Plymouth und die wilden Schwimmer

Sie treffen sich zweimal die Woche, immer Donnerstagabends und Samstagvormittags - zum Schwimmen bei Wind, Wetter und Wellen im Meer. Im Winter, im Sommer, immer. Willkommen bei Devon Wild Swimming im südenglischen Plymouth.

| 11. April 2017 | AKTUELL

Der Autor im Schwimmrevier vor Plymouth.

Der Autor im Schwimmrevier vor Plymouth.

Foto >Martin Tschepe

Sommer im Frühling

Ein grandioser Tag in Plymouth. Die Sonne lacht vom Himmel, das Meer ist nahezu spiegelglatt. Wellen? Gibt’s heute keine. Dieser tolle Frühlingstag in Südwestengland fühlt sich an wie August. Es ist aber erst Anfang April. Wenig später, beim ersten Kontakt mit dem Salzwasser, wird indes schnell klar: Es ist ganz bestimmt noch nicht Sommer. Das Meer hat knapp zehn Grad, doch die aller meisten dieser wilden britischen Schwimmer tragen keinen Neoprenanzug. Manche werden länger als eine Stunde im Meer bleiben und danach oben im Cafe The Terrace zitternd ihren Kaffee oder ihren Tee trinken, dabei werden sie über das ganze Gesicht strahlen.

Ein Samstagvormittag am Meer. Unterhalb vom Plymouth Hoe, der riesigen Promenade mit dem rot-weißen Leuchtturm, treffen sich geschätzt zwei Dutzend Mitglieder der Gruppe Devon Wild Swimming. Man muss gar nicht nachzählen, um sofort zu erkennen: Es sind deutlich mehr Frauen als Männer da. Warum nur? Eine der Damen grinst breit und sagte dann: “Men are wimpy.“ Die Männer haben Schiss.

Der Leuchtturm ist das beliebteste Fotoobjekt.

Der Leuchtturm ist das beliebteste Fotoobjekt.

Foto >Martin Tschepe

Angsthasen und "Bobbers"

Max, der eigentlich Paul heißt, hat keine Angst. Der stämmige Brite, der schon vor dem Kaffeetrinken immerzu grinst, erzählt, dass er erst vor zwei Jahren angefangen habe mit dem Schwimmen. Der Mann, geschätzt Anfang 50, berichtet von einem Trauma: als Elfjähriger sei er fast ertrunken. Seither habe er Schiss gehabt vor jedwedem Wasser. Ein Freund habe ihn überredet mal mitzukommen zum Schwimmen im Meer. Er ließ sich hinreißen - und hat seinen ersten Schritt ins Meer nie bereut. Ganz im Gegenteil.

Er habe im Vorjahr sogar am Breakwater-Swim teilgenommen, hat gut zwei Meilen zurückgelegt vom künstlichen Wellenbrecher draußen vor dem Hafen bis zum Hoe. „Ich bin als letzter aus dem Meer gestiegen, ich kann doch nur Brust schwimmen.“ Unterwegs habe er mehrmals angehalten, die Männer auf den Begleitbooten hätten von ihm wissen wollen, ob er aufgebe. Was für eine absurde Frage. Keinesfalls. „Ich musste nur pinkeln“, sagt Max, zieht sich die Badekappe über und läuft in Richtung Meer.

Das Wasser wirkt einladend, ist aber bitter kalt.

Das Wasser wirkt einladend, ist aber bitter kalt.

Foto >Martin Tschepe

Jeder ist willkommen

Männer wie dieser Paul-Max sind ganz selbstverständlich Devon-Wild-Schwimmer, genauso wie Wettkampfschwimmer, Kanalschwimmer, Eisschwimmer und die „Bobbers“, sagt Pauline Barker. Bobbers sind Leute, die sich nur ins Wasser begeben, um zu quatschen, die dabei kaum vorwärts kommen, auf der Stelle stehen und im Wasser treten. Was sich bei Wassertemperaturen wie an diesem Tag Anfang April ganz besonders unangenehm anfühlen dürfte. Nur wer schneller schwimmt, erwärmt seinen Körper wenigstens von innen ein klein bisschen. Die Bobbers bleiben cool.

Pauline Barker hat die Facebookgruppe Devon and Cornwall Wildswimming vor gut fünf Jahren ins Leben gerufen. Am Anfang, sagt sie, „waren wir fünf Schwimmer“. Mittlerweile verabreden sich rund 7.000 Frauen und Männer auf Facebook zum Schwimmen in allen möglichen und unmöglichen südwestenglischen Gewässern. Sie kraulen in Seen, in Flüssen und im Ozean. „Wir heißen jeden willkommen“, sagt Pauline, die im Januar bei den Ice Swimming German Open in Burghausen gestartet ist - auch der Gast aus Deutschland ist ganz selbstverständlich eingeladen.