Blau, blau, alles so schön blau

Seensucht ist ein Langzeitprojekt unsers Autors. Er hat bereits die größten Seen in Deutschland gequert. In loser Folge die nächsten. See Nummer 11: der Lac d’Annecy am Rande der französischen Alpen - ein grandioses Schwimmrevier.

| 9. September 2017 | AKTUELL

Für sein Projekt Sehnsucht hat es Martin Tschepe diesmal nach Frankreich verschlagen.

Für sein Projekt Sehnsucht hat es Martin Tschepe diesmal nach Frankreich verschlagen.

Foto >Martin Tschepe

Alles so schön blau hier. Der Himmel: blau. Das Wasser: blau. Die Franzosen nennen ihn den blauen See, le Lac bleu.

Grandios, dieser Lac d’Annecy - jedenfalls an Werktagen wie diesem im Spätsommer. Es ist früh am Morgen. Die Sonne lugt noch nicht über die mächtigen Berge, die den etwa 16 Kilometer langen See am Rande der französischen Alpen einrahmen. Zu dieser Stunde habe ich den See gefühlt ganz für mich allein. Okay, unten schwimmen bestimmt jede Menge Fische, ab und zu schauen ein paar vorbei. Die Sicht im See ist gut. Und oben fahren an diesem Morgen zwei Heißluftballons ganz langsam in Richtung Westen.

See und seelig - wer weiß, vielleicht haben diese zwei Worte ja mehr gemein, als man annimmt. Ich jedenfalls schwimme mit kräftigen Zügen - und bin seelig. Gestartet bin ich in Angon, einem winzigen Ort am Ostufer des Sees. Ich schwimme immer in Richtung Norden. Die Stadt Annecy ist mein Ziel. Annecy sei das Venedig der Alpen, ist in den Reiseführern zu lesen.

Grandiose Aussichten am Lac d’Annecy.

Grandiose Aussichten am Lac d’Annecy.

Foto >Martin Tschepe

Der Neo schützt vorm Untergehen

Es ist fast windstill. Das Wasser glänzt türkis-blau. Alle paar hundert Meter schwimmt eine gelbe Boje mit der Aufschrift 5 km/h. Vermutlich das Speedlimit im See? Ich komme mit geschätzt 3,5 Stundenkilometern voran, schwimme gemütlich, ziehe mein Gepäck in einem wasserdichten Schwimmsack hinter mir her, trage einen Neoprenanzug.

Die Kunststoffpelle wäre wegen der Wassertemperatur keinesfalls nötig, der See ist warm, er hat etwa 22 Grad. Wer indes ganz allein schwimmt, der ist besser dran mit Neo - sicher ist sicher. Mit Anzug kann ich zumindest nicht untergehen, falls etwa passieren sollte. Es wird indes nichts passieren. Aber das weiß man ja vorher nie.

Nach knapp einer halben Stunde schwimme ich vorbei an Talloires, einem mondänen Flecken mit schönen Hotels und einem Café mit grandioser Seesicht, in dem ein winziger Kaffee stolze fünf Euro kostet.

Ich schneide eine Bucht, spare mir so ein paar hundert Meter und schwimme dann direkt an einer steilen Felswand entlang. Oberhalb des Felsens liegt das Reserve Naturelle du Roc de Chere, ein offenbar gefährliches Revier. Jemand hat jedenfalls an die steile Felswand geschrieben: „Gefahr, Vipern“. Ein paar Armzüge von diesem Slogan entfernt haben Eltern eine Erinnerungsplakette befestigt auf der zu lesen ist, dass der 19-jährige Sohn im Juni 1972 an dieser Stelle im See beim Tauchen tödlich verunglückt ist.

Villen, Schlösser und eine Bayern-Fahne

Mit gemischten Gefühlen kraule ich lieber schnell weiter, komme vorbei an ungezählten schicken Häusern und Villen mit eigenem Ufer, Steg und Bootshaus. Daheim ist offenbar kaum jemand in diesem Ferienimmobilen wohlhabender Franzosen. Vor einem der Gebäude flattert eine blau-weiße Fahne aus Südostdeutschland, „Freistaat Bayern“ ist darauf zu lesen. Also nicht nur Franzosen hier.

Die Wasseroberfläche ist nach wie vor fast spiegelglatt. Gelegentlich sind jetzt kleinere Boote unterwegs - wenn diese vorbei schippern, dann kommen ein paar Wellen auf, schaukeln mich beim Schwimmen. Die Gebäude am Ufer und in den Bergen sehen aus wie Spielzeug: das angeblich teuerste Hotel am See zum Beispiel, in den ein Abendessen fast 400 Euro kosten soll. Wer es ein bisschen einfacher mag, der kann für diese Summe eine Woche lang ein Mobilhome auf einem der vielen Campingplätze am Seeufer mieten.

Auf einem Berg bei Menthons-St-Bernard thront das Chateau de Menthon. Mit seinem vielen Türmchen schaut es aus wie ein echtes Märchenschloss. Das Chateau habe als Vorlage für Walt Disneys Dornröschen gedient, so jedenfalls die Legende, die man sich am See erzählt.

Ob die Polizei mich stoppt?

Nach knapp zwei Stunden: Halbzeit, Vesperpause auf einem der vielen privaten Bootsstege. Auch hier ist offenbar niemand daheim. Apfelschorle, Käsebrot, Schokolade - und weiter. Das Ziel, das Casino in Annecy, ist zwar noch etwa sechs Kilometer entfernt, aber schon gut zu sehen. Es ist untergebracht in einem mondänen, weiß schillernden, etwa 100 Jahre alten Gebäude direkt am Ufer. Im Casino will ich freilich kein Geld liegen lassen, auf dem Parkplatz nebenan steht mein Auto.

Daumen hoch: auch dieser ist geschafft!

Daumen hoch: auch dieser ist geschafft!

Foto >Martin Tschepe

Vielerorts am Ufer stehen Schilder, die verkünden: baigner interdit, baden verboten. Aber ich will ja nicht baden, ich will nur schwimmen. Je näher ich der Großstadt Annecy komme, desto bohrender werden aber die Gedanken: Hält mich womöglich die Polizei an? Muss ich meine Seequerung abbrechen? Aber nein.

Kurz vor Annecy treffe ich ein paar Stand-up-Paddler. Wir grüßen uns freundlich mit einem Winken. Das imposante weiße Gebäude wird immer größer. Als ich am Ufer ankomme, sehe ich, dass viele Einheimische im Wasser schwimmen und plantschen - obgleich auch beim Casino auf einem Schild steht: baden verboten. Vive la France.

Martin Tschepe ist Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer beim SV Ludwigsburg.
Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Infos auf www.bahn9.de