"Wir werden die Pflichtzeiten anziehen"

Die Wut bei den Masters über immer vollere Meisterschaften wächst. Härtere Pflichtzeiten und ein neues Wettkampf-Format könnten die Probleme lösen, sagt die Fachsparten-Vorsitzende im DSV Ulrike Urbaniak im SWIM-Interview. Doch das erzeugt neue Probleme.

| 6. Januar 2017 | Aktuell

DM Masters | DM Masters

Zieleinlauf bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften der Masters 2014.

Foto > Gaby Ahnert

Frau Urbaniak, die großen Masterswettkämpfe platzen aus allen Nähten und die Unzufriedenheit darüber wächst. Wird Ihnen nicht angst und bange, wenn Sie an die nächste WM mit 20.000 Teilnehmer denken? Mit hohen Meldezahlen ist zu rechnen. Allerdings werden die äußeren Bedingungen für die Aktiven besser sein als in London oder Montreal. In Budapest gibt es sehr viele Schwimmbäder, sodass ein Ausweichen auf Wasserflächen leichter machbar ist. Bei der Organisation wird es hoffentlich ebenfalls besser laufen, weil der Sport in Ungarn einen höheren Stellenwert besitzt.

Ulrike Urbaniak | Ulrike Urbaniak

Ulrike Urbaniak führt bei der DM Kurzbahn 2016 eine Siegerehrung durch.

Foto > DSV

Können Sie den Mastersschwimmern Hoffnung machen, dass sich die Situation international und national bald entspannt? Was tun Sie konkret, um die Lage zu verbessern? In Deutschland werden wir die Pflichtzeiten anziehen, um die Meisterschaften auch meisterschaftswürdig durchführen zu können. Da es aber 16 Altersklassen gibt, kann es keine Meisterschaft mit vollem Programmumfang und nur drei Läufen pro Strecke geben. Wir müssen also weiterhin versuchen, mit einer hohen Meldezahl hochwertige Meisterschaften zu bieten. Auch international hoffe ich auf eine Straffung der Pflichtzeiten. Zurzeit sind die deutschen Pflichtzeiten härter als international, was uns häufig vorgeworfen wird. Wir werden auf jeden Fall weiter an einer Straffung arbeiten. Zumindest in der LEN soll meines Wissens darüber nachgedacht werden. Ich befürchte allerdings, dass gerade international die Möglichkeit des finanziellen Gewinns deutlich über dem sportlichen Wert zu liegen scheint.

Die hohen Meldezahlen sind Fluch und Segen. Auf der einen Seite freuen sich mittelmäßige Schwimmer, dass sie einmal an einer Meisterschaft teilnehmen dürfen. Es häufen sich aber auch Klagen über zu volle Schwimmhallen und Wettkämpfe bis tief in die Nacht. Wäre es nicht an der Zeit, die Teilnahme stärker zu beschränken? Wettkämpfe bis in die Nacht hinein haben wir in Deutschland noch nicht gehabt. Eine Beschränkung auf maximal drei oder fünf Starts halte ich persönlich nicht für sinnvoll – denn Deutscher Meister sollte der beste Aktive werden, nicht der, der glücklicher gemeldet hat.

Pflichtzeiten, Start-Limitierung, Verlängerung von Veranstaltungen: Welche Möglichkeiten kommen ernsthaft in Betracht, um die Wettkämpfe zu straffen? Pflichtzeitenstraffung ist auf jeden Fall das Mittel der Wahl für uns, eine Startlimitierung eher nicht. Eine Ausweitung der Wettkämpfe auf einen weiteren Tag halte ich im Mastersbereich, der sich ja aus der arbeitenden Bevölkerung zusammensetzt, auch nicht für sinnvoll. Worüber wir aber nachdenken, ist eine gesonderte Meisterschaft nur für Staffeln – das würde die anderen Wettkämpfe zeitlich entlasten – hat aber auch Nachteile: Erstens müssten wir erneut ein Bad und einen Ausrichter finden, was nicht einfach ist. Ich glaube, viele können sich gar nicht vorstellen, wieviel Planung, Logistik, Organisation und menschlicher Einsatz hinter einer solchen Veranstaltung steckt. Zweitens würde ein zusätzlicher Wettkampf bedeuten, dass die Masters erneut Zeit und Geld aufbringen müssten, um teilnehmen zu können.

Welchen Maßstab könnte es für härtere Pflichtzeiten geben? Die Pflichtzeiten auf der langen Bahn wurden regelmäßig angepasst. Auf der Kurzbahn haben wir daran leider nicht gedacht. Wir wollen die Pflichtzeiten so legen, dass nicht mehr als zwei Läufe pro Altersklasse stattfinden. Dazu werden die Bestenlisten und die Punktwertung herangezogen, um auch über die AKs hinweg eine gleichmäßige Anforderung zu erhalten. Schon in Hannover hatten wir eine erste Überarbeitung vorliegen - die aber erst mit der nächsten Ausschreibung für 2017 in Bremen umgesetzt werden kann.

Ein anderer Vorschlag ist, die Altersklasse 20-24 zu streichen, die es international ohnehin nicht gibt. Wir haben in Deutschland ganz bewusst entschieden, die AK 20 einzuführen. Wir beobachten seit vielen Jahren das Wegbrechen der Schwimmer, wenn sie aus Jahrgangsbereichen in die offene Klasse wechseln. Dort ist es schwierig, genügend Motivation zum Weitermachen aufzubringen, wenn man nicht zur Spitze gehört. Und wer einmal weg ist, kommt nur in seltenen Fällen zurück. Hier wollten wir eingreifen, um den künftigen Masters einen Übergangsbereich zu bieten. Und das ist hervorragend gelungen. Mittlerweile ist die AK 20 mit anderen jüngeren AKs der Bereich mit dem größten Andrang - und es sind sehr leistungsstarke Aktive bei den Masters unterwegs, die sowohl die offene Klasse als auch Masters schwimmen.

 

Ist es überhaupt im Sinne der Verantwortlichen, die Teilnehmerzahlen zu reduzieren? Sie profitieren doch von den Mehreinnahmen. Natürlich profitieren Ausrichter und auch wir in der Fachsparte von den Geldern – wenn man die ehrenamtlich geleistete Arbeit außer Acht lässt und nicht berechnet. Denn ohne die vielen Freiwilligen wäre ein Profit nicht mehr gegeben. Die Helfer des Ausrichters arbeiten ehrenamtlich, genauso wie die Kampfrichter. Aber die anfallenden Reise- und Übernachtungskosten können wir den Kampfrichtern nicht auch noch aufbürden. Alle Helfer und Kampfrichter müssen verpflegt werden, auch Medaillen und Urkunden kosten Geld. Und dazu kommen mittlerweile meist horrende Badkosten – das sollten eigentlich alle Mastersschwimmer nachvollziehen können, die schon mal versucht haben, für ein Trainingslager Wasserzeiten zu besorgen. Dennoch steht bei diesen Wettkämpfen nicht der finanzielle Gewinn im Vordergrund, sondern eindeutig das Angebot einer Meisterschaft und die Ermittlung der besten Mastersschwimmer.

Vor allem bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften wird es eng mit über 1.000 Teilnehmern um ein 25-Meter-Becken. Wie sehen Sie die Zukunft dieses Wettbewerbs? Wir erwarten im nächsten Jahr mit strafferen Pflichtzeiten eine deutlich reduzierte Teilnehmerzahl. Dennoch ist diese Meisterschaft diejenige, die das „Lieblingskind“ der Masters geworden ist. Denn fast alle trainieren auf der Kurzbahn. Dazu kommt sicher auch der Termin am ersten Advent, der einen schönen Jahresabschluss anbietet.

Vor zwei Jahren sagten Sie uns, es sei schwer überhaupt noch Ausrichter in Deutschland zu finden, weil es zu wenige geeignete Bäder gäbe. Wie hat sich die Situation entwickelt? Die Situation ist nicht besser geworden. Für die Kurzbahnmeisterschaft gibt es etwa sechs Bäder. Von diesen wird voraussichtlich 2018 das Unibad in Bremen abgerissen. Das ist der Grund, weshalb wir die DM 2017 noch einmal dorthin vergeben haben. Die meisten neu gebauten Bäder weisen nicht den notwendigen Platz rund ums Becken auf, Tribünen werden auch kaum noch oder zu klein gebaut. Außerdem wird seit dem Unglück bei der Loveparade deutlich stärker auf Sicherheitsmaßnahmen geachtet und dementsprechend die Besucherzahl festgelegt – was ich für sehr wichtig halte. Aber das bedeutet eben auch Einschränkungen in der Ausrichtungsmöglichkeit.

Bei der DM in Hannover gab es einen tragischen Todesfall, der zum Abbruch der Titelkämpfe führte. Können Sie ausschließen, dass dieses Unglück etwas mit problematischen Rahmenbedingungen zu tun hatte? Ja, das kann ich definitiv! Dieses Unglück hatte nichts mit den schwierigen Rahmenbedingungen zu tun. Der Schwimmer beendete seinen Wettkampf, schwamm noch selbstständig an den Beckenrand, konnte aber das Becken dann nicht mehr selbstständig verlassen. Die ärztlichen Berichte lassen keinerlei Rückschlüsse in dieser Hinsicht zu.

Warum sind Masters-Wettkämpfe eigentlich so beliebt? Vielleicht liegt das an dem besonderen Interesse, auf einer hochkarätigen Veranstaltung zu starten, wahrscheinlich aber auch daran, dass von diesen Wettkämpfen ein besonderes Flair ausgeht: lauter Menschen, die begeistert über das gemeinsame Hobby sprechen, die sich verstehen und die auch noch ein wenig touristisch unterwegs sind. Sportler also, die den Wettkampf mit ein wenig Urlaubsgefühl kombinieren. Die Mastersbewegung ist überwältigend – aber man sollte nicht nur auf die großen Wettkämpfe wie DM, EM und WM schauen. Denn im Gegensatz dazu sinken leider die Meldezahlen bei den vielen kleinen Schwimmwettkämpfen. Und diese sinken so stark, dass viele etablierte Schwimmfeste für Masters sterben, weil sich eine Durchführung bei weniger als 200 Meldungen finanziell nicht mehr rechnet. Diese Entwicklung ist sehr schade, denn auf diesen Masterswettkämpfen gibt es genauso wertvolle Erfolgserlebnisse für sich selbst und mit der Mannschaft.