Eine ziemlich coole WM

Am zweiten Wochenende im Januar werden in Wöhrsee in Burghausen zum dritten Mal die Deutschen Meisterschaften im Eisschwimmen und erstmals die Weltmeisterschaften ausgetragen. Ein Mann spielt im Eiswasser und am Seeufer die wohl wichtigste Rolle: Christof Wandratsch.

| 30. Dezember 2016 | AKTUELL

Christof Wandratsch | Christof Wandratsch ist Mitorganisator der WM und wird auch selbst schwimmen.

Christof Wandratsch ist Mitorganisator der WM und wird auch selbst schwimmen.

Foto >Martin Tschepe

Winter in Burghausen. Das heißt seit drei Jahren: Offene Deutsche Meisterschaften im Eisschwimmen. Anfang Januar ist es wieder soweit. Diesmal finden zusätzlich die Weltmeisterschaften im Eisschwimmen statt: 1.000 Meter bei weniger als fünf Grad Wassertemperatur. Zugelassen sind nur Badehose beziehungsweise Badeanzug und Bademütze sowie Schwimmbrille. Sonst nichts. Verrückt? Ja, kann man sagen.

Und mit dabei ist - wie könnte es anders sein? - Christof „Wandi“ Wandratsch. Der Extremschwimmer aus Burghausen hat schon alle möglichen und unmöglichen Rekorde aufgestellt. Er hat 1991 bei der Europameisterschaft Gold über 25 Kilometer im Freiwasser gewonnen und 1993 bei einem 24-Stunden-Schwimmen mit 80,5 Kilometern einen Rekord aufgestellt, 2005 den Ärmelkanal in der Rekordzeit 7:03:52 Stunden durchschwommen. Früher hat der Wandi immer gesagt, kaltes Wasser, das sei nichts für ihn.

Erfahrener Extremschwimmer

Zusammen mit seinem langjährigen Trainer Stefan Hetzer ist der Extremsportler ständig auf der Suche nach der nächsten ultimativen Herausforderung. Im Frühsommer 2013 hat Wandratsch als erster Schwimmer die Bodenseelängsquerung geschafft, ist in 20 Stunden und 41 Minuten nonstop fast 67 Kilometer weit geschwommen.

Als sein Trainer ihm wenig später feixend verkündete, dass er einen neuen Wettbewerb ausfindig gemacht habe, das Eisschwimmen, da hat der Christof dem Stefan erst mal einen Vogel gezeigt und sinngemäß erklärt: So einen Blödsinn werde er ganz bestimmt nicht mit machen. Es kam anders.
Ohne den 50-jährigen Hauptschullehrer Christof Wandratsch gäbe es die Ice Swimming Aqua Sphere German Open und die WM nicht in Burghausen - und bestimmt auch sonst nirgendwo in Deutschland.

INFO
Bislang sind für das Eisschwimmen in Burghausen rund 600 Starts gemeldet. Für die German Open ist der Meldeschluss am 31. Dezember.
www.ice-swimming.com

Kampf um die Krone

Wandratsch hat die Szene, die von Nordeuropäern dominiert wurde, schnell dominiert. Im Januar 2015 indes hat er seinen Weltrekord über 1.000 Meter im Eiswasser an Petar Stoychev verloren. Der Bulgare hat damals für die Königsdisziplin, den Kilometer, 12:28 Minuten benötigt - und dem Wandi rund eine halbe Minute abgenommen. Eine halbe Minute! Damals haben einige gesagt: Jetzt übernehme die Jugend. Wandratsch sei halt zu alt. Stimmt nicht.

Der Wandi hat im Dezember in Wien einen neuen Weltrekord über 1.000 Meter im Eiswasser aufgestellt: 11:59 Minuten. Er geht als einer der Topfavoriten in die WM. Mit der schnellsten Meldezeit reist indes der Ire Chris Bryan an: 11:52 Minuten. Er hat die Olympischen Spiele in Rio nur knapp verpasst, und er ist verdammt schnell.

Wandi äußert sich zurückhaltend, sagt: „Ich möchte noch mal eine Bestzeit schwimmen und dann sehen, welcher Platz rauskommt“. Der Eismeister will „möglichst viele Youngster hinter mir lassen“. Da sollte ihm gelingen.

Fällt der Weltrekord?

Keine Frage: die Weltmeisterschaften in Burghausen - dem Mekka für Eisschwimmer im Land - versprechen Spannung pur. Auch bei den Damen. Julia Wittig aus Burghausen gehört zu den Topfavoritinnen, sie hält mit grandiosen 12:21 Minuten den Weltrekord, ebenfalls kürzlich in Wien geschwommen.

Für die WM haben sich die Teilnehmer qualifizieren müssen. Bei den German Open hingegen darf starten, wer will. Die Schwimmer sollten halt ein bisschen verrückt sein – schwimmverrückt. Und sie sollten seit vielen Monaten regelmäßig im Eiswasser kraulen. Fast überall im Land wird zurzeit eifrig trainiert - in Seen und in Flüssen, die seit ein paar Wochen auf Betriebstemperatur sind.

Vor- und Endläufe im Eiswasser

Nach der WM, die am 6. Januar über die Bühne geht, stehen am 7. Januar die 1.000 Meter Freistil auf dem Programm, die 50 Meter Brust, die 100 Meter Lagen sowie zwei Staffeln. Am 8. Januar folgen 50, 200 Meter und 500 Meter Freistil und 200 Meter Brust.

Außer bei den 1.000 Metern qualifizieren sich die jeweils schnellsten acht Schwimmer für die sogenannten Superfinales. Sie müssen (oder sie dürfen) also nach ihren Vorläufen nochmal im eiskalten Wöhrsee schwimmen.

Christof Wandratsch sagt, er habe für das kommende Jahr noch keine neuen Projekte im Kopf, er wolle sich zunächst voll auf die WM daheim fokussieren. Völlig egal, wie lange er noch im Eiswasser schwimmt: „Aus der Sportart wird sicher noch Großes werden“. Der Weltrekordler will „zusammen mit meinem Team alles was in unserem Ermessen liegt dafür tun, dass der Hype weiter geht“. „Immerhin waren wir erst kürzlich in der New York Times, mit einer ganzen Seite.“  Zur WM nur noch so viel vom Wandi: „Als Weltrekordhalter bin ich natürlich der Gejagte.“

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Er schwimmt in Burghausen unter anderem die 1.000 Meter bei den German Open.