Marco di Carli beendet Schwimmkarriere

Meinungsstark, eigenwillig und immer für eine Überraschung gut: Mit Marco di Carli verlässt nicht nur einer der besten deutschen Sprinter die Schwimmbühne. Dem Sport geht ein echter Typ verloren.

| 2. Februar 2017 | AKTUELL

Foto >Daniel Kopatsch / spomedis

Marco di Carli hat seine Schwimmkarriere beendet. Nach 15 Jahren Hochleistungssport sei es an der Zeit, das Feld für die Jüngeren zu räumen, teilte der 31-Jährige auf seiner Facebookseite mit. „Nach der verpassten Olympiaqualifikation im Sommer war es sehr schwer, wieder Motivation zu tanken und die sportliche Karriere fortzusetzen. Die Ergebnisse der Kurzbahnsaison haben es ja schon vermuten lassen, dass die endgültige Entschlossenheit nicht mehr gegeben war.“

Karriere wie eine Achterbahnfahrt

Die Schwimmlaufbahn di Carlis glich einer ewigen Berg- und Talfahrt. Typisch Sprinter, könnte man sagen. Bereits mit 18 holte er 2003 bei der Kurzbahn-EM in Dublin über 100 Meter Lagen seine erste internationale Medaille. Ein Jahr später ließ er bei den Deutschen Meisterschaften über 100 Meter Rücken Stev Theloke und Steffen Driesen hinter sich und löste das Ticket für die Olympischen Spiele. In Athen schaffte es der Emsländer sogar ins Finale.

Dank seines selbstbewussten Auftretens wurde di Carli schnell als neues Gesicht im deutschen Schwimmsport gefeiert - ausgestattet mit Talent, Temperament und feuerroten Haaren. Doch auf den frühen sportlichen Höhepunkt folgte der erste Abstieg. Der Sprinter wechselte nach Hamburg zu Dirk Lange und folgte dem Coach 2005, als dieser Cheftrainer in Südafrika wurde. In Pretoria eckte di Carli allerdings immer wieder an und auch sportlich lief nicht mehr viel zusammen.

2007 tauchte der Athlet, inzwischen in Frankfurt trainierend, mit einem Paukenschlag wieder auf. Mit Ankündigung verbesserte er in Berlin den deutschen Rekord von Stephan Kunzelmann über 100 Meter Freistil auf 48,88 Sekunden. Ein ähnliches Comeback gelang ihm vier Jahre später, nachdem er abermals im sportlichen Mittelmaß verschwunden war und sich zu allem Überfluss im Frust auch noch den Arm gebrochen hatte. Diesmal verbesserte er die inzwischen von Paul Biedermann gehaltene Bestmarke auf 48,24 Sekunden und fuhr völlig überraschend als Weltranglistenerster zur WM nach Shanghai. Trotz derber Sprüche im Vorfeld lief es in Asien dann wieder nicht rund. Bereits im Vorlauf war für di Carli Endstation.

Marco di Carli | Marco di Carli am Beckenrand.

Marco di Carli am Beckenrand.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Lambertz stellt di Carli vor die Wahl

Auch danach ging die Achterbahnfahrt weiter. 2012 qualifizierte sich di Carli erneut für die Olympischen Spiele, wo er als Schlussschwimmer die deutsche 4x100-Meter-Freistilstaffel auf Rang sechs ins Ziel brachte. Im Jahr darauf reichte es bei der WM über 100 Meter Freistil nur zu Rang 36. Nach indiskutablen 50,38 Sekunden stellte Bundestrainer Henning Lambertz den damals 28-Jährigen öffentlich vor die Wahl. „Entweder er soll aufhören oder er soll es besser machen als in den letzten Jahren.“

Der Athlet nahm sich die Worte zu Herzen, wechselte nach München und arbeitete verstärkt im Kraftraum. Im Interview mit SWIM sagte er damals: "Henning hat gesagt: Ändere was! Das habe ich getan. Ich habe immer noch Spaß am Schwimmen. In meinem Pass steht jetzt 30, aber es ist wie in den Anfängen. Du guckst im Training nach links und rechts und gönnst dem anderen den Dreck unter den Fingernägeln nicht. Danach gehst du noch zusammen etwas essen."

Die Luft war raus

Doch nach der um neun Hundertstelsekunden verpassten Quali für Rio war die Luft endgültig raus. Auf Facebook schreibt di Carli: "Viele Begegnungen und Orte werden mir für immer im Gedächtnis bleiben, aber das eine oder andere Ergebnis möchte man vielleicht doch lieber vergessen. Ich freue mich aber auch auf eine Zeit ohne Leistungsdruck, eine Zeit, wo nicht jede Grippe Auslöser einer Sinnkrise ist, wie man die Saison jetzt gestaltet."

Dem deutschen Schwimmsport geht ein echter Typ verloren. Als Arena-Markenbotschafter wird Marco di Carli aber auch in Zukunft in der einen oder anderen Schwimmhalle zu finden sein.