Mein Müritz-Marathon

Die Müritz ist bezwungen, das größte Binnengewässer, das vollständig innerhalb Deutschlands liegt. 20 Kilometer, sechs Stunden. Unser Autor will ein paar der größten Seen in Deutschland queren. Nummer acht.

| 19. Juli 2016 | AKTUELL

Müritz | Martin Tschepe schwimmt durch die Müritz.

Martin Tschepe schwimmt durch die Müritz.

Foto >Martin Tschepe

Ein Samstagmorgen Mitte Juli. Der Wettergott ist gnädig. Es weht ein laues Lüftchen von Südwest. Die Sonne lacht vom Himmel. Ganz anders als am Vorabend, als  der Himmel noch bedeckt war und ein ordentliches Wind von Nordwest geblasen hat. 

Für die Querung der Müritz, das größte Binnengewässer, das vollständig innerhalb Deutschlands liegt, hab ich eine ganz Crew - diese wird angeführt von Karsten Hub, dem Vorsitzenden des Vereins Wassersport Müritz. Der Club veranstaltet das traditionsreiche Müritzschwimmen, das schon zu DDR-Zeiten hunderte Sportler an und in den See gelockt hat. Zusammen mit Benjamin Nofz, dessen Freundin und einem Skipper sitzen wir auf einer 100-PS-Yacht und rasen von Waren zum Richtung Start bei Rechlin im Süden des Sees. 

Wir sind fast eine Stunde unterwegs und mich beschleichen Gefühle, die ich ganz schnell versuche zu verdrängen: Was für einen Mist hab ich mir da nur eingebrockt. Die ganze Distanz soll ich zurück schwimmen? Was für eine Schnapsidee. Ich bin zwar schon weiter als 20 Kilometer geschwommen - einmal sogar fast 40 Kilometer im Neckar. Aber ich bin so eine Distanz noch nie unmittelbar vor dem Start mit einem Speedboot abgefahren.

Müritz | Kajak-Fahrer Karsten weiß den kürzesten Weg.

Kajak-Fahrer Karsten weiß den kürzesten Weg.

Foto >Martin Tschepe

DPA berichtet

Gegen halb zehn sind wir in Rechlin. Jetzt will ich eigentlich ganz schnell starten. Aber ein Journalist der Deutschen Presseagentur wartet - und wir müssen zunächst Fragen beantworten, uns fotografieren und filmen lassen. Noch während ich schwimme werden viele Zeitungen aus allen Ecken Deutschlands auf ihren Online-Portalen vermelden, dass ein Ausdauersportler aus Baden-Württemberg gestartet ist, um den größten See der Republik zu bezwingen. Was den Druck ein bisschen erhöht, auch anzukommen. In grob geschätzt sieben Stunden, hab ich dem Reporter gesagt. Es gehe mir aber nicht um eine möglichst gute Schwimmzeit, sondern darum anzukommen und Spenden zu sammeln für unser Behinderten-Schwimmprojekt in Ludwigsburg.

Kurz vor zehn Uhr. Der Start. Karsten begleitet mich in einem Kajak. Er wird immer ganz in meiner Nähe bleiben, nur deshalb werde ich mitten über den See schwimmen und nicht am Ufer entlang. Die Yacht, die uns ein Bootsverleih in Eldenburg kostenfrei zur Verfügung stellt, schippert langsam neben uns her.

Müritz | Begleitet wird der Schwimmer auch von einem Speedboot.

Begleitet wird der Schwimmer auch von einem Speedboot.

Foto >Karsten Hub

Kopfsache

Sonne, blauer Himmel, ein bisschen Wind von schräg hinten. Was will ich mehr. Ich schwimme mein gemütliches Schwimmwander-Tempo und schaffe zunächst trotzdem vier Kilometer in der Stunde. Erst mal am Westufer der Müritz entlang. Nach eineinhalb Stunden ein kurzer Stopp. Ein Brot, ein Schokoriegel, ein bisschen Trinken.

Dann steuern wir auf des gegenüber liegende Ostufer zu, queren die Müritz. Der Wind kommt jetzt gefühlt eher von vorne als von hinten. Wellen erschweren das Vorankommen. Fühlt sich jetzt an wie Schwimmen auf der Stelle. Nach einer kleinen Ewigkeit frage ich Karsten, ob wir überhaupt noch Strecke machen. Klar, ruft er. Und ich bin beruhigt. Schon schwimmt sich die Müritz wieder besser.

Im Laufe der Stunden bestätigt sich die These vieler Ausdauersportler mal wieder: Vieles ist reine Kopfsache. Ich weiß: heute müssen 20 Kilometer geschwommen werden. Nicht zehn und auch nicht 30. Also schwimme ich halt die 20. Nach knapp drei Stunden erklärt Kasten, dass die rot-weiße Boje vor uns die Müritz-Mitte markiere. Cool. Ich bin jetzt wirklich mitten auf dem See. Und weiß: noch mal rund zehn Kilometer.

Müritz | Verdienter Snack.

Verdienter Snack.

Foto >Martin Tschepe

Die letzten Kilometer ziehen sich

Macht richtig Spaß, das Schwimmen an diesem grandiosen Tag - speziell wegen der Begleitung durch andere Schwimmverrückte. Karsten, Benjamin und ihre Mitstreiter hatten auf meine Anfrage sofort sinngemäß erklärt: "Klar kannst du bei uns übernachten, und wir werden dich auch auf der Müritz begleiten. Deine Seensucht ist tolle Werbung für den Schwimmsport."

Bis hinüber zum Ostufer bleibt das Schwimmen ein Ritt auf kleinen Wellen. Später schwimme ich wieder am Ufer entlang. Die Müritz ist auf der Ostseite mitunter nur knietief. Der für Kanufahrer und den Schwimmer ist das aber kein Problem. Wir kommen vorbei an Badestellen und dem ein oder anderen Bootssteg. Noch zweimal leicht nach links schwimmen - dann ist die Hafenstadt Waren zumindest zu erahnen. Karsten ruft: "Jetzt immer in Richtung Kirchturm." Die letzten geschätzt vier, fünf Kilometer ziehen sich arg in die Länge. Die fiesen kleinen Wellen machen das Kraulen auch nicht einfacher. Die Wellen sind unberechenbar, mal kommen ganz viele, eine nach der anderen, dann werden die Abstände etwas größer, bald indes wieder kleiner.

Müritz | Martin Tschepe will schwimmen.,  Nadine Julitz in den Landatg.

Martin Tschepe will schwimmen., Nadine Julitz in den Landatg.

Foto >Martin Tschepe

Prominenter Empfang

Erstmals kommt mir der Gedanke: kein Bock mehr. Kopfsache halt. Wir haben jetzt rund 20 Kilometer geschafft. Es reicht. Nach weiteren ungezählten Armzügen erreichen wir die Außenmole des Warener Hafens. Ich klettere über unser Boot an Land. Und werde von einer jungen Schönheit empfangen. Sehr schön. Nadine Julitz ist die stellvertretende Stadtpräsidentin von Waren - und SPD-Kandidatin für die Landtagswahl in ein paar Wochen. Sie überreicht einen Blumenstrauß und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden des Schwimmers. 

Ich fühle mich nach fast genau sechs Schwimmstunden prima, hab aber schwere Arme. Wie sich einer eben so fühlt, wenn er ein ambitioniertes, selbst gestecktes Ziel tatsächlich erreicht hat. 

Am Abend sitzen die Müritzschwimmer und der Mann vom Neckarufer bei Warener Bier und Wein aus dem Remstal zusammen. Karsten sagt, dass ihr Verein künftig womöglich Querungen der Müritz anbieten wolle - nach dem Vorbild der Bodenseequereung. Eine prima Idee. Ich kann den Müritz-Marathon allen Ausdauerschwimmern nur wärmstens empfehlen.

Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern.