen aus Edelstahl erwartet, der ist vollkommen fehl am Platz. Der Bodenbelag ist wellig, undefinierbar und wohl Heimat diverser aggressiver Pilzsporen. Die Kleiderkästchen sind allesamt alt, verbeult, rostig und meist mit Aufklebern oder Bildern von leichtbekleideten Mädchen verziert. Neben dem Eingang zur Dusche steht etwas verloren ein Wischmobb vor einem Schild auf dem steht: „Wipe away your puddles!", was etwa so viel heißt wie: „Wischt Eure Pfützen weg!" Doch währen meiner vier Trainingseinheiten habe ich niemanden gesehen, der den Mob auch nur eines Blickes würdigte. Der Ton im Club reicht von sehr freundlich, über misstrauisch, bis hin zu militärisch streng. Die ältesten Mitglieder schwimmen hier bereits seit über 40 Jahren ohne Neo in der kalten Bucht. Dementsprechend misstrauisch betrachten sie Neulinge und schütteln beim Anblick eines Neoprenanzuges schon einmal verständnislos den Kopf. Ich kann jedem Schwimmer nur empfehlen, den Club einmal zu besuchen, wenn er in der Stadt weilt. Ambiente und Ausstrahlung sind einmalig.
Am 18. Oktober war es schließlich soweit und wir trafen uns mit dem Bootsführer Ted Choi, der bereits mehrere Schwimmer mit dem Boot begleitet hatte. Ted sagte mir, er dürfe nicht in den Aquatic Park fahren und würde ausserhalb der Hafenmauer auf mich warten. Nach kurzer Vorbesprechung lief ich nur mit Badehose, Kappe und Schwimmbrille bekleidet über den Gehsteig zum Strand vom Aquatic Park. Es ist wohl bezeichnend für Amerika, dass mich deswegen kein Mensch auch nur eines Blickes würdigte. Als ich schließlich vom Strand aus in das 14 Grad kalte Wasser marschierte, schlug mein Herz wie wild. Das Wasser ist nicht wirklich sauber und man hat praktisch null Sicht unter Wasser – höchstens 30 cm. Als ich mich dem Hafenende und dem Boot näherte, musste ich unwillkürlich an die Erzählungen über menschenfressende Haie denken, die gerüchtehalber wegen den Häftlingen verbreitet worden waren. Trotzdem waren auf Höhe der Golden Gate Bridge tatsächlich auch schon Weiße Haie gesichtet worden. Was, wenn ein Seelöwe unter mir durchtauchen und ich nur den Schatten erkennen würde? Was, wenn der Seelöwe kein Seelöwe wäre? Doch auf Höhe des Bootes mit Sichtkontakt zu meiner Frau und Ted schaltete ich ab und ging auf Autopilot. Zu eindrücklich und erhaben war das Gefühl, sich Meter für Meter der Gefängnisinsel zu nähern, die andere nur mit Hilfe eines Bootes erreichen konnten.
Dann war er da, der Felsen – „The Rock". Alles an der Insel wirkt schroff und karg. Ob nun die zerklüfteten Felsen an der Küste, die spärliche Vegetation oder die verrotteten Gebäude. Alcatraz ist kein Ort, der freundlich „Hallo" sagt. Seine Aussage ist eher: „Bleib weg – und das soweit wie möglich!" Dennoch strahlt die Insel eine unglaubliche Faszination aus, der man sich nicht entziehen kann. Mit jedem Armzug wurde ihre Präsenz deutlicher und ich genoss die kurzen Blicke beim Atmen. Der Teil hinter Alcatraz stellte sich als der schwierigste heraus. Vermutlich durch Felsen unter Wasser entstehen dort Verwirbelungen, die einen plötzlich zurückziehen und kurz auf der Stelle schwimmen lassen. Doch auch dieser Teil war bald geschafft, und wenig später erreichten wir die Anlegestellt der Touristenfähre.
Jetzt ging es nur noch darum, den Rückweg zu bewältigen, ohne zu weit abgetrieben zu werden. Der schnelle Hinweg hatte mir Mut und Kraft verliehen. Trotz merklicher Gegenströmung blieben wir erstaunlich gut auf Kurs. Ich hatte beschlossen, ein Hafengebäude rechts neben dem Aquatic Park anzuvisieren, um mich gegen Ende des Schwimmens von der Strömung nach links zum Park treiben zu lassen.  Doch das erwies sich als unnötig und schließlich erreichten wir den Zielort praktisch in einer geraden Linie. Nach knapp einer Stunde und 40 Minuten stand ich freudestrahlend wieder sicher am Strand. Ich fragte mich, wie eine Flucht mitten in der Nacht für einen ungeübten Schwimmer wohl gewesen sein musste? Die Dunkelheit, die Kälte, die Angst vor Entdeckung und Haien? Ich für meinen Teil genoss das Wissen, es geschafft zu haben und die anschließende warme Dusche im Dolphin Schwimmclub. Das Ende des erfolgreichen Abenteuers feierten wir am Abend bei herrlichem Seafood und einem guten Glas Wein.
Bruno Baumgartner

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