Eiskalt erwischt

Im Januar kommen Eisschwimmer aus aller Welt nach Burghausen. Die Stars der Szene schwimmen die Königsdisziplin: die 1.000 Meter. Manch ein Neuling wagt sich an die 50 Meter. Und viele Schwimmer bibbern, nicht nur im Training.

| 23. November 2016 | AKTUELL

Breitenauer See | Ein Trio im Breitenauer See.

Ein Trio im Breitenauer See.

Foto >Günter Eckert

So ein Blödsinn. Was mache ich hier eigentlich? An diesem kalten Sonntagmorgen im November am Ufer des Breitenauer Sees bei Heilbronn. Wie Günter Eckert und Matthias Leers stehe ich bei knapp über 0 Grad Lufttemperatur nur mit einer Badehose bekleidet am Wasser. Die beiden sind Mitglied der Gruppe Ice Swimming Breitenauer See, sie haben mich schon zigmal eingeladen. Jetzt bin ich da. Ein paar dick angezogene Spaziergänger bleiben stehen und staunen ungläubig beim Anblick der drei fast nackten Schwimmer. Das Seewasser hat 7,5 Grad. Und das ist eigentlich noch viel zu warm.

Jeder Eisschwimmer hat sein eigenes Rezept. Ich muss mich sofort in den See oder in den Fluss stürzen und los kraulen. Andere waten ganz langsam ins Wasser hinein, stehen minutenlang knietief im See, kühlen sich langsam ab und fangen erst dann an Brust zu schwimmen, ganz gemächlich.

Günter Eckert | Martin Tschepe krault im Breitenauer See.

Martin Tschepe krault im Breitenauer See.

Foto >Günter Eckert

Weltmeisterschaften in Bayern

Der ehemalige deutsche Nationalschwimmer und Ausdauersportler Christof Wandratsch hat das Eisschwimmen hierzulande populär gemacht. Der Hauptschullehrer, der im Dezember 50 wird, hat seither alle möglichen Rekorde im Eisschwimmen aufgestellt, er hat die German Open ins bayerische Burghausen geholt. Im Januar gehen in dem Städtchen an der Grenze zu Österreich diesmal zusätzlich und erstmals die Weltmeisterschaften über 1.000 Meter im Eisschwimmen über die Bühne. 

Wem das zu lang ist, kann in Burghausen kürzere Strecken schwimmen, 50 Meter, 100 Meter, 200 Meter oder 500 Meter. Oder mit Freunden eine Staffel melden. Wer sich nicht qualifiziert hat für die Weltmeisterschaft, darf die 1.000 Meter im Rahmen German Open schwimmen, am Tag nach der WM. Vor ein paar Wochen sind die Eisschwimmer wieder ins Training eingestiegen, in vielen Ecken der Republik. Zum Beispiel die Anna Krämer im Saarland und der Marcus Reineke in Niedersachsen, die Conny Prasser in Moritzburg und der Uli Munz in Haidgau in Baden-Württemberg.

Badesachen – sonst nichts!

Mittlerweile stimmen die Bedingungen - wenn die Rekorde aber zählen sollen, dann muss das Wasser noch kälter werden, kälter als fünf Grad. Wer beim Eisschwimmen antritt, darf lediglich eine Badehose beziehungsweise einen Badeanzug tragen und eine - nur eine! - Bademütze. Ferner zugelassen sind Ohrenstöpsel, sonst nichts. Auch mit Fett eincremen ist tabu - im Fall der Fälle muss der Schwimmer nämlich schnell von den Helfern aus dem Wasser gefischt werden. Und das ist schwierig, wenn der Körper ölig-glitschig ist. 

Fast alle Eisschwimmer bibbern - nicht nur beim Training. Sie haben mitunter richtig Schiss. Ich auch. Ich hab einen Höllenrespekt vor den 1.000 Metern bei vier Grad, womöglich bei nur drei oder zwei. Ich will die Strecke erstmals im Wettkampf schwimmen. Bis dato sind die Gewässer, die ich fürs Training schnell erreichen kann, auf gut sieben Grad abgekühlt. Man könnte also sagen: es ist noch Luft nach unten. Unser Neckar hatte kürzlich 7,7 Grad, und der Breitenauer See besagte 7,5. Im Neckar bin ich den Kilometer in knapp 17 Minuten gekrault. Gefühlt eher gemütlich. Tempo machen will ich erst in Burghausen. Aber abwarten, ob das überhaupt möglich ist: richtig Gas geben im Eiswasser.

Bis zu 25 Minuten im Eiswasser

Die Topathleten wie Wandratsch schwimmen schneller, viel schneller. Ungezählte Hobby-Eisschwimmer indes sind langsamer unterwegs. Und diese Damen und Herren sind aus meiner Sicht die Helden der überschaubaren Szene - sie sind für 1.000 Meter nämlich bis zu 25 Minuten lang im Eiswasser. Unglaublich.

Eine dieser Schwimmerinnen ist Anna Fischer. Sie trainiert im Wöhrsee in Burghausen, in dem im Januar die Wettkämpfe stattfinden. Kürzlich war Anna zwölf Minuten lang bei sieben Grad im See - und hat nach dem Schwimmer erklärt: „Mir tun brutal die Finger weh.“ Sie wisse gar nicht, wie sie die doppelte Zeit in noch kälterem Wasser packen solle. Wird schon, Anna - hat im vergangenen Winter doch auch geklappt.

Hände wie Holzklötze

Mein Seetraining mit Günter und Matthias läuft richtig gut. Danke für die Einladung. Das Ambiente ist spektakulär. Der See liegt idyllisch vor einer Weinbergkulisse. Matthias und Günter gehören eher zur Riege der Langsamschwimmer. Wir drei bleiben knapp 18 Minuten lang im See - die zwei schwimmen in dieser Zeit einmal zur hinteren Insel und wieder zurück zum Start. Ich kraule die dreifache Distanz, geschätzt knapp 1,2 Kilometer. Spätestens nach fünf Minuten schwindet das Gefühl in den Fingern und in den Zehen. Später fühlen sich die Hände an wie Fremdkörper, wie Holzklötze, die (vorübergehend) nicht zum Körper gehören.  

So ein Blödsinn - dieser Gedanke ist bald wie weggewischt. Je näher ich der 1.000-Meter-Marke komme, desto größer wird bei jedem Training die Euphorie. Viele Eisschwimmer hat das neue Hobby eiskalt erwischt. Kaum einer hätte früher gedacht, dass Eisschwimmen Spaß machen kann. Danke Christof, für diese Erkenntnis - und bis demnächst im Wöhrsee.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimmabenteuern.