Die kältesten 15 Minuten meines Lebens

Das bayerische Städtchen Burghausen ist das Mekka für Eisschwimmer aus aller Welt. Nach der WM sind am Wochenende im Wöhrsee die 3. Ice Swimming German Open ausgetragen worden. Auch unser swim-Autor war bei 2,4 Grad Wassertemperatur im Becken.

| 9. Januar 2017 | Aktuell

Martin Tschepe | Martin Tschepe

15 Minuten im 2,4 Grad kalten Wasser: Martin Tschepe schwamm in Burghausen 1.000 Meter.

Foto > Anna Fischer

Hätte ich das Angebot doch nur angenommen. Dieser Gedanke geht mir unmittelbar vor dem Start der 1.000 Meter bei 2,4 Grad Wassertemperatur durch den Kopf. Dann hätte ich die Königsdisziplin aller Eisschwimmer nämlich schon hinter mir.

Die Veranstalter der Ice Swimming Aqua Sphere Word Championships hatten mir einen Startplatz angeboten, obwohl ich mich nicht für das Rennen qualifiziert hatte – ich bin die 1.000 Meter nämlich noch nie in einem Wettkampf geschwommen. Ich hatte abgelehnt und mich für die 1.000 Meter am Tag nach der WM angemeldet – also muss ich jetzt bei den German Open ran. Über die WM hatte ich ja schreiben wollen – und das wäre nach dem eigenen Start vermutlich unmöglich gewesen.

Martin Tschepe | Martin Tschepe

Noch ist Martin Tschepe dick eingepackt - aber beim Schwimmen dürfen Teilnehmer nur eine Badehose und Badekappe tragen.

Foto > Anna Fischer

„Take off your clothes“

Also stehe ich am Samstagvormittag bei geschätzt minus zehn Grad Lufttemperatur am Beckenrand. „Take off your clothes“, ruft der Starter. Und dann wird es ernst: „Go into the water.“ Es hilft ja nichts: rein in das 2,4 Grad kalte Wasser des Wöhrsees.

Wir haben das x-mal geübt, meine Ludwigsburger und Heilbronner Eisschwimmkumpels: das Kraulen bei extremer Kälte. Meistens war ich am längsten im Wasser, immer mindestens 15 Minuten lang, nur bekleidet mit einer schnöden Badehose und einer Badekappe. Unser Neckar und der Breitenauer See waren auf Betriebstemperatur, wir hatten oft knapp fünf Grad, einmal sogar nur drei Grad. 2 Komma irgendwas Grad hatten wir aber nie.

Das Startsignal ertönt. 2,4 Grad kaltes Wöhrsee-Wasser: Das fühlt sich zunächst auch nicht schlimmer an als drei Grad in unserem See daheim. Die Wenden im Wöhrsee sind schwierig, alles ist komplett vereist. Kein Wunder: Der Wöhrsee ist komplett zugeeist, nur das Becken wird mit Hilfe von Pumpen der Feuerwehr eisfrei gehalten. Die Schwimmer müssen höllisch aufpassen, dass sie bei den Wenden nicht abrutschen.

Die ersten 500 Meter laufen super. Ein schneller Blick zur Tafel, die die Zwischenzeiten anzeigt: Ich kann 7:2… erkennen. Ich bin also mit einer Schnittgeschwindigkeit von knapp 1:30 Minuten pro 100 Meter unterwegs – und damit voll im selbst gesetzten Zeitplan. Rund 15 Minuten, das ist mein Ziel. Wenn alles ganz toll läuft, dann könnte ich eventuell unter 15 Minuten schwimmen.

Das Gefühl schwindet in den Fingern

Bei den Wenden höre ich immer jemanden „Martin“ rufen. Später wird sich herausstellen, dass mein Schwimmfreund Uli Munz wohl am lautesten gebrüllt hat. Vielen Dank dafür, lieber Uli. Nach der Hälfte der Strecke schwindet das Gefühl in den Fingern und in den Füßen. Ansonsten fühlt sich der Körper noch sehr gut an. Kein Herzrasen, keine Atemprobleme. Andere Schwimmer werden später berichten, dass ihnen die extrem niedrige Lufttemperatur ungeahnte Probleme bereitet hätte.

Die Hände und die Füße fühlen sich mittlerweile an wie Holzklötze, die vorübergehend nicht zum Körper gehören, wie angenagelte Fremdkörper. Bei 800 Metern werden meine Arme immer schwerer. Es zwickt im Bauch. Bei 900 Metern indes ist alles wieder besser –vermutlich wegen dieses einen Gedankens: Gleich ist es vorbei. Nur noch vier Bahnen!

Die letzte Wende, jetzt noch eine Bahn so schnell wie möglich schwimmen. Der Anschlag. Geschafft! Auf der Anzeigetafel steht: 1. Martin Tschepe, 15:16 Minuten. Nicht übel für meine ersten 1.000 Meter in einem Wettkampf im Eiswasser. Nur ein Konkurrent im Lauf vorher ist schneller geschwommen. Ich bin Deutscher Vizemeister. Wobei man wissen muss: Die Superstarts sind am Vortag bei der WM geschwommen und nicht bei den Deutschen. Ich bin trotzdem sehr zufrieden mit den kältesten 15 Minuten meines Lebens und dem Titel. Ob ich das noch mal machen will, weiß ich nicht. Vor dem Start hatte ich angekündigt, dass ich das Eisschwimmen womöglich an den Nagel hängen werde.

Aber diese German Open in Burghausen, dem Mekka der Eisschwimmer aus aller Welt, sind grandios. Fast alle Schwimmer, die mal da waren, kommen wieder, immer wieder. Der Uli Munz zum Beispiel, die Conny Prasser und die Sabine Croci und die Stars der Szene sowieso: etwa Henri Kaarma aus Estland und Christof „Wandi“ Wandratsch. Ohne den Wandi und sein Burghausener Team gäbe es die German Open gar nicht.

Christof Wandratsch | Christof Wandratsch

Schwammen gegeneinander: Christof Wandratsch und Fergil Hesterman aus den Niederlanden.

Foto > Martin Tschepe

Training für Wandi

Der Wandi schwimmt bei dem Meisterschaften alle Strecken, sogar erstmals in seinem langen Sportlerleben die 200 Meter Brust. „Das ist ein gutes Training für ihn“, sagt sein Trainer Stefan Hetzer und lacht. Der Christof habe schließlich etwas gutzumachen. Bei der WM am Freitag war er über die 1000 Meter nur auf einem für ihn enttäuschenden 5. Platz gelandet. Bei den German Open indes beweist Wandi, dass man ihn, den 50-jährigen Ausnahmesportler, längst noch nicht abschreiben sollte. Er schwimmt sich in alle Finales mit den jeweils besten acht Startern.

Über eine seiner Paradedistanzen, die 500 Meter, bietet er einem der vielen jungen Herausforderern lang Paroli. Wandi wird Zweiter (6:15 Minuten), hinter dem Joungster Fergil Hesterman aus den Niederlanden (6:11). Das letzte Rennen der German Open stimme ihn versöhnlich, sagt Wandratsch nach der Siegerehrung. Fergil – er ist halb so alt wie Wandi – sei nur ein Finale geschwommen, er indes alle paar Minuten eins. Vor den Meisterschaften hatte Wandi angekündigt, dass „ich möglichst viele der Jungen hinter mir lassen will“. Das ist ihm gelungen – und deshalb werde er noch lange nicht aufhören mit dem Eisschwimmen.

Die WM und die German Open haben gezeigt: An Burghausen kommt beim Eisschwimmen keiner vorbei. Das von Stefan Hetzer betreute Team aus dem bayerischen Städtchen ist extrem stark - in der Spitze und in der Breite. Bei den Damen haben die Burghausener Sportlerinnen über die 500 Meter sogar einen Doppelsieg gelandet: Ines Hahn vor Julia Wittig. Auch die Nachwuchsathleten aus Burghausen mischen ganz vorne in der Weltspitze mit. Einige Beobachter sagen augenzwinkernd Stefan Hetzer sei „der inoffizielle Bundestrainer im Eisschwimmen“. Und dem Hauptschullehrer Christof Wandratsch ist es zudem gelungen, viele Schüler für die neue Sportart zu begeistern. Sein großes Ziel bleibt es, dass das Eisschwimmen eines Tages zur olympischen Disziplin wird. Viele Schwimmer sagen: Eisschwimmen sei doch längst populärer als Bobfahren, müsse also bei den Winterspielen stattfinden.

Einmal WM, immer WM?

Am Rande der WM hieß es, Burghausen würde gern immer die World Championships im Eisschwimmern ausrichten. Keine Frage: Der Wandi würde diese Entscheidung begrüßen. Der Präsident der International Ice Swimming Association, Ram Barkai aus Südafrika, erklärt, angesprochen auf diesen Vorschlag, allerdings: „Drei Länder haben bereits Interesse signalisiert, sie wollen die WM 2019 austragen.“ Kenner der Szene gehen davon aus, dass die Iren den Zuschlag bekommen könnten.

2018 jedenfalls sollen die 4. German Open ausgetragen werden – im Wöhrsee in Burghausen, wo denn sonst? Der Bürgermeister und die Sponsoren haben bereits signalisiert, dass sie wieder mitmachen wollen. Und ich werde wohl auch wieder nach Burghausen kommen zum Eisschwimmen. Wer mal im Eiswasser unterhalb der längsten Burg der Welt gekrault ist, der wird wohl unweigerlich zum Wiederholungstäter.