Ich habe dir nicht verraten, dass lange Distanzen wehtun

Unsere Mitarbeiterin Stephanie Hort hat beim Fuschlseecrossing die längste Distanz ihrer Schwimmlaufbahn absolviert. Sie berichtet, wie es ihr während der 4,2 Kilometer von Ufer zu Ufer ergangen ist.

| 31. August 2017 | AKTUELL

Klares Wasser, beeindruckende Landschaft: Am 26. August hatten die Teilnehmer des Fuschlseecrossings die Wahl zwischen 2,1 oder, wer sich das Schwimmen von Ufer zu Ufer zutraute, 4,2 Kilometer.

Klares Wasser, beeindruckende Landschaft: Am 26. August hatten die Teilnehmer des Fuschlseecrossings die Wahl zwischen 2,1 oder, wer sich das Schwimmen von Ufer zu Ufer zutraute, 4,2 Kilometer.

Foto >Veranstalter

Ich stehe bei 29 Grad Außentemperatur mit meinem Neoprenanzug im weichen, leicht steinigen Sand am Ufer des Fuschlsees. Die Kulisse ist malerisch. Vor mir ruht der Bergsee mit seinem türkisfarbigen Wasser und majestätischen Bergen im Hintergrund, die sich vom tiefen Blau des wolkenfreien Himmels eindrucksvoll abzeichnen. Doch so unbeschreiblich schön die Natur auch ist, sucht mein Blick nur eines – und das auch noch vergeblich: das Ziel des Fuschlseecrossings. Wenn es für mich gut läuft, wartet nach 4,2 Kilometer der persönliche Sieg auf mich. Und wenn es schlecht läuft? Tja, dann muss ich mich neu orientieren: 66 Meter ist der Fuschlsee tief und beherbergt viele Fische, die sich bestimmt auf neues Futter freuen. Da beruhigt es mich wenig, wenn ich mir die Worte des Veranstalters in Erinnerung rufe, dass man nicht verdursten kann, weil das Wasser Trinkwasserqualität hat.

Und sprach der Veranstalter nicht auch von gelben Bojen, die einem den Weg in das Ziel weisen? Auch diese suche ich erfolglos. Stattdessen wandert mein Blick zu den vielen hoch motivierten und ambitionierten Schwimmern, die mich mit ihren letzten Startritualen zusätzlich verunsichern. Ok, das Niveau scheint wirklich hoch zu sein. Man könnte sagen: Im Fuschlsee wird nicht gekuschelt, sondern leistungsorientiert geschwommen.

Als endlich der Countdown heruntergezählt wird, kommen mir meine schlimmsten Befürchtungen in Erinnerung: Ich werde hoffentlich nicht mutterseelenallein im See schwimmen. Schon nach wenigen Sekunden zieht sich das Feld auseinander. Am Ende vermute ich mich als Schlusslicht, einzig von einem treuen Stand-up-Paddler begleitet. Ist der so etwas wie ein Besenwagen, den es beim Marathon gibt?

Vorn Schwimmer im Neoprenanzug (Pflicht), hinten sonnenverwöhnte Badegäste.

Vorn Schwimmer im Neoprenanzug (Pflicht), hinten sonnenverwöhnte Badegäste.

Foto >Veranstalter

Egal, jeder schwimmt, so lange er braucht. Ein Zeitlimit gibt es beim Fuschlseecrossing nicht, hat der Veranstalter bei der Wettkampfbesprechung gesagt, bevor wir mit einem Shuttleservice zur anderen Seite des Sees gebracht wurden. Ich denke mir: Einfach nur ankommen! Oder wie Dorie im Film „Findet Nemo“ sagt: einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen.

Und dann, endlich, erkenne ich etwas Gelbes. Noch ganz klein und weit entfernt. Selten empfand ich die Farbe Gelb so schön und anziehend wie in diesem Moment, als die Markierungsboje des Zielbereichs am Horizont aufblitzt. Sofort schossen mir die Endorphine in den Körper, die die schweren Arme und meine Rückenschmerzen mundtot machen – für ein paar hundert Meter. Warum kommt dieses Mist-Ding nicht näher? Schwimme ich, verdammt noch mal, auf der Stelle? Wann kommt die Nahtod-Erfahrung? Ich rufe mir in Erinnerung: „Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen.“ Schließlich erbarmt sich die Boje und kommt mir ein Stück entgegen, langsam, sehr langsam. Das Ziel ist zum Greifen nahe und ich sehe wieder Boden unter meinen Füßen. Mit jedem Schwimmzug werden die Steine scheinbar größer. Ich schaffe das! Ich schaffe das! Ich habe es geschafft! Mit schweren Beinen und Armen stolpere ich ins Ziel.

Und wie sich herausstellt, war ich nicht mal die Letzte. Aber was spielt das für eine Rolle? Der Applaus ist für alle gleich und auch der letzte Finisher wird zu der Siegeshymne von Queen gefeiert. Hier ist jeder ein Champion!

Am Abend feiern alle gemeinsam und jeder einen persönlichen Sieg. Die Ersten werden mit einer Siegerehrung für ihre hervorragenden Leistungen geehrt. Und es folgt ein kulinarisches Buffet, das der Qualität der Veranstaltung in nichts nachsteht und einen Schlussakkord eines schönen Tags setzt.

Nach der Erschöpfung setzt schon kurze Zeit später die Freude bei unserer Kollegin Stephanie ein.

Nach der Erschöpfung setzt schon kurze Zeit später die Freude bei unserer Kollegin Stephanie ein.

Foto >Veranstalter

Erschöpft aber glücklich liege ich abends auf dem Bett meines Hotelzimmers. Dann trudelt eine WhatsApp-Nachricht meines Trainers aufs Handy ein: "Ich habe dir vorher besser nicht verraten wollen, dass lange Distanzen im Freiwasser immer weh tun."

Danke, dachte ich, jetzt weiß ich Bescheid. Und dennoch freue ich mich schon aufs nächste Jahr.