Matthias Kaßner bezwingt North Channel in 14:24 Stunden

Quallen, Wellen, Wind und Strömung: Der Nordkanal bot Einiges auf, um Matthias Kaßner das Leben so schwer wie möglich zu machen. Dennoch schwamm der Berliner als zweiter Deutscher erfolgreich von Irland nach Schottland.

| 8. September 2017 | AKTUELL

Extremschwimmer Matthias Kaßner hat sein Ziel erreicht.

Extremschwimmer Matthias Kaßner hat sein Ziel erreicht.

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Meterhohe Wellen, Strömungen und kaltes Wasser erwarten jeden Schwimmer, der es mit dem Nordkanal aufnimmt. Dazu warten massenweise Quallen, von der tödlichen Lion’s Mane bis zu weniger gefährlichen Exemplaren, deren Tentakeln bei jeder Berührung aber ebenfalls Schmerzen verursachen. Den Berliner Matthias Kaßner hielt all dies nicht davon ab, die Meerenge in Angriff zu nehmen. Mit Erfolg. Am 30. August gelang dem 49-Jährigen die Querung in 14 Stunden und 24 Minuten. Nach André Wiersig, der die Strecke letztes Jahr bewältigte, ist Kaßner der zweite Deutsche, dem das gelang. Von den Ocean’s Seven, den sieben wichtigsten Herausforderungen im Open-Water-Schwimmen, hat er nun vier auf der Habenseite: Ärmelkanal, Straße von Gibraltar, Catalina Channel, North Channel.

Wasser, Wasser, Wasser: Matthias Kaßner auf dem Weg nach Schottland.

Wasser, Wasser, Wasser: Matthias Kaßner auf dem Weg nach Schottland.

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Start in dunkler Nacht

Das Abenteuer Nordkanal beginnt für Kaßner am frühen Morgen mit einem beherzten Sprung vom Begleitboot in die 13 Grad kalte See. Nur mit Badehose, Badekappe und Schwimmbrille ausgerüstet, muss er zunächst in völliger Dunkelheit zum felsigen Ufer von Donaghadee schwimmen, um hier auf das Startsignal zu warten. Mit dem Signal um 5.16 Uhr beginnt für den Athleten ein stundenlanger unrhythmischer Kampf mit den Elementen, denn die in diesem Gebiet besonders starke Gezeitenströmung macht es nahezu unmöglich, die 35 Kilometer gleichmäßig durchzuschwimmen.

Stattdessen erwarten Kaßner immer wieder Zwischensprints von 30 oder mehr Minuten. „Vom Bootskapitän hatte ich die Ansage, die ersten drei Stunden schnell zu schwimmen, danach auf Anweisung zu sprinten und zum Schluss noch einmal alles zu geben“, sagt der Extremschwimmer, der die ersten Kilometer schnell hinter sich bringt. Mit der aufgehenden Sonne wird es heller und Kaßner kann sehen, dass er nicht allein im Wasser ist. Immer wieder trifft er auf große Quallen und ganze Quallenschwärme. „Ich wurde oft getroffen. Anfangs tat mir das noch sehr weh, später habe ich es kaum noch wahrgenommen. Der Köper ist aufgrund der Kälte wie betäubt. Eine Lion‘s Mane habe ich zum Glück nicht abbekommen.“

Die meisten scheitern auf den letzten Kilometern

Für Kaßner läuft es gut, wenn nur diese Krämpfe nicht wären. Immer wieder zwickt es ihm im Oberschenkel, über Stunden versucht er mit mehr Beinschlag dagegen anzukämpfen. Die niedrigen Temperaturen bereiten ihm dagegen keine Probleme. Acht Wochen lang hat sich Kaßner in Irland extra auf das Schwimmen im kalten Wasser vorbereitet, ohne das hätte er es wohl nicht geschafft, sagt er. Am Tag der Querung beträgt die Außentemperatur gerade einmal 11 Grad. Das Wasser hat nur zwei Grad mehr.

„Ich habe zu keiner Zeit ans Aufgeben gedacht“, sagt Kaßner. „Für mich gab es nur zwei Optionen. Entweder ich komme an, oder der Kapitän holt mich aus dem Wasser.“ Auch mit dem Wetter hat er insgesamt Glück. Zwar nehmen Wind und Wellen im Laufe des Tages stetig zu und führen sogar dazu, dass der Athlet über mehrere Stunden mit seitlichen Wellen zu kämpfen hat, doch die Bedingungen bleiben bis zum Schluss schwimmbar.

14 Stunden schwamm Kaßner im 13 bis 14 Grad kalten Wasser.

14 Stunden schwamm Kaßner im 13 bis 14 Grad kalten Wasser.

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Endspurt gegen die Strömung

Kurz vor dem Ziel erwartet Kaßner dann aber noch eine besondere Herausforderung. In einem Moment, in dem der Körper längst am Ende ist und es nur noch der Wille ist, der die Arme antreibt, gilt es die ablandige Strömung zu durchbrechen. „Der Kapitän hatte mir gesagt, dass das Schwimmen auf den letzten sechs Kilometern erst richtig anfängt und hier viele scheitern“, sagt Kaßner. Und als vom Boot das Signal zum Sprinten kommt, hat der Extremschwimmer tatsächlich die Kraft noch einmal zuzulegen. „Ich hatte mich im Training genau auf diesen Moment vorbereitet, nach großer Erschöpfung noch einmal alles zu geben.“

Um 19.40 Uhr, fast vierzehneinhalb Stunden nach dem Start, erreicht Kaßner die schottische Küste nahe Portpatrick. Sein Resümee: „Ich musste meine ganze Erfahrung, mein ganzes Training und meine ganze körperliche Schwimmfähigkeit einbringen und hatte am Ende nichts mehr übrig. Dieses Schwimmen ist sehr viel schwerer als das viel bekanntere Ärmelkanalschwimmen.“