Schwimmverrückt vor den Scilly-Inseln

Weit draußen im Meer, westlich von Penzance in Großbritannien: Endstation Sehnsucht - die Scilly-Inseln sind ein Paradies für Freiwasserschwimmer. Wer beim Kraulen auf Nummer sicher gehen will, der sollte sich mit Nick Lishman auf St Mary’s verabreden.

| 7. September 2016 | AKTUELL

Scilly Islands | Die Scilly-Inseln bieten Freiwasserschwimmern viele Möglichkeiten.

Die Scilly-Inseln bieten Freiwasserschwimmern viele Möglichkeiten.

Foto >Martin Tschepe

Nobody did that before. Das hört sich doch schon mal sehr gut an. "Soweit ich weiß, hat das noch niemand gemacht", sagt Nick Lishman. Noch haben wir unsere Vorhaben indes gar nicht gestartet. Wir wollen einmal um St Mary’s herum schwimmen, die größte der rund 140 Inseln und Inselchen draußen im Ozean, etwa 45 Kilometer von Land’s End in Cornwall, Großbritannien, entfernt. 

Dieser Tag ist wie gemacht für das spontan beschlossene Langstreckenschwimmen auf den Scilly-Inseln, das Nick mit einem motorisierten Schlauchboot begleiten wird. Der bis dato graue Himmel ist eben aufgerissen. Die Sonne lacht über der Inselgruppe. Das Wasser schimmert azurblau. Die Wellen sind klein. Rund zwölf Kilometer müssten wir schwimmen, schätzt Nick. Es werden ein paar mehr werden.

Scilly Islands | Zu dritt geht die Reise los.

Zu dritt geht die Reise los.

Foto >Martin Tschepe

Vor der Westspitze Englands

Nick betreibt zusammen mit seiner Frau auf St Mary’s ein Bed-and-Breakast-Hotel. Die beiden haben das Unternehmen von seinen Schwiegereltern übernommen. Seit knapp drei Jahren organisiert Nick nebenher Urlaube speziell für Schwimmer und andere Wassersportler. Er ist einer der Veranstalter der Scilly Swim Challenge, war Mitglied im Orgateam des ersten Swimruns auf den Scillies. Wenn jemand von Insel zu Insel kraulen will, dann ist er bei Nick in guten Händen.

Scilly Islands | 14 Kilometer sind es rund um St Mary\'s.

14 Kilometer sind es rund um St Mary's.

Foto >Martin Tschepe

Und wenn zwei Sportler auf die verrückte Idee kommen, St Mary’s zu umrunden, dann sagt Nick sinngemäß: super Idee, ich bin dabei. Wer weiß, vielleicht wird ja mehr daraus, ein Wettbewerb wie das Kanalschwimmen zum Beispiel. Oder ein Angebot für Gruppen, die einen ganzen Tag lang gemütlich und auf mehrere Etappen verteilt von einer Bucht in die nächste schwimmen wollen, mit Pausen zum Einkehren in einem Café oder zum Ausruhen am Strand.

Links Idylle, rechts die Nachbarinsel

Wir wollen an diesem tollen Augustnachmittag möglichst flott vorankommen, nicht im Wettkampftempo, aber auch nicht bummeln. Der Start in Hugh Town, der größten Siedlung auf St Mary’s, wir sind zunächst zu dritt. Alison Stedeford hat aber schon angekündigt, dass sie nur ein Stückchen mitkraulen will. Sie ist deutlich langsamer als der Ironman Steve Gibson, er will die ganze Runde dabei sein. Steve hat Sportwissenschaften studiert und lange in London gearbeitet. Irgendwann hatte er genug von dem Moloch, vom täglichen Stau auf den Straßen, vom elendig langen Weg zur Arbeit, von den Menschenmassen. Er und seine Frau, die von den Scillies stammt, haben beschlossen: "Wir siedeln um." Seither betreiben die beiden ebenfalls ein B&B. Und Steve hat auch mal spontan Zeit - zum Beispiel für dieses einzigartige Inselschwimmen.

Zunächst kraulen wir aus dem Hafenbecken raus. Und dann immer im Uhrzeigersinn um das Eiland. Bei jedem Atemzug nach rechts: St Mary’s, idyllische Buchten, Palmen am Strand, ganz wenige Ausflügler auf dem Ufer-Wanderweg. Beim Linksatmen sieht der Schwimmer entweder eine der Nachbarinseln - etwa St Martin’s mit dem hell strahlenden Strand - oder bis zum Horizont fast nichts, außer Wasser. Grandios. Wir kommen flott voran, obwohl wir immer wieder auf Alison warten. Vorbei am Porthloo Beach, an Taylor’s Island und an Halangry Porth. Vor einem lang gezogenen weiß schillernden Sandstrand ruft Nick: "Wir sind am nördlichsten Punkt" - und zu etwa einem Viertel um die Insel rum. 
 

Scilly Islands | Kurze Pause: Nick Lishman versorgt die Schwimmer mit Getränken.

Kurze Pause: Nick Lishman versorgt die Schwimmer mit Getränken.

Foto >Martin Tschepe

Mit ein bisschen Glück sehen Schwimmer vor den Scilly-Inseln Robben. Und wenn sie ganz viel Dusel haben, vielleicht sogar Delfine. Ein paar hundert Armzüge weiter, vor Watermill Cove, lugt tatsächlich ein neugieriger Seehund aus dem Wasser - und schaut mir mitten ins Gesicht. Einmalig.

Es wird kalt

Alison verabschiedet sich. Sie schwimmt an Land - und läuft heim. Das ist das Tolle an den kleinen Inseln mitten im Meer: Man kann von jedem Punkt aus rasch zu Fuß zurück zum Start. "It was great", sagt sie noch. Es war super. Stimmt. Es wird sogar immer besser. 

Ein paar Kilometer weit müssen wir uns durch höhere Wellen kämpfen. Das Wasser ist im Westen der Insel etwas kälter, hat geschätzt nur noch 15 Grad. Für lange Strecken ist ein Neoprenanzug deshalb sehr zu empfehlen. Nick wird später erzählen, dass er indes auch Schwimmer begleitet, die lange ohne zweite Haut aus Kunststoff schwimmen. Jene Kandidaten, die sich auf das Kanalschwimmen vorbereiten. Sie müssen nämlich nachweisen, dass sie mindestens sechs Stunden lang bei weniger als 16 Grad schwimmen können. 

Scilly Islands | Der Autor im Ozean.

Der Autor im Ozean.

Foto >Martin Tschepe

Geschafft!

Wir umschwimmen Tolls’s Island, Deep Point, Giant’s Castel und Church Point. Steve wird später ziemlich entkräftet berichten, dass er zwischenzeitlich Probleme gehabt habe, seine Arme aus dem Wasser zu bewegen - der Triathlet schwimmt halt selten mehr als 3,8 Kilometer.

Nach gut drei Stunden Schwimmzeit erreichen wir Penninis Head, wenig später Porthcressa Beach. Jetzt dürfte es nicht mehr arg weit sein - nur noch um die Halbinsel mit der steinalten Wehrfestung darauf. Aber die letzten Kilometer ziehen sich in die Länge. Nach vier Stunden sehen wir den Hafen von Hugh Town. Wenig später noch ein Slalom durch ungezählte ankernde Motorboote und Segelschiffe. Gut, dass Nick mit dem Schlauchboot immer ganz nah bei uns bleibt. Andere Kapitäne würden uns andernfalls vermutlich übersehen.

Vier Stunden und rund fünfzehn Minuten nach dem Start sind wir zurück, nach etwa 14 Kilometern im Meer - zurück am Strand, an dem Nicks Bed-and-Breakfast Mincarlo steht. 

Am nächsten Tag wird Nick erzählen, dass er bereits die erste Anfrage habe - von einer Frau, die auch so eine tolle Tour buchen wolle. Nick sagt: "You started something." Ihr hab etwas angestoßen. Und das hört sich fast noch besser an als "Nobody did that before".

Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern.